Alle wollen den Stoff

Es war nicht alles rational in der Wirtschaft im Jahr 2020. Wie auch? Sowohl Angst und Vorsicht als auch Mut zum Risiko treiben seit März ungeahnte Blüten. In allen Branchen, auf allen Ebenen.

04.12.2020

Von TEXT: Eike Freese|FOTOS: Ulrich Metz

Wenige Tage Vorsprung: Das bedeutete für die Tübinger Textilfirma Rösch erheblich mehr Aufträge. Im Bild: Anna-Evita und Arnd-Gerrit Rösch.

Wer wollte, konnte sich ganz kleine Augen einbilden beim Curevac-Entscheiderteam im August 2020. Unmittelbar nach dem Börsengang berichtete Vorstandschef Franz-Werner Haas, man habe „in der gesamten vergangenen Woche relativ wenig Schlaf bekommen.“ Genau diese eine Woche hatte Curevac damals, um gute Investoren zu bekommen. Ein Selbstläufer war das nicht. Nicht des mangelnden Interesses wegen. Sondern weil einfach ziemlich viele Leute Geld in die Labore und Büros im Technologiepark stecken wollten. Fast schon glücklicherweise, erzählte Finanzchef Pierre Kemula später, habe man dabei am Bildschirm verhandeln müssen: „Auf diese Weise konnte man viel mehr Meetings machen.“

Wenige Monate hinterher: Das bedeutet für die Tübinger Biotech-Fima Curevac nicht viel. Im Impfstoff-Wirbel des Jahres 2020 steht sie allemal, nicht zuletzt als attraktiver Börsen-Neuling.
Im Bild: Curevac-CEO Franz-Werner Haas.

Waren es wirklich 80 Meetings in vier Tagen? Ging es wirklich „bis nachts um 2 für den letzten Call“, wie Haas sagte? Sicher ist nur, dass Curevac mehrfach überzeichnet war. Das Fieber hatte nicht nur Profi-Investoren erfasst, sondern auch allerhand Geldliebhaber, die die schnelle Kohle in der Krise witterten. Und in zweiter Reihe warteten weitere, die jene abzocken wollten: „Derzeit gibt es keine Möglichkeit, Aktien der Curevac zu erwerben“, warnte der Impfstoff-Entwickler – ganze sechs Wochen, bevor er den geplanten Börsengang überhaupt meldete.

Zu dem Zeitpunkt hatte man bei Rösch Fashion, unten im Tal, das Gröbste schon hinter sich. Den Lockdown, klar. Aber auch hunderte von Mails und Anrufen binnen weniger Tage im März, nachdem der Textiler das Foto einer schlichten, beigen Stoff-Maske herumgeschickt hatte und sagte, dass man die jetzt nähen werde. „Was dann passierte, war extrem“, sagt Rösch-Geschäftsführer Arnd-Gerrit Rösch. Die Maskenpflicht war zwar noch weit entfernt, doch Rösch kam mit dem Nähen nicht mehr hinterher. „Kurz zuvor hatte mich ein Bekannter darauf hingewiesen, dass man mal nach China Masken liefern müsste“, so Rösch. „Da habe ich gestutzt und gesagt: ‚China? Da kommen die Masken doch her!‘“ Rösch war damals im Geschäft, nur wenige Tage, bevor jeder, von der Großmutter bis zum Großkonzern, Masken produzierte. „Das hat einen Unterschied gemacht, von dem wir heute noch profitieren“, so Rösch. „Es war gut für den Betrieb. Und gut für den Spirit.“

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Erstellt:
4. Dezember 2020, 07:59 Uhr
Aktualisiert:
4. Dezember 2020, 07:59 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Dezember 2020, 07:59 Uhr

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