Klimawandel

Alarmstufe Rot für die Erde

Die Erwärmung ist deutlich schneller als gedacht, schreiben Forscher im neuen Weltklimabericht. Noch sei aber Zeit, um die schlimmsten Folgen zu verhindern.

10.08.2021

Von DOROTHEE TOREBKO

Die Wüste von Tabernas in Spanien: Im Zuge des Klimawandels könnten sich Wüsten weiter ausdehnen und neue entstehen, sagen Experten. Foto: © underworld/Shutterstock.com

Hitze in Kanada, Brände in Griechenland und der Türkei, Starkregen in der Eifel: Was der Klimawandel anrichten kann, zeigt sich in diesen Monaten in vielen Regionen der Welt. Das ist nur der Anfang. Die Menschen werden sich an Extremwetterereignisse gewöhnen müssen – diese düstere Prognose hat der Weltklimarat (IPCC) in seinem neuen Bericht aufgestellt. Mehr als 230 Forscherinnen und Forscher legten am Montag dar, wie dramatisch die Folgen der Erderwärmung sind. Das Fazit: Die Erde erhitzt sich schneller als angenommen. Zu spät ist es aber noch nicht.

Was ist der IPCC-Bericht? Der Weltklimarat (IPCC) ist eine Institution der Vereinten Nationen. Er wertet alle wissenschaftlich relevanten Studien zum Klimawandel aus und gibt eine Prognose ab. Der Bericht zeigt auf, wie sich der Treibhausgasausstoß auf den Temperaturanstieg auswirkt und welche Rolle der Mensch dabei spielt. Für den aktuellen Bericht wurden 14 000 Studien ausgewertet. Noch nie war die Analyse so präzise. Das hat damit zu tun, dass die Wissenschaftler mithilfe von neuen Verfahren neue Daten auswerten konnten.

Wie steht es um das Klima? Schlecht. Die globale Erwärmung schreitet voran – und das schneller als befürchtet. Die Erde wird sich im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter bereits gegen 2030 um 1,5 Grad erwärmen – zehn Jahre früher als prognostiziert. Vor drei Jahren gingen die Wissenschaftler noch davon aus, dass die 1,5 Grad zwischen 2030 und 2052 erreicht werden. Das heißt, der Klimawandel hat sich in der jüngsten Vergangenheit beschleunigt.

Was heißt das für die Pariser Klimaschutzziele? Wenn der Ausstoß an Treibhausgasen nicht drastisch und schnell sinkt, werden die Klimaschutzziele von Paris krachend verfehlt. 2015 hatten sich mehr als 190 Staaten verpflichtet, die globale Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, möglichst unter 1,5 Grad zu halten. Selbst das Zwei-Grad-Ziel ist nur dann zu erreichen, wenn zwischen 2050 bis 2070 Klimaneutralität hergestellt wird, sagen die IPCC-Wissenschaftler. Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, die Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen.

Was sind die Folgen des Klimawandels? Extremwetterereignisse wie Starkregen, Hitzewellen und Stürme werden „intensiver und häufiger“, heißt es in dem IPCC-Bericht. Wetterextreme werden zum Normalfall. Darüber hinaus wird der Meeresspiegel deutlich ansteigen. Wenn der globale Temperaturanstieg auf zwei Grad begrenzt wird, wird der Anstieg des Meeresspiegels im Laufe dieses Jahrhunderts einen halben Meter betragen und bis 2300 sogar fast zwei Meter.

Ist der Mensch daran schuld? Ja. „Der Klimawandel ist menschengemacht. Das ist jetzt eine Tatsache“, sagt Mitautor und Klimaforscher Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut. Die größte Verantwortung tragen die G20, also die Gruppe der größten Industrie- und Schwellenländer, sagte die Chefin des UN-Umweltprogramms, Inger Andersen. Sie seien für 80 Prozent der bisherigen Emissionen verantwortlich.

Können wir die Entwicklung noch verhindern? Bestimmte Veränderungen sind „nur noch zu verlangsamen, aber nicht mehr zu stoppen“, sagt Mitautor Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. Als Beispiel nennt der Forscher das Abschmelzen der Eisschilde und den Anstieg des Meeresspiegels. „Wir werden es vermutlich nicht mehr verhindern können, dass das Nordpolarmeer bis 2050 im Sommer zumindest in einzelnen Jahren weitgehend eisfrei sein wird“, sagt Notz.

Können wir die Katastrophe aufhalten? Der Weltklimarat warnt vor folgenschweren Veränderungen im Klimasystem, sogenannten Kipppunkten. Doch er hält einen kompletten Kollaps für unwahrscheinlich.

Was sind Kipppunkte? Das sind nicht mehr zurückzunehmende Veränderungen des Klimasystems. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung beschreibt sie mit der Metapher einer Kaffeetasse. Schiebt man eine Kaffeetasse über den Schreibtischrand, passiert nichts, bis sie einen kritischen Punkt erreicht, an dem sie kippt und abstürzt. Auf der Erde ist es mit den Kippelementen ähnlich, wenn der Klimawandel sie nahe an einen Schwellenwert bringt: Kommt es dann noch zu einer Störung, kann es zu oft unumkehrbaren Schäden kommen.

Warum ist das problematisch? Die Folgen wären katastrophal. Das komplette Abschmelzen eines Eisschildes könnte den Meeresspiegel dutzende Meter steigen lassen. Der Amazonas-Regenwald könnte zur Wüste werden und aufgetaute sibirische Permafrostböden könnten riesige Mengen an Treibhausgas freigeben.

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Erstellt:
10. August 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
10. August 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. August 2021, 06:00 Uhr

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