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Für Wachkoma-Patienten sind Wohngemeinschaften eine Alternative

Alles für ein Lächeln

In Mössingen leben Wachkoma-Patienten in einer Wohngemeinschaft zusammen. Angehörige haben diese WG gegründet. Sie soll den Betroffenen eine Heimat bieten. Die Idee gilt als zukunftsweisend.

01.12.2015
  • JONAS SCHÖLL, DPA

Mössingen. Die Nacht, die alles verändert hat, liegt mehr als 14 Jahre zurück. Diana und Rüdiger Schmidt schauen im Wohnzimmer einen Film, dann bleibt Rüdigers Herz stehen. Vermutlich ein allergischer Schock, sicher weiß Diana Schmidt das bis heute nicht. Die Ärzte retten das Leben des heute 65-Jährigen, doch er fällt in ein Wachkoma. Diana wird nie mehr ein Wort mit ihrem Mann wechseln können.

Rüdiger Schmidt war der erste Bewohner in der Wohngemeinschaft für Wachkoma-Patienten in Mössingen (Kreis Tübingen). 2012 zog er ein, heute leben dort acht weitere Patienten. Es ist eine in Baden-Württemberg einzigartige Wohnform für Menschen im Wachkoma, eine Einrichtung zwischen dem Heim und der Pflege zu Hause.

Verwaltet wird die Wohngemeinschaft (WG) von den Familien selbst. Angehörige haben diese gegründet, weil sie unzufrieden waren mit der Pflege in Heimen - oder weil sie allein zu Hause an der Aufgabe schier zerbrachen. Neben der Betreuung der Angehörigen bekommen die Mössinger WG-Bewohner eine 24-Stunden-Pflege von einem Team des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im Kreisverband Tübingen.

Das Konzept scheint aufzugehen: „Werbung für unsere Wohngemeinschaft brauchen wir nicht. Die Nachfrage ist immens“, sagt Herbergsmutter Annette Saur. Sie ist Mitinitiatorin und Vorsitzende des Vereins Ceres, der hinter dem Projekt steht. Die Idee macht Schule: Neben der WG in Mössingen gibt es seit diesem Jahr Wachkoma-Wohngemeinschaften in Esslingen und Nürtingen.

„In den ersten Jahren ist es immer das Ziel, die Patienten ins Leben zurückzuholen“, sagt Saur. Doch selbst wenn die Bewohner nie mehr aufwachten, hätten sie ein menschenwürdiges Leben verdient. Im Mössinger Haus Ceres sollen die Bewohner Sicherheit und Geborgenheit finden - und sich heimisch fühlen. Die Angehörigen und Pfleger der Wachkoma-WG wollen sich vor allem mehr Zeit nehmen, als es in den üblichen Pflegeheimen der Fall sei, sagt Saur. „Man muss Vertrauen aufbauen, dann öffnet sich ein Wachkoma-Patient. Dann wird er lesbar“, sagt sie. Zum Beispiel könnten schnelles Atmen oder Spucken Zeichen für Unmut sein, kleine Fältchen im Gesicht andererseits drücken Freude aus.

So wie in diesem Augenblick bei Rüdiger Schmidt. Ganz kurz formen sich seine Lippen zu einem Lächeln. „Was für ein wunderschöner Moment“, sagt seine Frau Diana. Sie steht an seinem Bett, streichelt seine Hände, küsst ihn auf die Stirn und spricht leise zu ihm. Doch das Lächeln ihre Mannes weicht schnell, seine Augen bleiben zwar noch offen, doch der Blick geht ins Leere.

In Pflegeheimen werde Wachkoma-Patienten häufig nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet, sagt Schmidt. Sie spricht von Pflege im Fabrik-Modus, zu wenig Zeit, zu wenig Personal. Bevor er in die Mössinger WG kam, war ihr Mann Rüdiger acht Jahr in einem Pflegeheim. Keine gute Zeit: „Ich hatte jedes Mal einen Horror, wenn ich zur Tür reinkam“, erinnert sie sich: „Mein Mann war vom Pflegeheim traumatisiert.“

In der Mössinger Wohngemeinschaft hat jeder Patient ein eigenes, privates Zimmer. Über Rüdiger Schmidts Bett hängt ein Traumfänger, an den Wänden kleben Familienfotos. Die Räume des ehemaligen Forsthauses sind hell und lichtdurchflutet, die Parkettböden sind aus Eiche, Esche oder Buche. Es gibt auch ein Wohnzimmer, eine Küche, Gemeinschaftsbäder und sogar einen Garten. Das Leben in der Gemeinschaft soll die Last der Schicksale aller erträglicher gestalten, sagt Saur. Diana Schmidt nickt. „Die häusliche Pflege macht Familien kaputt“, berichtet sie, aus eigener Erfahrung. „Irgendwann gibt man sein eigenes Leben auf.“ Vor allem den beiden Töchtern machte der Zustand des Vaters gehörig zu schaffen, scheinbare Freunde kehrten der Familie den Rücken zu.

Ein pauschales Urteil, welche Pflegeform bei Wachkoma-Patienten am geeignetsten sei, will das Landes-Sozialministerium nicht fällen. „Keine Wohnform ist von vorneherein besser als die anderen“, sagt dessen Sprecher Helmut Zorell in Stuttgart. „Eine WG lebt ganz entscheidend davon, wie es gelingt, die Angehörigen und Ehrenamtlichen in den Alltag einzubeziehen“, sagt Zorell. Fehle es an dieser Einbindung, dann sei die stationäre Versorgung mit ihrer Versorgungssicherheit und mit ihren geprüften Standards die bessere Wohnform.

Für Diana Schmidt ist klar, dass die Wohngemeinschaft für ihren Mann und auch für sie selbst geeignet ist. Sie könne jetzt beruhigt auch mal abschalten und am Haus des Vereins Cerers vorbeifahren - weil sie wisse, dass ihr Mann in der WG gut aufgehoben ist.

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01.12.2015, 08:30 Uhr
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