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Eine Ein-Euro-Erfolgsstory

Als „Hartzerin“ zum d.a.i. und jetzt mit Job an der Uni

Ein-Euro-Jobs sind berüchtigt als Arbeitslosen-Fallen. Der Fall einer Ein-Euro-Mitarbeiterin am Deutsch-Amerikanischen Institut zeigt, dass sie in einen richtigen Arbeitsplatz münden können. Aber auch: Nur wenn sich der Arbeitgeber dafür engagiert.

16.04.2011

Von Ulrike Pfeil

Ein-Euro-Jobs sind berüchtigt als Arbeitslosen-Fallen. Der Fall einer Ein-Euro-Mitarbeiterin am Deutsch-Amerikanischen Institut zeigt, dass sie in einen richtigen Arbeitsplatz münden können. Aber auch: Nur wenn sich der Arbeitgeber dafür engagiert.

Das war der Ein-Euro-Arbeitsplatz von Franziska Motzer: In der Bibliothek des Deutsch-Amerikanischen Instituts fand die junge Frau einen Beruf, der ihr Freude macht, und mit Unterstützung ihres Arbeitgebers eine neue Ausbildung und einen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit. Bild: Sommer

In dieser Woche hat Franziska Motzer ihre neue Stelle angetreten: Am Institut für Kriminologie der Uni auf dem Sand wird die 27-Jährige als frisch examinierte „Fachangestellte für Medienund Informationsdienste“ die Institutsbibliothek betreuen. Sie freut sich auf diese Arbeit, ist hoch motiviert. Und stolz, dass sie das geschafft hat. Denn für sie sah es auch schon mal ganz düster aus.

Nach ihrer ersten Ausbildung zur Wirtschaftskorrespondentin für Englisch und Französisch war Franziska Motzer erst einmal arbeitslos. Sie schrieb Bewerbung um Bewerbung, ohne Erfolg. Sie arbeitete als Sekretärin für einen Euro auf dem Sozialamt – ohne Übernahme. Mit ihrem damaligen Freund, der ebenfalls keine Arbeit hatte, lebte sie von Sozialhilfe, dann von Hartz IV, 800 Euro für beide. „Das war schlimm, so direkt nach der Ausbildung Geld beantragen zu müssen“, sagt sie. Sie versuchte es als Putzhilfe und - vergeblich – mit Nachhilfe. Im April 2005 kam ein Brief von der Arbeitsagentur: Zwei Ein-Euro- Jobs wurden ihr angeboten: einer als Bäckerei-Aushilfe, der andere beim Deutsch-Amerikanischen Institut.

„Ich habe mich gleich beim d.a.i. Vorgestellt“, sagt Motzer. „Und ich habe gebetet, dass sie mich nehmen.“ Als sie zwei Tage später die Zusage bekam, sei sie in die Höhe gesprungen vor Freude. „Ich sah das als Chance.“ Und das war es auch: Sie wurde in der Bibliothek gebraucht, um andere Mitarbeiter für neue Projekte zu entlasten. Niemand ließ sie im d.a.i. Spüren, dass sie „nur Ein-Euro“ war. Motzer empfand es auch nicht als Ausbeutung, im Gegenteil: „Das Geld bekommt man ja zusätzlich zu Hartz IV. Das erhöht dann den Stundenlohn.“ Viel wichtiger war, dass das Institut als Arbeitgeber sich für sie einsetzte. Erst wurde für die auf ein halbes Jahr befristete Ein-Euro- Stelle eine Verlängerung beantragt.

Dann überzeugte d.a.i.-Direktorin Ute Bechdolf ihr Präsidium, dass sie dringend eine Bibliotheksassistentin brauchten. Motzer bekam die befristete 50-Prozent-Stelle – weg von Hartz IV! Nach weiteren anderthalb Jahren überlegte das Institut, wie es der Hilfskraft zu einer existenzsichernden Qualifikation verhelfen könnte. Um sie als Auszubildende anzustellen, musste sich das d.a.i. Beim Regierungspräsidium in Karlsruhe erst selbst als Ausbildungsbetrieb für das Bibliothekswesen anerkennen lassen.

Dann gab es ein Kostenproblem: Vom Arbeitsamt bekam Motzer keine finanzielle Unterstützung, weil sie schon eine Ausbildung hatte. Als Umschulung ging die Bibliotheksausbildung nicht durch, weil sie in ihrem Beruf noch nicht gearbeitet hatte. Im d.a.i.-Etat war nicht genug Geld. Zum Glück fand sich die evangelische Diakonie bereit, das halbe Lehrlingsentgelt zu übernehmen.
Von da an pendelte Motzer als Azubi alle paar Wochen für einige Tage Blockunterricht an die Berufsschule in Calw. Die Ausbildung umfasste fünf Fachbereiche: Bibliothek, Archiv, Bildagentur, Information und Dokumentation, medizinische Dokumentation. Wegen eines privaten Schicksalsschlags brauchte sie bis zur Abschlussprüfung etwas länger als die vorgesehenen drei Jahre. Aber es gibt ihr heute Kraft und Selbstbewusstsein, dass sie „das durchgezogen“ hat.

Dass das d.a.i. Sie am Ende nicht übernehmen konnte, findet Motzer ganz in Ordnung: „Ich wäre dort immer die Azubi geblieben. Es ist sinnvoll, auch mal was Anderes kennen zu lernen.“ Ihrem Ausbildungsbetrieb ist sie sehr dankbar. „Das d.a.i. Hat für mich gekämpft“, sagt Motzer. Ihr ist bei dieser Chance bewusst geworden, dass sie „nichts Anderes mehr machen will als in einer Bibliothek zu arbeiten“.

Schade findet sie, dass das System der Ein-Euro-Jobs für die Vermittlung in neue Arbeitsverhältnisse nicht besser funktioniert. „Es gibt so viele Leute draußen, die sehr motiviert sind. Aber sie werden nicht übernommen.“ Vielleicht auch deswegen: Niemand denkt für sie mit.

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Erstellt:
16. April 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. April 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. April 2011, 12:00 Uhr

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