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Die verlorene Zeit

Alltag mit Dialyse: Ein junger Mann berichtet

Apostolos Gargavanis Leben ist durch den Gang zur Dialyse bestimmt: Seit sieben Jahren hofft er auf eine neue Niere. Obwohl es nicht immer leicht ist, versucht der 28-Jährige im Hier und Jetzt zu leben.

18.11.2010

Von NINA RECKMANN

Apostolos Gargavanis hat aufgehört zu warten. "Früher habe ich immer nur Pläne mit einer neuen Niere gemacht", sagt der 28-Jährige. "Heute plane ich ohne Niere, und wenn sie kommt, dann kommt sie." Der gebürtige Grieche mit den schwarzen Haaren, Unterlippenbärtchen und Brille sieht entschlossen aus. "Die ganze Zeit ohne Perspektive, das schlaucht."

Die ganze Zeit - das sind für den Mann aus Laichingen sieben Jahre. Sieben Jahre steht sein Name auf einer der Wartelisten der Stiftung Eurotransplant (ET), die Organe vermittelt. Diese werden in Deutschland, Österreich, den Beneluxländern, Slowenien und Kroatien verstorbenen Menschen für die Transplantation entnommen. Sieben Jahre, die für ihn durch die Dialyse bestimmt sind. Mit dieser Zeit liegt Gargavanis über dem Durchschnitt: Laut der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO) beträgt die Wartezeit in Deutschland für eine Niere fünf bis sechs Jahre.

Schon als er 21 war, hätten seine Nieren nicht mehr richtig funktioniert, sagt der gelernte Koch. Der Grund dafür ist eine seltene Autoimmunkrankheit, "eine Art Rheuma der Nieren", so habe es ihm ein Arzt einmal erklärt. Bemerkbar machte sich die Krankheit im Jahr 2002 zunächst durch starke Bauchkrämpfe. Damals arbeitete Gargavanis vormittags in einer Kantine und besuchte nebenher die Abendschule, um sein Abitur nachzuholen.

Die Ärzte in der Ulmer Universitätsklinik veranlassten eine Biopsie. Um Gargavanis Nieren zu retten, folgte eine dreimonatige Behandlung mit Kortison. "Das hat mich fertig gemacht", sagt der junge Mann. Ihm sei ständig übel gewesen, er habe weiterhin Schmerzen gehabt und er habe nichts anderes tun können außer schlafen. Seine Arbeit musste er kündigen, die Abendschule an den Nagel hängen.

Dann das ernüchternde Ergebnis: "Meine Nieren waren komplett kaputt", erzählt Gargavanis. Schon damals konnten sie keinen Urin mehr produzieren. Und nach und nach wurde ihm klar: "Alle Pläne für die Zukunft fallen auf einmal flach." Und: "Das ist so, als ob das Leben plötzlich Pause macht."

Seitdem muss der junge Mann sein Blut regelmäßig reinigen lassen. Im ersten Jahr fuhr er dafür dreimal die Woche für fünf bis sechs Stunden in die Klinik. Später schloss er sich täglich für etwa drei Stunden an ein Heim-Dialyse-Gerät an. Gargavanis deutet auf seinen Unterarm, eine dicke Narbe ist zu sehen. "Das ist keine gewöhnliche Narbe", sagt er. Eigentlich besteht sie aus Tausenden Einstichen.

Doch es ist nicht nur die Zeit während der Dialyse, die ihm verloren geht. Auch nach der Blutwäsche ist Gargavanis nicht sofort fit. Oft muss er sich noch Stunden erholen. Er fühlt sich schlapp, weil seinem Blut das Wasser entzogen wurde. Diese Schlappheit überträgt sich manchmal auch aufs Gemüt. "Im Moment komme ich mit der Situation ganz gut klar", sagt Gargavanis - wieder mit entschlossener Miene. Aber es habe auch andere Zeiten gegeben. Zeiten in denen er sich zurückzog, abkapselte, wartete, immer dieses "wenn ich eine neue Niere habe, dann. . ." im Hinterkopf.

"Früher habe ich Sachen auf die lange Bank geschoben", sagt Gargavanis, der sein Abitur mittlerweile nachgeholt hat, ein Physik-Studium wegen seiner Krankheit jedoch wieder abbrechen musste. Heute will er seine Zeit besser nutzen. Das bedeutet für ihn: Mehr ausgehen, seine Ernährung umstellen, wieder ein bisschen Sport machen. Nach mehr als fünf Jahren hat er deshalb mit der Heim-Dialyse aufgehört.

Jetzt fährt Gargavanis dreimal die Woche zur Nachtdialyse nach Ulm. Dort wird er gegen 22 Uhr ans Dialyse-Gerät angeschlossen und um 5.30 Uhr wieder geweckt. Nachmittags hilft er dann im Restaurant seiner Eltern aus - auf Dauer reicht ihm das aber nicht. Seit einiger Zeit überlegt er sich vielleicht wieder zu studieren, Lebensmitteltechnik würde ihn interessieren. . .

Trotz allem Lebensmut bleibt jedoch ein Verlangen: "Ich wünschte, ich könnte einmal Urlaub von der Dialyse machen."

Das Warten hat er sich abgewöhnt, aber das Hoffen nicht: Der 28-jährige Apostolos Gargavanis lebt seit sieben Jahren mit Dialyse. Foto: Sophie Krauss

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Erstellt:
18. November 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
18. November 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. November 2010, 12:00 Uhr

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