Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Songwriter

„Alles auf den Punkt bringen“

Tim Bendzko veröffentlicht sein aktuelles Album „Filter“ mit neuem Selbstbewusstsein.

17.10.2019

Von UDO

Tim Bendzko schreibt seine Songs nicht zweckgerichtet, wie er selbst sagt. Foto: Andre Josselin Foto: Andre Josselin

Spätestens seit seinem Single-Hit „Nur noch kurz die Welt retten“ (2011) gehört Tim Bendzko zweifelsfrei zu den Stars des deutschen Pop. Im selben Jahr wurde er auch Sieger des Bundesvision Song Contests. Jetzt legt der 34-jährige Berliner mit „Filter“ ein neues Album vor. Im Interview erzählt er, unter welchen Bedingungen es entstanden ist.

In welcher Atmosphäre sind die neuen Songs für das Album „Filter“ entstanden?

Tim Bendzko: Manchmal haben wir, zurückgezogen in ein Haus auf dem Land, zeitgleich an drei oder vier Songs gearbeitet und das in mehreren Arbeitsgruppen. Ich habe mir, ähnlich wie ein Chefarzt bei der Visite, anregende Bilder und Impulse abgeholt, meine Ideen dazugegeben, und es wurde intensiv weitergearbeitet. Mit der romantischen Vorstellung, dass Songs auf der Gitarre am Lagerfeuer entstehen, hatte das tatsächlich nicht mehr so viel zu tun.

Klingt eher nach musikindustrieller Fertigung.

Aber auf diese Weise bekommt man relativ schnell sehr viele gute Sachen hin. Andere Künstler kaufen sich sozusagen komplette Songs, die zu ihnen passen, oder lassen sie sich auf den Leib schreiben. Ich habe mich auch früher bereits musikalisch von Kollegen inspirieren lassen. Jetzt habe ich mir erstmals auch bei Texten Input geholt. Ich bin inzwischen so selbstbewusst und gereift, mich auf Ideen anderer einlassen zu können, ohne dabei meine eigene Linie und Sprache zu verlieren.

Spürt man beim Songwriting, dass ein Stück ein großer Wurf werden könnte?

Auch Songs machen viele Entwicklungsschritte durch, und von der ersten Idee bis zur finalen Produktion kann viel passieren. Ich habe gelernt, dass ich mich auf dieses erste Gefühl nicht immer verlassen kann. „Hoch“ war für mich, gerade weil ich noch nie einen solchen Song geschrieben hatte, auf keinen Fall ein Single-Kandidat. Das hat sich dann über Monate hinweg total verändert. Ich bin ein großer Freund davon, dass die erste Single nicht der große Hit ist, sondern aufzeigt, in welche Richtung die ganze Scheibe geht. Jetzt habe ich das große Glück, dass der Song auch noch letzteres ist.

Viele der neuen Songs leben vor allem von Schlagworten und -sätzen.

Ein großer Geschichtenerzähler war ich ja eigentlich noch nie. Ich versuche vielmehr für Geschichten oder Gefühle, die mich berühren, passende Bilder zu finden. Bei diesem Album hatte ich das Gefühl, alles noch knackiger und prägnanter auf den Punkt bringen zu wollen: Konkret, kurz und dann aufhören, wenn alles gesagt ist.

Was steckt denn als Erfahrung hinter dem Stück „Nicht genug“?

Zunächst einmal die Erkenntnis, dass man dem ganzen Social-Media-Kram durchaus auch Positives abgewinnen kann, denn unsere Horizonte werden dadurch ständig erweitert. Das reicht von sinnvollen Tipps für den Haushalt bis zu Ideen für Traumreisen. Problematisch wird es, wenn man so getrieben ist, dass man nach drei Tagen am Traumort bereits darüber nachdenkt, was man als Nächstes machen könnte und mit geteilten Fotos beweisen muss, dass der gelebte Traum wirklich so traumhaft ist. Skurril wird es, wenn man solche Bilder und Erlebnisse nicht nur mit seinen Freunden und seiner Familie, sondern mit völlig fremden Menschen teilt und auch auf deren Reaktion angewiesen ist.

Der Titel „Hoch“ läuft bereits erfolgreich als Motto-Musik für Sport- übertragungen und in weiteren TV-Sendungen. Ist das beim Schreiben im Hinterkopf, dass ein Song so genutzt werden könnte?

Beim Schreiben blende ich aus, ob ein Song später für irgendeinen Zweck nutzbar sein könnte. Ein Lied bewusst in diese Richtung zu trimmen ist für mich absurd. Das kann ich während des Prozesses nicht einschätzen. Ich wollte mit „Hoch“ einen Motivationssong schreiben. Ich selbst setze mir sehr gerne oft auch utopische Ziele. Man kommt dann häufig relativ schnell sehr weit, die letzten Schritte sind aber immer die schwierigsten. „Hoch“ soll in genau dieser Situation gut zureden. Der Blick zurück ist das, was dich am Ziel für alles entschädigen wird.

Gut überlegt haben Sie sich mit Sicherheit, wen Sie sich als Duett- Partner für einen Tandemsprung in „Freier Fall“ auf das Album holen?

Milow und ich haben uns im vergangenen Jahr bei der „Night of the Proms“ kennengelernt. Ich hatte zwischen meinen beiden Auftritten immer zweieinhalb Stunden Pause. Ich habe mir dann die Challenge ausgedacht, in dieser Zeit jeden Tag einen neuen Song zu schreiben und den mit Milow gleich aufzunehmen. Ich schrieb Songs wie am Fließband, aber es kamen wirklich gute Sachen dabei heraus. Für mich war klar: Einer dieser Songs muss aufs Album. Milow hat sofort zugesagt und einen englischen Part für „Freier Fall“ geschrieben. Noch vor zehn Jahren wäre es ja richtig verboten gewesen, deutschsprachige Musik mit englischsprachiger zu mischen. Ich führe das jetzt einfach wieder ein. Der Song ist auch ein Beispiel dafür, wie sehr Musik verbinden kann. Ich finde das sogar richtig romantisch.

Was sagen Sie zur Bewegung um Greta Thunberg?

Es zeigt auf, wozu ein einzelner Mensch oder eine kleine Gruppe in der Lage ist. An allen Ecken ist jetzt Klimaschutz ein großes Thema, obwohl es doch schon seit Jahren wichtig ist, aber immer unter den Teppich gekehrt wurde. Es ist schon krass, was so ein junger Mensch bewegen kann. Es besteht natürlich immer die Gefahr der Instrumentalisierung. Ob da jetzt immer alles richtig gemacht und perfekt argumentiert wird, ist für mich zweitrangig. Wichtig ist, es wird endlich zum Thema gemacht – mit der Hoffnung verknüpft, dass jetzt auch wirklich gehandelt wird.

Zum Artikel

Erstellt:
17. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Oktober 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2019, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Aus diesem Ressort

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+