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Verhängnisvoller Kurs

AfD-Gründungsmitglied Martin Renner übt beim Neujahrsempfang heftig Kritik

„Deutschland geht den falschen Weg“, warnte Gastredner Martin Renner am Freitagabend im Spitalhof. Beim AfD-Neujahrs-empfang ging der ehemalige Reutlinger mit Bundes- und Europapolitik scharf ins Gericht.

26.01.2015

Von ChristinE Laudenbach

Reutlingen. Eine Rede der Bundeskanzlerin, in der sie die EU-Rettungsschirme als alternativlos bewertete, gab für Martin Renner den Ausschlag. Der Betriebswirt aus Haan gründete mit 15 Gleichgesinnten eine Partei. Er war überzeugt: „Es gibt eine Alternative? ? für Deutschland. Mit dem Partei-Namen wollte Renner Anfang 2013 „ein Signal? setzen, wie er sagt, und entschied sich bewusst, „Deutschland? darin zu nennen. Dass das „als rechts empfunden wird?, wertet er als „Unsinn?. Dennoch ist der Wahl-Rheinländer überzeugt: „Wir haben so viele linke Parteien, da muss es wieder eine nicht linke Partei geben.?

Am Freitagabend waren rund 70 Interessierte gekommen, um die Mahnungen des ehemaligen Bundesvorstands zu hören. Damit folgten nicht annähernd so viele der Einladung des AfD-Kreisverbands wie im Jahr zuvor. Als Wirtschaftsprofessor Joachim Starbatty die Neujahrs-Rede hielt, musste der Saal mit über 200 Zuhörern schließlich geschlossen werden. Dennoch: Diejenigen, die Renners Vortrag „Deutschland geht den falschen Weg?, verfolgten, spendeten immer wieder zustimmenden Applaus.

Der 60-Jährige ist überzeugt, dass die politischen Eliten Deutschlands, auch durch die Finanzkrise getrieben, „einen verhängnisvollen Kurs? steuern. Speziell in seiner Wahlheimat Nordrhein-Westfalen gebe es viele Beispiele, wie „geknechtet die Menschen nach jahrzehntelanger sozialdemokratischer? Führung seien. Seine Kritik: Probleme würden tabuisiert, Debatten verhindert ? besonders durch Nichtwahrnehmung, auch seitens der Medien. Im Focus der Altparteien stünde: „Wie kann man die nächste Wahl gewinnen??

An sieben Fragen arbeitete sich Renner im Laufe des Abends an Bundes- und Europapolitik ab: „Welche Staatsform wollen wir??, „Welche EU?? In der Demokratie und innerhalb der Staatengemeinschaft würden permanent Verträge gebrochen, bestehendes Recht ausgehebelt. Das „Währungs-Experiment? habe „von Anfang an nicht funktionieren können?, ist er überzeugt. Die EU entwickle sich zunehmend als „Zwangs-Gemeinschaft?, da Vereinbarungen nicht eingehalten würden. Sein Beispiel: Die Regelung der Dublin-II-Verträge, nach der Flüchtlinge Asylantrag in dem Land stellen, in dem sie stranden. Die Realität sehe anders aus.

Auch die Finanzspritze der Europäischen Zentralbank sieht er als falsches Signal in Richtung Wettbewerb ? zulasten starker Bündnis-Partner, die „vernünftig wirtschaften?. Bei der Frage nach der Stabilitätskultur des Geldes wurde Renner in Erinnerung an die D-Mark gar kurz sentimental. Ein schwacher Euro werde Auswirkungen haben auf ganze Lebensplanungen warnt er. Hauptverlierer seien Lebens-Sparer, die sich über Zinsen die Rente aufbessern wollten. Aufgrund des niederen Zinssatzes müssten sie jetzt ihr Vermögen angreifen. „Die Mittelstandsgesellschaft wird ausgeplündert?, fasst er zusammen und weiter: „Wir verlieren ein bisschen die Identität unseres Deutschseins?, da der Nachkriegsmythos verspielt werde.

Auch die Integrations- und Zuwanderungsdebatte sieht er „verschleppt?. Die Elite „im Rotweingürtel? merke nichts von den Alltagsschwierigkeiten in Vierteln der Schwächeren. Es werde ignoriert, dass Parallelgesellschaften entstünden. Er fordert: „Alle Einwanderer müssen unsere kulturellen Werte annehmen.? Eine Chance für den in der Wirtschaft (Punkt fünf) vielfach thematisierten Fachkräftemangel? „Pfeifendeckel?, sagt er, wie so oft an diesem Abend. Es sei „geradezu lachhaft?, dies zu denken. „Die Leistungsstarken kommen nicht zu uns.?

Thema Energie-Politik überging Renner schnell, um abschließend für eine schärfere Sicherheitspolitik zu werben. Auf die Bedrohung durch Atom-Waffen oder den Unwägbarkeiten einer islamisierten Welt könne man nur mit einem „gut gerüsteten System? reagieren. Auf Nachfrage präzisierte Renner, der „wahnsinnig viel Verständnis? für die Spaziergänge der Pegida-Anhänger hat: Dass sie sich bei dem „amorphen Bedürfnis Unbehagen zu äußern?, auf die Islamisierung konzentrierten, hält er für falsch. Denn: Dies seien „ja nicht alles Böse. Die fünf Prozent Extremisten sind das Problem.?

Wolfram Hirt (links), Vorstand des 80 Mitglieder starken Kreisverbands, begrüßt mit Parteifreund Jürgen Weber Gastredner Martin Renner (Mitte). Bild: Haas

Aufgewachsen ist der 60-jährige Martin Renner im Reutlinger Quartier Voller Brunnen. Nach Abitur am Kepler-Gymnasium blieb er zum Studium in seiner Heimatstadt. Danach hat es den Betriebswirt zu einem Pharmazie- und Kosmetikunternehmen nach Frankfurt verschlagen. Seit rund 25 Jahren lebt er in Haan (NRW). Als enttäuschtes ehemaliges CDU-Mitglied suchte Renner 2012 nach Alternativen. Er fand zu der „Wahlalternative 2013? und arbeitete als NRW-Landesbeauftragter. Nach der Landtagswahl in Niedersachsen fiel im Januar 2013 die Entscheidung, sich als eigene Partei zu organisieren. Renner gilt als Schöpfer des AfD-Partei-Logos und -Namens. Er war im Bundesvorstand und stellvertretender Sprecher des NRW-Landesverbandes.

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Erstellt:
26. Januar 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Januar 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2015, 12:00 Uhr

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