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Ausstellung

Achtung, intim!

Das Kunstmuseum Stuttgart widmet dem Amerikaner Patrick Angus eine große Retrospektive. Der Maler starb vor 25 Jahren an Aids.

01.12.2017
  • CLAUDIA REICHERTER

Stuttgart. Be yourself, no matter what they say“ – sei du selbst, egal, was die Leute sagen. Sanft, doch eindringlich rät Sting zum Suchen und Finden und Ausleben der eigenen Identität in seinem Song „Englishman In New York“, der den gleichnamigen Spielfilm über die Schwulenikone Quentin Crisp beschließt. Darin spielt auch der Maler Patrick Angus eine Rolle. Eine untergeordnete, denn Crisp lernte ihn erst spät kennen, neun Jahre nachdem er von London nach New York gezogen war, und das Leben seines Bewunderers endete früh: Der 1953 in Kalifornien geborene Künstler starb 1992 mit 38 Jahren an Aids.

Doch der introvertierte Homosexuelle hatte – wie von seinem Förderer gefordert – zum Credo gefunden, seine Bedürfnisse auszuleben. Und seine Lebenswirklichkeit in seiner Kunst abzubilden. Ungeachtet der Reaktionen seiner Umwelt.

Ein Film und seine Folgen

Etliche seiner Bilder sind in Richard Laxtons Film zu sehen. Als der 2009 in den Kinos lief, entdeckte sie der Stuttgarter Rechtsanwalt und Kunstsammler Andreas Pucher, begab sich auf die Spuren des wenig beachteten amerikanischen Hockney-Fans, Realisten und Neoexpressionisten – und überzeugte seinen Partner, Galerist Thomas Fuchs, Angus eine Ausstellung zu widmen.

2015 zeigten sie den Künstler in der Stuttgarter Galerie Fuchs erstmals außerhalb seines Heimatlandes als Maler und nicht vorrangig als schwulen Maler. Patrick Angus' Freund Douglas Blair Turnbaugh, der heute mit Pucher, Fuchs und Angus' Mutter zusammen den Nachlass verwaltet, attestiert der Galerie-Ausstellung einen „erstaunlichen ,A-Star-Is-Born'-Erfolg“.

All das führte jetzt, 25 Jahre nach dem Tod des Künstlers, zur größten je zusammengetragenen Patrick-Angus-Retrospektive im Kunstmuseum Stuttgart.

Unter dem Titel „Private Show“ fassen Museumsleiterin Ulrike Groos und Kuratorin Anne Vieth die mehr als 200 Gemälde und Zeichnungen zusammen. Das funktioniert als Einladung und Warnung: eine exklusive Einzelvorstellung – aber Achtung, mit Intimität! Denn Angus' Bilder zeigen viel nackte Haut. Und Sex zwischen Männern. Der spielt sich auf den Großformaten seines Spätwerks zwar meist am Rande der Szenerie, im Halbdunkel, oder als Bild im Bild indirekt zitiert auf den Leinwänden von Pornokinos ab. Zudem muss der Besucher der nicht chronologisch angelegten Ausstellung fürs finale Kapitel „Bühnen, Bäder, Bars“ erst das dritte der drei Angus gewidmeten Stockwerke erklimmen.

Nicht in den Landschaften, Interieurs und „Referenzen“, doch auch schon in den Abschnitten „Panorama“, „Schwules Leben“ und „Eros“ finden sich explizite Szenen, sodass man sich auch heute noch – oder wieder – zweimal überlegt, in der Straßenbahn durch den Katalog zu blättern.

Jemand könnte daran Anstoß nehmen, die Motive als „schmutzig“ empfinden wie die Galeristen, von denen in der Ausstellung der Kinofilm „An Englishman in New York“ ebenso wie die 1988er Doku „Resident Alien“ erzählen. So blieb Patrick Angus zu seinen Lebzeiten die Beachtung verwehrt, die er verdient hätte.

Witz und Emotionalität

Denn der in Santa Barbara bei Gary H. Brown ausgebildete Picasso-Fan erweist sich als akribischer Chronist einer zwar schrillen, doch hermetischen Szene – malerisch wie zeitgeschichtlich hochinteressant, da es etwa das Gaiety Theatre nicht mehr gibt, und zugleich brandaktuell. Denn Aids tötet weiter. Die Darstellungen glorifizieren den damals teils harten gay Lifestyle nicht, wie schon Quentin Crisp betonte.

Der in die Recherchen eingebundene Kunststudent Tobias Bednarz, der seine Bachelor-Arbeit über Angus schreibt, hebt zudem den Witz vieler Arbeiten hervor. Und die große Emotionalität, mit der sich der Maler seinen Akten zuwandte. Die seien oft „von Einsamkeit und Aussichtslosigkeit geprägt“.

So hätte der Titel alternativ auch „Slave To The Rhythm“ heißen können – nach einem Bild von 1986, das Patrick Angus wie so oft nach einem populären Song benannte. Denn der Künstler war „dem Ganzen in seiner Sehnsucht und Sucht auch verfallen“, merkt Kuratorin Anne Vieth an, die ihn mit Groos zum Glück wieder ins Licht der Öffentlichkeit rückt.

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01.12.2017, 06:00 Uhr
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