Mittelaltermarkt „Zeitenspiel“

Ätherlos durch die Zeit reisen

Eine Mischung aus Mittelaltermarkt, Indianerlager und Retro-Futurismus bot die zweite Auflage des Tübinger „Zeitenspiels“ auf dem Festplatz.

23.04.2019

Von Monica Brana

Überzeitlicher Kultur- und Fantasiecrash auf dem Festplatz
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Auf dem Tübinger Festplatz war übers Osterwochenende das Zeitenspiel. Hier trafen Ritter auf Indianer und Feen auf Steampunks. Das TAGBLATT hat das bunte Treiben mit der Kamera eingefangen. Video: Peter Strigl

03:12 min

Eine Zeitmaschine hatte niemand dabei. Trotzdem tummelten sich beim „2. Tübinger Zeitenspiel“ am Osterwochenende über drei Tage hinweg Wikinger, Indianer und Zeitreisende auf dem Tübinger Festplatz. Manche Teilnehmer orientierten sich bewusst an überlieferten Fakten, andere wurden erfinderisch und dachten sich in alternative Welten hinein. Etwa 2500 Besucher seien an den drei Ostertagen gekommen, sagte Organisatorin Anja Katz am Montag.

„Im Namen des Marktvogts“ begrüßte der Schreivogel, der bei keinem herkömmlichen Mittelaltermarkt fehlen darf, am Sonntagnachmittag die teils gewandete und teils in Freizeitkleidung erschienene Schar auf dem Festplatz. Man befinde sich im „Reich der Fantasie“, verkündete Pankratz (Harald Peinzke) von der Bühne herunter.

Die Fantasie wurde rasch lebendig, als sich zwei junge Mitglieder der Hirrlinger Mittelaltergruppe „Leitwölfe“ sogleich ein kurzes Schwert-Geplänkel lieferten, um ihre „Händel auszutragen“. Die Ursache war (wohl wegen ausufernden Met-Genusses am Vorabend) weder ihnen noch Pankratz’ possenreißendem Kollegen Pill (Thorsten Schördling) bekannt. Auch die umstehenden 14 Lagergruppen, die sich mit Hütten, Zelten, einer Amtsstube, Hunden und Pferden einquartiert hatten, wussten keinen Rat.

Bevor die Band „Feline & Strange“ die Bühne übernahm, sich die Meute in ihre Lager, zu den 40 Händlern oder den sieben Gastronomen verstreute, informierte Pankratz, jeder sei willkommen, doch sollten „Lotterpfaffen, Hassprediger“ und Konsorten draußen bleiben. Auch mussten manche Neuankömmlinge ihre geladenen Gewehre beim Eingang lassen.

Altes Handwerk wollten sie zeigen, Kultur wahren, den Leuten ein Stück Vergangenheit näherbringen, sagte die 32-jährige Erja am Nordende des abgesteckten Fest-Geländes. Die gewandete Wikingerfrau stand inmitten mehrerer selbstgemachter Baumwoll- und Leinenzelte. Sie bildeten das am 10. Jahrhundert orientierte Lager der Horber Wikinger- und Handwerkerformation Volgus Ferox. Der Fund des Oseberg-Schiffs in Norwegen habe unter anderem die Vorlagen für nachgebaute Truhen geliefert, ihre eigene Kleidung, von der handgefertigten Glasperlenkette bis hin zur Schürze, folge finnischen Wikingervorlagen.

Viel Selbstgemachtes brachten auch die vier Trapper und Indianer mit, die ihre beiden Tipis erstmals hinter der Bühne aufgeschlagen hatten. „Hau Kola“ laute eine indianische Grußformel, sagte die Schwarzfußindianerin Die-Alles-Wissen-Will. Die Ur-Amerikaner hätten sich teils mit den englischen Kolonialisatoren arrangiert, daher gebe es auch im Freizeit-Lagerleben, dem sie sonst in Vereinen frönten, eine Mischung von Materialien und Lebenstechniken. „Ernsthafte Recherche“ gehöre dazu, sagte die 64-Jährige, in deren Tipi die Rauchklappe offen war, die Glut im kleinen Feuer schon erloschen, und wo zu Schnüren verarbeitete Rohhäute als Hängeregal dienten.

Weitaus verspielter und weniger faktenlastig ging es im östlichen Geländeteil zu, wo sich Steam-Punker in sieben Hütten niedergelassen hatten. Generell inspirierten Science-Fiction-Romane von Autoren wie Jules Verne heute kreative Köpfe, erklärte Mareike „Marra“ Rademacher. Sie lassen sich von der Technikbegeisterung aus der Zeit der Dampfmaschinen (englisch: steam) oder der Dieselantriebe (resultierend im „Diesel-Punk“) aus der Zwischenkriegszeit anstecken und ersinnen davon ausgehend alternative Zukunftsentwürfe. In der einen Hand hielt die Tuttlinger Modedesignerin einen Zeitreise-Pass und in der anderen Temporalmarken. Sie versorgte die Besucher mit einer Aufenthaltserlaubnis am Tübinger „Zeitort“. Ein Stempelrecht sei dazu nötig, sagte die Frau, die in ihrer Auslage Broschen, Brillen und Accessoires für Liebhaber des Gothic-, Lolita- und viktorianischen Steam-Punks bot. Ein maßgeblicher Taktgeber der vor allem in Norddeutschland aktiven Steam-Punk-Szene seien die fantastischen „Aetherwelt“-Romane der Autorin Anja Bagus, sagte der diensthabende Offizier im „Amt für Aetherangelegenheiten“. In einem alternativen Baden-Baden steigt dort im Jahr 1910 grüner Nebel – Äther – auf, der Maschinen antreibt und Menschenkörper verändert. Das Amt helfe bei Verwirrung und folge dem Motto: „Audiatur et altera pars“ – Auch die Anderen sollen gehört werden.

Ritterliche Schaukämpfe, spontan improvisierte Sklavenversteigerungen, Musikeinlagen und vieles mehr versüßten Teilnehmern und Besuchern von Samstag bis Montag das zweite Tübinger „Zeitenspiel“ auf dem Festplatz. Bilder: Uli Rippmann

Inu Naina Win vom Indianerstamm der Arapaho mit einem Trapper bei der gemeinsamen Nahrungszubereitung vor dem Tipi.

Die Event-Agentur Fabula Corvinus

Schrittweise sollen immer mehr unterschiedliche Epochen den Tübinger Festplatz beleben, sagte Anja Katz. Bewerber sind willkommen. Beim nächsten Mal schon könnte die napoleonische Ära vertreten sein. Seit zehn Jahren besuchen Katz und ihr Mann Markus Mittelaltermärkte, seit 2016 sind sie Veranstalter. Eigene Erfahrungen lassen die vierfachen Eltern etwa in der Form freien Eintritts für Kinder bis 15 Jahre einfließen.

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Erstellt:
23. April 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
23. April 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. April 2019, 01:00 Uhr

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