„Das Gerede verletzt“

Aktivisten forderten Solidarität mit Griechen und Flüchtlingen

Bei der „Friedensstadt“-Kundgebung auf dem Holzmarkt forderten die Redner am Samstag einen anderen Umgang mit Griechenland und eine solidarische Flüchtlingspolitik.

20.07.2015

Von Philipp Koebnik

Tübingen. „Die Politik der Bundesregierung ist unerträglich, sie torpediert die europäische Sache?, kritisierte Heike Hänsel, Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke. Die Gesellschaft Kultur des Friedens (GKF) hatte für Samstagmittag zu einer Kundgebung auf dem Holzmarkt aufgerufen. Veranstalter und Redner forderten Solidarität mit Flüchtlingen sowie mit Griechenland.

Hänsel griff Volker Kauder, den Fraktionsvorsitzenden der Union im Bundestag, scharf an. Dieser habe jüngst die aktuelle Lage Griechenlands mit der Situation Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg verglichen und von der griechischen Regierung gefordert, ihren eingeschränkten Handlungsspielraum zu akzeptieren. „Das ist an Geschichtsklitterung und Perfidie kaum zu überbieten, schließlich hat das Deutsche Reich damals Griechenland ausgeplündert und eine Million Tote hinterlassen?, so Hänsel, die dazu aufforderte, massenhaft Protestschreiben an Kauder zu schicken.

„Als Halbgriechin verletzt mich das Gerede über die Griechen, nicht nur in den Medien, sondern auch unter meinen Bekannten?, klagte Katerina Peros, die den Master Friedensforschung und Internationale Politik studiert. „In Berlin wird die Privatisierung des Wassers rückgängig gemacht ? und die griechische Regierung zwingt man nun, den gleichen Fehler zu machen?, so die 26-Jährige.

Der Tübinger Rechtsanwalt Argiris Balomatis verknüpfte in seinem Redebeitrag die Krise in Griechenland mit dem Flüchtlingselend. Er stellte eine Initiative vor, die sich vor einigen Monaten auf der Insel Lesbos gegründet hatte, um das Leid der Flüchtlinge vor Ort zu lindern. Um dieses Projekt zu unterstützen, warb Balomatis um Spenden und Freiwillige, die auf Lesbos Hilfe leisten (siehe den ausführlichen Artikel auf Seite 20).

Auch Menschen, die am eigenen Leib erfahren haben, was eine Flucht nach Europa bedeutet, kamen zu Wort. „Die Menschen werden auch dann in Europa Schutz suchen, wenn die Militarisierung des Mittelmeers weitergeht?, sagte Rex Osa. Und Mehrdad Amiri erinnerte an seinen Freund, den Iraner Kaveh Pouryazdani, der sich aus Verzweiflung über seine unsichere Zukunft hinter der Stiftskirche verbrannt hatte. Um an dieses traurige Ereignis zu erinnern, brachten Vertreter der GKF im Beisein der Ersten Bürgermeisterin Christine Arbogast hinter der Kirche eine provisorische Gedenktafel an: „Erinnern für die Zukunft ? Ein Gedicht für Kaveh?.

Gemeinsam mit anderen unternahm Henning Zierock, Vorsitzender der Gesellschaft, einen Rundgang durch die Stadt. Sie errichteten weitere provisorische Gedenktafeln, unter anderem an der Neuen Aula (Geschwister-Scholl-Platz) und am Gräberfeld X. Beim Konzert des Miki Theodorakis Ensembles am Abend im Gemeindehaus Lamm und dem sich anschließenden Fest verliehen nochmals Dutzende Besucher ihrer Solidarität mit der griechischen Bevölkerung Ausdruck.

„Als Halbgriechin verletzt mich das Gerede über die Griechen“: Die Tübinger Studentin Katerina Peros bei der „Friedensstadt“-Kundgebung am Samstag auf dem Holzmarkt. Bild: Faden


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Erstellt:
20. Juli 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Juli 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Juli 2015, 12:00 Uhr

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