Medizin

Alarmbericht aus Straßburg

Im Elsass werden Corona-Patienten, die älter als 80 Jahre sind, nicht mehr beatmet. Katastrophenärzte mahnen das Land, sich auf alles vorzubereiten.

27.03.2020

Von ROLAND MUSCHEL

Ein Patient wird in die Universitätsklinik von Straßburg gebracht. Foto: Patrick Hertzog/afp

Infizierte Mediziner, die weiter mit Coronavirus-Patienten arbeiten; über 80-Jährige, die nicht mehr beatmet werden; die Gefahr „erheblicher medizinischer Kollateralschäden“: In einem alarmierenden Bericht an das Stuttgarter Sozial- sowie an das Innenministerium schildert das Deutsche Institut für Katastrophenmedizin (DIFMK) die Situation in der Universitätsklinik von Straßburg – und mahnt von Landesseite „weitere konsequente Maßnahmen“ an. „Unter der Annahme, dass sich die Entwicklung, wie diese bereits im Elsass besteht, bald auch in Deutschland einstellen wird, ist eine optimale Vorbereitung von allerhöchster Dringlichkeit“, heißt es in dem Bericht. Das Nadelöhr seien die zu beatmenden Patienten.

Hintergrund des siebenseitigen Berichts ist ein Besuch von Mitarbeitern des Instituts, dessen Geschäftsleitung in Korntal bei Stuttgart sitzt und das auch mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zusammenarbeitet, bei ärztlichen Kollegen der Uniklinik Straßburg am 23. März 2020. Das Elsass gilt als französisches Corona-Epizentrum. Einkäufe sind nur noch nach Voranmeldung über die Behörden möglich. In ganz Frankreich gelten Ausgangssperren und ein striktes Arbeitsverbot, von dem nur wenige Bereiche wie Kliniken oder Lebensmittelmärkte ausgenommen sind.

Seit dem 21. März würden Patienten, die über 80 sind, nicht mehr beatmet, so der Bericht. Diese Personengruppe erhalte stattdessen eine Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmittel. Bei jüngeren Corona-Patienen erstrecke sich die Beatmung in der Uniklinik über 14 bis 21 Tage. Die Entwöhnung vom Beatmungsgerät erweise sich als schwierig, bei kleinstem Hustenreiz sei eine sofortige Reintubation nötig. Drei von 90 beatmungspflichtigen Patienten seien jünger als 50 und ohne Vorerkrankung gewesen.

Logistisch sei die Uniklinik auf die Behandlung von Corona-Patienten umgestellt worden. Alle Gehfähigen und alle Patienten, bei denen es medizinisch vertretbar war, wurden aus der Klinik entlassen. Das Personal im Rettungsdienst trage in Frankreich einfachen chirurgischen Mundschutz. Bei Verdacht eines Kontakts mit Infizierten oder bei bestätigter eigener Infektion arbeite das Personal mit den hochwertigeren FFP-2-Masken weiter. „Einzig bei bestätigter Infektion und eigenen Symptomen wird die Arbeit für einige Tage unterbrochen.“

Für das Fachpersonal hierzulande, so die Schlussfolgerung, die das DIFKM dem Land nahelegt, müsse ebenfalls eine klar definierte Sonderrolle gelten, abweichend auch von den Regeln, die das Robert-Koch-Institut aufgestellt habe. Denn: „Der Ausfall jeder einzelnen Person in diesem Bereich wird am Ende Menschen das Leben kosten.“

Zugleich mahnen die Verfasser des Berichts die Politik, auch an die Vermeidung von „erheblichen medizinischen Kollateralschäden“ zu denken. Es gebe auch in dieser durch den Coronavirus geprägten Zeit medizinische Notfälle wie Herzinfarkte oder Unfälle, und die Betroffenen hätten weiterhin Anspruch auf eine adäquate medizinische Behandlung. „Wir dürfen am Ende nicht all diese Patienten verlieren, um dafür alle COVID-19 Patienten gerettet zu haben.“ Somit, schlussfolgert das DIFKM, werde es im schlimmsten Fall ähnlich wie in Straßburg auch hierzulande Kliniken geben müssen, die ausschließlich Corona-Patienten behandeln. Aber es müsse dann eben auch noch andere Kliniken geben, die die maximale Regelversorgung aller sonstigen Notfälle leisten. „Dies in der Fläche des Landes zu organisieren, wird sicherlich mehr als herausfordernd“, so das Fazit der Katastrophenärzte.

Die Landesregierung nimmt die Schilderungen sehr ernst. „Wir kennen den angesprochenen Bericht und die geschilderte Lage ist dramatisch. Das Land Baden-Württemberg arbeitet auf Hochtouren – etwa im Bereich Rettungsdienst, aber auch bei der medizinischen Versorgung – daran, alles so vorzubereiten, dass es zu einer solchen Lage in Baden-Württemberg nicht kommt“, sagte der Sprecher von Innenminister Thomas Strobl (CDU). „Wir beobachten die Situation in den Nachbarländern sehr genau und versuchen, daraus zu lernen“, sagte der Sprecher von Sozialminister Manne Lucha (Grüne).

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Erstellt:
27. März 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. März 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. März 2020, 06:00 Uhr

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