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Nahost

„Als Bombenleger abgestempelt“

Kommende Woche startet eine baden-württembergische Delegation nach Israel. Mit dabei ist der Stuttgarter IT-Unternehmer Frank Müller, der auch Mitarbeiter in Palästina hat.

25.03.2017
  • ELISABETH ZOLL

Stuttgart. Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) besucht kommende Woche im Rahmen einer Delegationsreise nach Israel in Begleitung von Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) und Wirtschaftsvertretern unter anderem eine Niederlassung des Stuttgarter IT-Unternehmens Axsos im palästinensischen Ramallah. Dessen Vorstandschef Frank Müller erzählt im Interview mit unserer Zeitung, wie es zur Gründung dieser Niederlassung kam – und wie es sich anfühlt, dort zu arbeiten.

Warum haben Sie ausgerechnet Ramallah als Standort für Ihre Niederlassung gewählt?

Frank Müller: Wie andere Unternehmen auch suchen wir händeringend nach Fachkräften. Im IT-Bereich sind in Deutschland 30 000 bis 50 000 Stellen unbesetzt. Doch wir wollten nicht wie Lemminge anderen hinterher gelaufen, die zum Beispiel in Indien Spezialisten suchen. Unsere Strategie war, die Kulturvorteile der arabischen Welt, zum Beispiel die Gastfreundschaft und Zugewandheit, mit den deutschen zu verbinden. So kommen Wohlfühlen und Qualitätsbewusstsein zusammen. Bei uns führt das zu guten Ergebnissen.

Was machen Sie genau in Ramallah?

Vor allem Endanwendersupport für Firmen, primär für deutsche Kunden. Wir entwickeln dort aber auch Individualsoftware. Derzeit arbeiten in Ramallah 50 Mitarbeiter in gemischten Teams.

Wen stellt das Miteinander in den deutsch-arabischen Teams vor größere Herausforderungen?

Schwer zu sagen. Wir haben vor drei Jahren ein Leadership-Training eingeführt. Dabei werden auch kulturelle Fragen besprochen. Viele Teilnehmer sehen das Miteinander als Bereicherung.

Sie haben in den vergangenen Jahren schon viele Gäste nach Ramallah eingeladen. Stoßen Sie da auf Vorbehalte?

In Deutschland gibt es unausgesprochene Stereotypen, die mit den politischen Konflikten verbunden sind. Palästinenser werden als Steinewerfer, Bombenleger oder Beduinen mit Kamelen abgestempelt. In unserer Firma versuchen das aufzubrechen.

Wie machen Sie das, dass sich die Menschen darauf einlassen?

Das fängt mit kleinen Geschenken aus Palästina für Kunden an. Ein Mal im Jahr kochen ich und ein Sternekoch für Führungskräfte deutsch-orientalisch. Das ist eine gute Gelegenheit für tief gehende Gespräche über Kultur und Politik im Nahen Osten. Wenn unsere Besucher dann selbst einmal die Mauer, die Checkpoints oder in der Abraham Moschee in Hebron die scharfen Sicherheitsvorkehrungen sehen, bekommen sie ein anderes Verständnis dafür, was vor Ort eigentlich los ist.

Ihre Niederlassung ist in einer politischen Spannungsregion. Mit welchen Einschränkungen ist das verbunden?

Mit relativ wenig. Es gibt ein anderes Problem. Kommendes Jahr jährt sich die israelische Besatzung der Westbank zum 70. Mal – mit all den damit verbundenen Einschränkungen. Das hat in den Köpfen der Menschen ein Opferbewusstsein hinterlassen. Dieses aufzubrechen und den jungen Menschen zu vermitteln, ihr habt einen Gestaltungsspielraum, ihr könnt das Land verändern, damit vielleicht irgendwann einmal eine Augenhöhe zwischen Israel und Palästina entsteht, ist die größte Herausforderung.

Und in der praktischen Arbeit: Behindern Sie Abriegelungen?

Wenig. Unsere IT-Mitarbeiter können bei Ausgangssperren auch von Zuhause aus arbeiten. Die Internet-Ausstattung in Palästina ist sehr gut. Wer in anderen Bereichen tätig ist, hat es schwerer. Bei Exporten von landwirtschaftlichen Produkten oder in der Seifenherstellung ist man in ganz anderem Maße auf den Goodwill Israels angewiesen.

Sind Sie als Freund Palästinas israelischen Schikanen ausgesetzt?

Ich positioniere mich nicht per se als pro-palästinensisch. Ich bin pro Frieden. Und das schließt beide Seite mit ein. Vor allem wir Deutsche tun gut daran, beide Seiten zu sehen und zu moderieren. Wichtig ist mir, dass die junge Generation Palästinas ihr Leben nicht verschwendet mit Steinewerfen. Natürlich sind die arabischen Mitarbeiter unter israelischer Besatzung eingeschränkt.

Inwiefern?

Sie wohnen 20 bis 30 Kilometer von Jerusalem entfernt, waren aber noch nie in der Stadt. Bei der israelischen Militärverwaltung haben wir deshalb einmal eine Besuchserlaubnis beantragt. Ohne Erfolg. Beide Seiten, die israelische und die palästinensische, können sich kaum in die Lage der Menschen auf der anderen Seite hineinversetzen. Und die Politik tut nichts, um diese Barrieren abzubauen. Im Gegenteil: Der Konflikt festigt ihre Macht.

Die palästinensische Verwaltung gilt als hoch korrupt. Spüren Sie das?

Da würde ich die Hand nicht herumdrehen. Beide Seiten sind reich an Skandalen. Die internationale Gemeinschaft spielt auch eine unsägliche Rolle. Sie stellt viel Geld zur Verfügung. Doch es wird nicht genutzt für Veränderungen, sondern soll die Betroffenen einfach ruhig stellen.

Welche Erwartungen haben Sie da an die Delegationsreise?

Von unserer Firmenvision ausgehend, kann ein Engagement in Palästina ein Beitrag zum Frieden im Heiligen Land sein. Wir sind gerade dabei, eine Registrierung für eine Niederlassung in Jerusalem zu beantragen. Wir werden wir auch israelisch-jüdische Mitarbeiter einstellen. Die Reise hilft dabei, Kontakte zu knüpfen. Es gibt viele Menschen, die ein Herz für die Region haben und die einen Beitrag zur Veränderung leisten wollen.

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25.03.2017, 06:00 Uhr
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