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Leidenschaft für die Linie

"Alleskünstler" Henry van de Velde wurde vor 150 Jahren geboren

Der Designer und Architekt Henry van de Velde kam vor 150 Jahren zur Welt - und hat in ganz Europa Spuren hinterlassen. Seine wichtigsten Jahre verbrachte der ambitionierte "Alleskünstler" in Thüringen.

03.04.2013

Von THOMAS BICKELHAUPT, EPD

Weimar Es war ein Weihnachtsgeschenk der besonderen Art: Am 24. Dezember 1901 ernannte der Weimarer Großherzog Wilhelm Ernst den Designer und Architekten Henry van de Velde (1863-1957) zum künstlerischen Berater für Industrie und Kunsthandwerk. Damit hatte der Belgier wieder eine berufliche Perspektive. Kurz zuvor waren in Berlin van de Veldes "Kunstwerkstätten" für sündhaft teure Möbel grandios gescheitert - nicht etwa wegen mangelnder Nachfrage, sondern am unzulänglichen ökonomischen Sachverstand des Inhabers.

In Weimar sah van de Velde, der vor 150 Jahren am 3. April in Antwerpen geboren wurde, eine neue Chance. Als herzoglicher Berater gründete er 1902 gegen den Niedergang der Produktkultur sein "Kunstgewerbliches Seminar", das Beratungsbüro und "Laboratorium" zugleich war. Bei Touren durch das Land suchte er direkten Kontakt zu den Produzenten. In den Töpfereien von Bürgel sorgte er für unbedenkliche bleifreie Glasuren, für die Manufaktur in Burgau entwarf er Porzellangeschirr. Den Korbmachern aus Tannroda eröffnete er Vertriebswege bis ins ferne Berlin, und den Glasbläsern in Lauscha gab er Hinweise für modernen Christbaumschmuck. Ab 1907 gab es an seiner Kunstgewerbeschule für angehende Designer Werkstätten - von Goldschmiede über Buchbinderei, Weberei und Knüpferei bis zu Keramik und Metallverarbeitung - sowie Kurse für Zeichnen und Modellieren.

Für Produktdesign hatte sich van de Velde schon interessiert, als er noch an eine Karriere als Maler glaubte. Besonders beeindruckten ihn die Engländer William Morris und John Ruskin. Sie hatten im 19. Jahrhundert mit der "Arts and Crafts"-Bewegung einer neuen Einheit von Kunst, Kunsthandwerk und Produktion das Wort geredet. Bei van de Velde wurde daraus "die Leidenschaft für die Linie", die ohne unnötigen Zierrat auskommt und von zeitloser Eleganz lebt. Als Jugendstilkünstler hat er sich jedoch nie bezeichnet. Sein Traum von einer "Wiederkehr der Schönheit auf Erden" war für ihn verbunden mit der Hoffnung auf eine "Ära sozialer Gerechtigkeit und menschlicher Würde". Auf dieser Grundlage nahm das Seminar in Weimar die Intentionen vorweg, die Walter Gropius am gleichen Ort 1919 mit dem Staatlichen Bauhaus umsetzte.

Für van de Velde selbst wurde es in der Stadt mit den Jahren eng. Schwärmte er anfangs noch vom "ruhigen Leben der Residenz", so fand er sich bald wieder "zwischen allzuviel Weihrauch und unversöhnlicher Anfeindung". Die Idee vom "Neuen Weimar", der er seine Berufung zu verdanken hatte, wendete sich als zunehmend konservative Strömung ins Nationale und Antimoderne. "Immer mehr fühlte ich mich in der Atmosphäre tödlicher Mittelmäßigkeit isoliert; abgestoßen von der Teilnahmslosigkeit und dem Dünkel neuer Hofleute", resümierte van de Velde 1912. Drei Jahre später, während des Ersten Weltkriegs, wurde die Kunstgewerbeschule geschlossen. Ihr Gründer musste sich als "feindlicher Ausländer" drei Mal täglich bei der Polizei melden. Nach 15 Jahren in Weimar konnte er die Residenz schließlich 1917 in Richtung Schweiz verlassen, um später in seine belgische Heimat zurückzukehren. Doch trotz der Dissonanzen sollte die Zeit in Thüringen für den "Alleskünstler" die wichtigste werden.

Die Bedeutung seines Instituts für das spätere Bauhaus als der wichtigsten Kunstschule der Moderne ist unbestritten. Zudem ist Weimar in besonderer Weise mit dem Architekten van de Velde verbunden. Zwar verhinderten höfische Intrigen seinerzeit Gesamtkunstwerke wie Theater, Museum und andere Neubauten, die das Gesicht der Stadt prägen sollten. Dagegen sind sein "Haus Hohe Pappeln" und zwei weitere Stadtvillen anschauliche Beispiele dafür, was van de Velde unter modernem Wohnen verstand: klare räumliche Strukturen, in denen Interieur und Gebrauchsgegenstände bis ins letzte Detail abgestimmt sind.

Von Weimar aus entstanden zahlreiche Bauten in europäischen Städten. Im mitteldeutschen Raum bekannt sind repräsentative Villen wie das Haus Schulenburg in Gera oder das Haus Esche in Chemnitz. In seiner belgischen Heimat wurde er ab 1926 zu einer der prägenden Persönlichkeiten der modernen Architektur mit Aufträgen bis nach New York. Er starb 1957 in Zürich. Allein in Brüssel sind zahlreiche Wohngebäude erhalten, die ihre ursprüngliche Ausstattung zumeist verloren haben. Van de Veldes Erstling jedoch, das Haus "Bloemenwerf" von 1894/95, präsentiert sich in der Brüsseler Gemeinde Uccle weitgehend als historisches Original.

Der Belgier Henry van de Velde in seinem Weimarer Studio, fotografiert von Louis Held. Foto: Getty Images

Sessel 1896/97, Privatbesitz. Foto: VG Bild-Kunst

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Erstellt:
3. April 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
3. April 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. April 2013, 12:00 Uhr

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