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Naturverbundene Singles

Alleine wandern ist doof

Sonntags fällt dem Single die Decke auf den Kopf. Raus in die Natur ist nur bedingt eine Alternative: Alleine wandern ist doof. Das haben sich viele gesagt – und ziehen jetzt als große Gruppe Sonntag für Sonntag los.

17.09.2009

Von WOLFGANG ALBERS

Heute kann Andreas darüber herzlich lachen. Am Parkplatz des Toom-Baumarktes, wo er heute ganz locker steht, war es. In der Bäckerei hatte er sich hinter einer Brezel verschanzt und skeptisch hinüber gespäht zu der Gruppe, die sich draußen sammelte. Damals schlich er sich wieder nach Hause, erst Monate später traute er sich wieder hin. Dabei wird es einem als Neuling gar nicht schwer gemacht. Ein großer Mann sieht sofort die fremdelnden Blicke des Novizen, kommt her und gibt die Hand: „Ich bin der Norbert. Willkommen bei Awid.“

Awid ist das Kürzel für eine geniale, aber etwas lange Internetadresse: Alleine wandern ist doof. Das findet zum Beispiel Linda aus Böblingen. Ein bisschen müde ist sie noch, bis drei Uhr war sie tanzen. Und hat sich doch am frühen Morgen aus dem Bett gequält, wie fast jeden Sonntag, und ist nach Tübingen gefahren. Zu Awid.

Seit dem Jahr 2006 macht sie das. Damals ist ihre Ehe auseinandergegangen. Als Paar waren Linda und ihr Mann sehr naturverbunden und viel draußen unterwegs. „Wenigstens das lass ich mir nicht nehmen“, hat sie sich gesagt – und Gleichgesinnte gesucht.

Knapp zwanzig Frauen und Männer, die meisten im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, haben sich inzwischen auf dem Parkplatz versammelt und verteilen sich auf vier Autos. Rucksäcke sind im Kofferraum verstaut, Türen schlagen zu, und Linda ist bei Thomas Musch eingestiegen.

Der Bebenhäuser war einer der ersten, den sie bei Awid kennengelernt hat. Auch Thomas Musch war da gerade getrennt und hatte die Woche aus der Single-Perspektive kennen gelernt: „Von Montag bis Freitag arbeitet man, am Samstag macht man seinen Haushalt, und der Sonntag ist ein toter Tag. Wir sind ja nicht mehr die Generation, die sich so lange ins Bett reinlegt und schläft. Spätestens ab dem Mittag fällt einem die Decke auf den Kopf.“

Thomas Musch ist in der Forstdirektion tätig und gerne in der Natur unterwegs. Und ein umtriebiger Mensch. So wurde er zum Motor einer Idee: sich jeden Sonntag zu einer Wanderung im Umkreis von Tübingen zu treffen.

Jetzt aber hat er sein Navi Richtung Oberkirch eingestellt, ins Badische. Die weite Anreise hat ihm der Erfolg von Awid eingebrockt. Der wäre vor gut einem Jahrzehnt so noch gar nicht denkbar gewesen – ohne das Internet. Mittlerweile googelt aber manch eine(r) mal „wandern“ und „alleine“.

Leute, auf die das Awid-Angebot passt, gibt es genug. „Wir sind die Altersgruppe der Scheidungen“, sagt Thomas Musch. Ohne Partner stand auch eine Unterjesingerin da. Alleine im Wald spazieren zu gehen, ist ihr zu gefährlich. Also ist sie bei Awid, wie andere Tübinger, Leute aus Reutlingen oder der Stuttgarter Ecke, aus dem Nagoldtal oder aus Schramberg. 200 weit verstreut Wohnende stehen mittlerweile auf der Adressenliste.

Werner aus Appenweier fährt jeden Sonntag zweieinhalb Stunden mit dem Zug zum Treff beim Toom-Parkplatz. Diesmal hat er die ganze Gruppe in seine Heimat gelotst, in die Weinberge der Ortenau. 45 Wandernde ziehen die Wege zwischen den Reben hoch. Zur Rechten die Rheinebene, das Straßburger Münster ragt heraus, zur Linken die dunklen Hänge des Schwarzwaldes. Acht Wandernde, meist Frauen, und Clooney, der Tibet-Terrier, sind zum ersten Mal dabei. Alle aus Oberkirch und Umgebung. Werner hat inseriert – auch hier gibt es viele, die auf Dauer nicht alleine durch die Gegend stapfen wollen.

Ein Zulauf, der Wandervereine neidisch machen muss. Tatsächlich sind viele auch schon mal beim Schwäbischen Albverein oder dem Schwarzwaldverein mitgewandert. Sie fanden das Alter dort zu hoch, das Tempo zu betulich – und Linda stört die Verbindlichkeit: „Ich will mich nicht anmelden müssen für eine Tour, sondern noch am Sonntag spontan entscheiden.“ Thomas Musch pflichtet ihr bei: „Die ganze Arbeitswoche ist von Zwängen diktiert. Da soll am Sonntag jeder frei wählen, worauf er Lust hat.“

Deshalb hält Awid die Strukturen flach. Als Verein wird man sich nicht registrieren lassen, jeder kann nach Belieben kommen oder wegbleiben, der einzige finanzielle Beitrag sind drei Euro pro Wanderung, mit denen zwei Feste im Jahr finanziert werden.

Eine lose Struktur – und doch kommen die Leute zuhauf. Woche für Woche, bei jedem Wind und jedem Wetter, bei Frost und Hitze, läuft eine Gruppe los, in den Schönbuch, an den Albtrauf oder in die Balinger Berge.

Am Anfang hat Thomas Musch das alles selbst organisiert und auch geführt. Jetzt hat ihm ein Orga-Team etliche Arbeit abgenommen. Annegret Schrader und Jörg Ebinger gehören dazu. Die beiden Jettenburger sind ein bisschen die Seele der Gruppe, laufen jede Wanderung mit, suchen das Gespräch mit den Neuen.

Und sie sind eine Erfolgsgeschichte von Awid – sie sind ein Paar. Denn die Liebe zur Natur, gibt Thomas Musch zu, war nicht der einzige Grund, warum er sich auf jede Awid-Wanderung gefreut hat: „Nach so einer Trennung willst du es noch mal wissen. Und du denkst: Vielleicht ist beim nächsten Mal deine Traumfrau dabei….“ Wandern sei da schon eine geschickte Gelegenheit: „Wer geht in unserem Alter denn noch in die Disco?“ Außerdem ist Wandern kein Speed-dating – man kann sich wortwörtlich Schritt für Schritt an seine Hoffnung herantasten.

Zwei verbundene Herzen zieren deshalb die Homepage, weshalb Thomas Musch schon mal gefragt wurde, ob Awid ein Swingerclub sei. Nein, die Wanderung hinüber zur neuromantischen Burg Staufenberg ist so brav wie der Jahresausflug des Häkelvereins. Auch wenn die Themen der Gespräche mal ernster sind, angesichts vieler Trennungs-Erfahrungen. „Wir geben uns gegenseitig psychologische Unterstützung“, hat Linda erlebt. „Viele werden wieder aufgemuntert.“ Tatsächlich ist eine Mitwandernde von ihrem Therapeuten zu Awid geschickt worden.“

Das beste Rezept aber ist die Liebe. Über 20 Paare haben sich bei Awid schon gefunden, dazu ist schon das erste Awid-Kind unterwegs. Auch Thomas Musch hat wieder eine neue Partnerin. Nur: Zum Mitwandern hat er deshalb nicht mehr soviel Zeit.

Info

www.alleinewandernistdoof.de

Von Montag bis Freitag arbeitet man, am Samstag macht man seinen Haushalt, und der Sonntag ist ein

toter Tag.

Thomas Musch

Awid-Wandernde in den Weinbergen um Schloss Staufenburg, darunter Wanderführer Werner Klose (dritter von rechts), Awid-Mitbegründer Thomas Musch (hinten Mitte) und die Wanderplan-Organisatorin Annegret Schrader (links). Bild: Albers

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Erstellt:
17. September 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. September 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. September 2009, 12:00 Uhr

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