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Leben auf der Straße: Udo Dück hat vor 19 Jahren Wohnung und Arbeit aufgegeben

Allein unter Menschen

Udo Dück lebt seit 19 Jahren draußen, ohne festen Wohnsitz. Der 69-Jährige ist allein, er ist Alkoholiker - und er ist zufrieden. Einen Tag durften wir ihn begleiten und Heidenheim durch seine Augen sehen.

10.03.2016
  • JOELLE REIMER

Heidenheim. Die Blicke folgen ihm in Heidenheim auf Schritt und Tritt. Die Autofahrer, die an der Ampel warten. Ein Radfahrer, der überholt. Die Passanten, die ausweichen. Nächster Schritt, nächster Blick. Immer nur kurz. Aber Udo Dück spürt sie alle. Es ist ihm egal.

"Ich habe noch nie gelebt, um anderen zu gefallen", sagt er. Er nuschelt, ist kaum zu verstehen. Sein Alter? Schwer zu schätzen. Den Hut tief in die Stirn gezogen, die Augen so klein, dass nicht einmal die Augenfarbe erkennbar ist, sondern nur tiefe Falten drum herum. Graue Haare, grauer Vollbart, jeder Schritt wirkt schwerfällig. "In einem Monat werde ich 70." Seine knallgrünen und orangenen Schnürsenkel fallen auf. Sie passen zum Lebensgefühl des Mannes.

Er verbringt seine Tage draußen. An der Bushaltestelle, in den Schloss-Arkaden, auf der Bank in der Fußgängerzone. Ein Penner, würde man sagen. Er selbst nennt sich Lebenskünstler, oder, je nach Jahreszeit, Überlebenskünstler. "Ein Winter auf der Alb, bei minus zehn Grad im Wald schlafen, das ist happig." Gehört aber seiner Vergangenheit an. Denn zumindest nachts ist er kein typischer Obdachloser mehr. Seit einem Jahr übernachtet er im Aufnahmehaus der Caritas, hat ein Dach über dem Kopf, bezieht eine kleine Rente. Doch Tag für Tag zieht es ihn in die Stadt.

"Solange es irgendwie geht, will ich hier draußen leben." Direkt neben der Straße, ein Auto nach dem anderen, ist er fast nicht zu hören. Im Hintergrund der Stadtlärm, dazwischen seine schweren Atemzüge. Er hat Schmerzen - erst vor kurzem wurden seine offenen Beine im Wundzentrum behandelt.

Im Einkaufszentrum Schloss-Arkaden hetzen die Menschen rechts und links vorbei, holen sich Kaffee, Wurstwecken, Brezeln. Udo Dück fällt auf - nicht nur durch sein Aussehen, durch seine Lederjacke, die er trotz Wind und Regen offen trägt, oder die bunten Schnürsenkel. Er fällt auf, weil er langsam ist. Weil er Zeit hat. Weil er wirkt, als gehöre er nicht unter all diese Menschen.

Er läuft zur Metzger-Theke und beugt sich nach vorn, um das Tagesessen sehen zu können. Ein paar Meter weiter bleibt er wieder stehen, zeigt auf die Geschäfte: "Hier komme ich gar nicht erst rein." Eine ältere Frau blickt in seine Richtung. Sie runzelt die Stirn, läuft weiter.

Die Bank in der Fußgängerzone ist nass und kalt. Der Glaskrug wird bis oben hin mit Weißwein aus dem Tetrapack gefüllt. Dort, wo der Wein neben das Glas tropft, färbt sich die Jogginghose noch dunkler. Es ist elf Uhr morgens, Udo Dück nimmt zwei, drei, vier große Schlucke. "Ich bin Alkoholiker." Er schaut zur Seite.

Der Traum von Freiheit und Abenteuer war es, der ihn vor 19 Jahren aus dem "normalen" Leben hat aussteigen lassen. Nun ist er ausgeträumt. Udo Dück bereut nichts. Er ist zufrieden. "Man muss sich einiges anhören. Und manchmal habe ich mich selbst verflucht. Aber es war mir von Anfang an klar, dass ich nicht auf Gegenliebe stoßen werde", sagt der gebürtige Bad Waldseer. Aufgewachsen ist er in Friedrichshafen, hat lange in Rheinland-Pfalz gelebt und dort in Fabriken und der Gastronomie gearbeitet. "Von heute auf morgen war mir alles zu viel." Ein letzter Schluck, dann füllt er das Glas erneut bis zum Rand. "Ich wollte etwas ganz anderes machen."

Also hat er sich aufs Fahrrad gesetzt und ist losgefahren - quer durch Deutschland, bis nach Frankreich. Hat sich sein Tagesgeld abgeholt, hat gebettelt. Immer alleine. Kontakt zu anderen Obdachlosen wollte er nie. Seine drei Geschwister? Sieht er selten. Ein einsames Leben, möchte man meinen. "Ich mag den Stadtlärm, aber noch mehr die Stille. Massenhaft Bekannte brauch ich nicht." Ein Einzelgänger.

Durch Heidenheim kam er auf seinen Reisen immer wieder, blieb öfter - und vor acht Jahren dann ganz. Er übernachtete im Wald, mit Plane und Schlafsack, kam nur tagsüber in die Stadt. Dann hat er sich in einem Container im Stadtteil Schnaitheim eingerichtet: Kein Strom, kein Wasser, aber ein Dach.

Irgendwann wieder in eine Wohnung zu ziehen, konnte er sich damals nicht vorstellen. Ein 08/15-Rentner zu sein, glatt rasiert und mit Bügelfaltenhose: undenkbar. "Draußen, hier wo ich bin, kann ich ein Mensch sein. Voll integriert wäre ich nur eine Marionette, die nicht anecken dürfte", sagt er.

Udo Dück spricht langsam, redet über Religion, über Schicksal und Zufall, über Musik und über Bücher. Lange Pausen, in denen er nachdenkt. Sein Lieblingsbuch handelt von den großen Philosophen, seinen Schulabschluss hat er auf der Sonderschule gemacht. Ein Leben zwischen zwei Stühlen - diesen Titel würde er seiner Biographie geben. "Mit den Sonderschulkindern, die die gleiche soziale Stellung hatten wie ich, konnte ich nicht viel anfangen. Mit den Gymnasiasten konnte ich mich gut unterhalten, aber für deren Familien kam ich nicht in Frage", erzählt er.

Beim Metzger holt er sein Mittagessen. Drei junge Frauen am Stehtisch nebenan schauen her, schauen weg, kichern. Udo Dück isst seine Knödel. "Mir ist aufgefallen, dass immer mehr junge Männer einen Vollbart tragen. Da lieg ich voll im Trend", sagt er. Ein Beobachter. Dass der junge Mann hinter ihm an der Media-Markt-Kasse seinen Schal über die Nase zieht, als Udo Dück seine Handykarte auflädt, entgeht ihm nicht. Es ist ihm egal.Was ihm nicht egal ist, ist sein Alter und die Einschränkungen, die es mit sich bringt. Darüber denkt er nach. Darüber und über seine Gesundheit. "Das Rauchen hab ich mit 13 aufgehört." Er lächelt. "Obwohl ich schon lange trinke und längst Diabetes oder Leberzirrhose haben müsste, geht es mir gut. Selbst die Grippe hatte ich noch nie", sagt er, fast stolz. Nur seine Beine machen ihm Probleme: Wasser hatte sich gestaut, er bekam Venenprobleme und die Haut platzte immer wieder und entzündete sich. Die Folgen: Heute kann er nur langsam laufen, braucht immer wieder Pausen.

Vor einem Jahr schlief er unter einer Rampe in Schnaitheim, als er zusammengeschlagen und ausgeraubt wurde. Mit einem Schlüsselbeinbruch kam er ins Krankenhaus. "Es hätte schlimmer kommen können. Aber ich bin auch deshalb zur Caritas, weil ich inzwischen wirklich körperlich gehandicapt bin. Und draußen zu schlafen, da hab ich kein Bock mehr drauf."

Alles im Leben hat seine Zeit, davon ist Udo Dück überzeugt. Jetzt eben das Aufnahmehaus. Das Haus der Caritas bietet zehn Plätze, die Betreuung ist auf ein Jahr befristet. Den Bewohnern wird bei der Integration ins Arbeitsleben und bei der Wohnungssuche geholfen. Udo Dück schaut nach unten, schwenkt sein Glas hin und her. "Abenteuer und Freiheit, die Epoche ist vorbei."

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10.03.2016, 08:30 Uhr
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