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Zum 85. Geburtstag von Janosch

Ach, wie schön ist Anarchie

Der kleine Tiger, der kleine Bär und die Tiger-Ente begeistern die Menschen. Seit fast 40 Jahren. Über den Mann, der die schlichten Geschichten und krakeligen Zeichnungen schuf, war lange Zeit wenig bekannt.

10.03.2016
  • CLAUDIA REICHERTER

"Und da kam es über mich: Mich kotzte alles an. Alles. Die Kunst, das Leben, das Leiden - alles." "Ich brauchte keine Bilder. (. . .) Ich brauchte Hosen und eine neue Flasche Raphael-Wein." Sätze wie diese begründeten Ende der 50er Jahre die Karriere eines Mannes, der heute aus keinem Kinderzimmer mehr wegzudenken ist. Dem Millionen Kinder ihre grundlegende Herzensbildung verdanken. Und ebensoviele Mütter und Väter - Akademiker oder nicht - die Tatsache, dass sie in Jahren häuslichen Eideideis nicht wahnsinnig wurden. Schließlich fanden sich unter dem ganzen Bilderbuchkitsch, aus dem sie dem Nachwuchs stundenlang vorlasen, auch Janosch-Bücher.

Janosch ist ein Erzähler und Zeichner, der scheinbar schlicht die Anleitung für ein glückliches Leben geben und das in wunderbar krakelige Bilder übersetzen kann. Mit an Bindfäden von der Decke baumelnden Pilzen, die im Wald gefunden, nicht gesucht wurden; mit an die Wände gehefteten Notizen wie "gehen wir doch lieber baden"; mit dem seit fast 40 Jahren geltenden Inbegriff des idealen Freundespaars: dem kleinen Bären und dem kleinen Tiger - und der Tiger-Ente, die letzterer hinter sich herzieht, schützend im Arm hält, oder mit allerlei anderem Unaufgeräumtem unterm Küchentisch liegen lässt. Generationen von Menschen lieben Janoschs Bücher: von der frühen "Geschichte von Valek dem Pferd" (1960) über den mehr als eine Million Mal verkauften Bestseller "Oh, wie schön ist Panama" (1978) und "Liebe Grille, spiel mir was" (1982) bis hin zu "Gibt es hitzefrei in Afrika?" (2006), einem der letzten Bücher, die abgesehen von diversen Anthologien unter Janoschs Namen erschienen sind.

Mehr als 300 Bücher gebe es von ihm auf Deutsch, teilte er seiner Biografin Angela Bajorek mit. Die meisten wurden in mindestens fünf, viele davon in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Was allen gefällt: das Wilde, Unangepasste, Anarchische. Janoschs "Hang zum Skurrilen und Kauzigen" nennt das die Germanistin Bajorek, seine Vorliebe für Schelme, Schwindler, "Sonderlinge und Außenseiter, die sich eine eigene Welt erschufen".

Sein erster Verleger, Georg Lentz, habe dem jungen Autor geraten, ein Buch zu machen, das "die Kinderbuchtanten erschrecken" sollte. Das fiel dem damals hippie-mäßig zwischen seinem Heim in Schwabing, den Kneipen der Leopoldstraße und dem Campingplatz von Saint Tropez vagabundierenden Mopedfahrer mit Schnäuzer wohl nicht schwer: Janosch war am 11. März 1931 im oberschlesischen Hindenburg - dem heutigen Zabrze in Polen - unter dem später als "unzerstörbare Beleidigung" empfundenen Namen Horst geboren worden. Er erlebte eine brutale Kindheit am Rande äußerster Armut. Nach dem Zweiten Weltkrieg floh die Familie in den Westen, der ältere von zwei Söhnen machte bei Oldenburg eine Ausbildung zum Tapetenmusterzeichner. Von der Münchner Kunstakademie wurde er mehrfach abgewiesen: "fehlende Begabung".

Zwischen 2011 und 2014 vertraute er Bajorek so viel von sich an wie "niemals mehr jemandem": dass ihm ein Cuba Libre zur zündenden Tiger-und-Bär-Idee verhalf; dass er für den ersten Erwachsenenroman "Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm" (1970) in seinem Atelierhaus am Ammersee 41 Flaschen Gin brauchte; dass bei ihm Schaffen und Suff über Jahrzehnte Hand in Hand gingen - und dass die Quelle seines Humors "die Verzweiflung am Leben" sei.

Der Eigenbrötler, der morgen 85 wird und zurückgezogen, hauptsächlich in der Hängematte liegend, mit seiner Frau Ines auf Teneriffa lebt, hat neben Grimms Märchen auch De Sade und Bukowski illustriert. Er findet seinen Stil "infantilistisch", hat mit 49 einen Zusammenbruch erlitten und erhält aufgrund komplizierter Verträge kein Honorar aus dem Verkauf seiner Bücher, Filme und Tiger-Enten-Memorabilia. Zudem führt er Journalisten gern an der Nase herum, erzählt einander widersprechende Legenden über sich und sein Leben.

Stimmt also, was er Bajorek erzählte? Wer ist der Mann, der wie kein anderer die Kinderzimmer der Nation beherrscht, der zahlreiche Auszeichnungen bis hin zum Bundesverdienstkreuz und dem Orden Manuel Amador Guerrero, der höchsten Auszeichnung Panamas als Dank für die Popularisierung des Landes in der Literatur, sein eigen nennt? Sicher ist, dass es 56 Jahre nach seinem ersten Buch die äußerlich immer mehr auf Leistung getrimmte Menschheit noch immer - oder mehr denn je - nach Janoschs Lebensphilosophie dürstet: Je einfacher du lebst, je weniger du brauchst, desto glücklicher bist du.

Ach, wie schön ist Anarchie! Wenigstens für eine Vorlesestunde, wenn einen wie in seiner ersten noch unter dem Namen Horst Eckert in der "Zeit" veröffentlichten Geschichte "Wie ich litt" aus dem Jahr 1957 mal wieder alles ankotzt.

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10.03.2016, 08:30 Uhr
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