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Das Ende einer beispiellosen Karriere

Abtritt eines kleinen Mannes und großen Rhetorikers: Gregor Gysi übergibt heute das Amt des Fraktionsvorsitzenden

Seit 25 Jahren ist der ostdeutsche Anwalt Gregor Gysi das Gesicht der deutschen Linken. Heute gibt der begnadete Redner den Fraktionsvorsitz der Linkspartei ab und beendet so eine beispiellose Karriere.

13.10.2015
  • ANDRÉ BOCHOW

Über die Anfangsjahre erzählt Gregor Gysi gern die Geschichte von seiner ersten Kundgebung in Westdeutschland. Der örtliche Polizeichef kam damals zu Gysi und wollte, dass er eine Sicherheitsweste anlegt. "Da habe ich gesagt, nee, die ziehe ich nicht an." Darauf der Ordnungshüter: "Gut, das nehmen wir zu Protokoll. Schusssichere Weste angeboten. Wurde abgelehnt." Gysi sprach also ungeschützt zu einem überschaubaren Publikum. Nur ein Mann schimpfte auf die SED. Trotzdem bekam Gysi eine Eskorte.

Im Auto drehte sich der Polizeichef um und meinte, "Herr Gysi, nur damit wir uns nicht missverstehen. Meinetwegen können Sie erschossen werden. Aber nicht in meiner Stadt." So war die Stimmung nach der friedlichen Revolution, die dem damals 45-jährigen Gysi zu einer der erstaunlichsten politischen Karrieren des vereinigten Deutschland verholfen hat. Und die heute mit der Übergabe des Fraktionsvorsitzes endet.

Gysi ist schon einmal aus der Bundespolitik ausgeschieden. Im Jahr 2000 war das, kurz darauf wurde er für ein halbes Jahr Wirtschaftssenator in Berlin. Weil bekannt wird, dass er, wie andere auch, dienstlich erworbene Bonusmeilen privat verfliegt, tritt er sofort zurück. Manche meinen bis heute, Gysi hätte da eine Gelegenheit beim Schopf gepackt.

Und dann sollte Schluss sein mit der großen Politik. Aber nun trat der ehemalige SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine in Gysis Leben und forderte ihn auf, mit ihm gemeinsam eine gesamtdeutsche linke Partei zu gründen. Heute sehen sich beide nur noch selten und die Meinungsunterschiede sind groß. Aber für diese Tat wird Gysi dem Saarländer ewig dankbar sein. "Die PDS allein wäre Schritt für Schritt untergegangen." Jetzt herrsche europäische Normalität. "Es ist gelungen, dass auch die, die uns nicht mögen, akzeptieren, dass es uns gibt." Heute bekommt der eloquente Anwalt in bayrischen Bierzelten manchmal mehr Beifall als CSU-Politiker.

Seit 2005 ist Gysi Fraktionschef der Partei, die sich etwas anmaßend als "DIE LINKE" bezeichnet. In den vergangenen zwei Jahren durfte er sich sogar Oppositionsführer nennen. Das hat ihn sichtlich gefreut. In seiner letzten Rede im Bundestag als Fraktionsvorsitzender spricht er die Bundestagsabgeordneten erstmals mit "liebe Kolleginnen und Kollegen" an. Die Abgeordneten der anderen Parteien haben sich an ihn gewöhnt. Gysi wird geschätzt. Manchmal außerhalb seiner Fraktion mehr als in ihr. Die, die mit ihm enger zusammenarbeiten, berichten von seiner Disziplin und von seinem Fleiß. Post an ihn beantwortet er grundsätzlich selbst.

Von vielen anderen Politikern unterscheidet sich Gysi durch seine Körpergröße und durch seine Fähigkeit sich selbst in Frage zu stellen. "Wenn du in der ersten Reihe stehst, bist du eitel", sagt er häufig. "Die Frage ist nur, beherrschst Du die Eitelkeit oder beherrscht sie dich?" Dass Gysi die Frage für sich grundsätzlich positiv beantwortet, versteht sich von selbst. Gysi ist nicht Gandhi. Und selbst der war ja kein wirklicher Heiliger.

Manchmal hat sich Gregor Gysi im Bundestag so in Rage geredet, dass man fürchten musste, er würde wie Nikita Chruschtschow seinen Schuh ausziehen und damit das Pult malträtieren. Aber dazu kam es natürlich nie. Gysi hat Manieren und er kontrolliert seine Wut. Er weiß auch genau, wie man mit den Emotionen der Zuhörer umgeht. Besonders wenn es ernst wird. Die Rede auf dem Göttinger Parteitag im Jahr 2012, mit deren Hilfe er die Partei in den Abgrund sehen ließ und in der er vom Hass in seiner Fraktion berichtete, war, wie er selbst berichtete durchaus kalkuliert. Auf die Rede ist er heute noch stolz.

Solche Auftritte wird es in Zukunft höchstens noch selten geben. "Sie ahnen gar nicht, wie sehr ich mich auf den 14. Oktober freue", sagt der scheidende Fraktionschef. "Es gab noch keine Sekunde, in der ich die Entscheidung bereute." Schon vor Jahren hat er seinen Abgang angekündigt. "Es hat nur keiner geglaubt." Aber ist das alles wirklich unwiderruflich? Auf solche Fragen feuert Gysi ganze Antwortsalven ab. "Ich will nicht heimlich von hinten weiter leiten", sagt er. Oder: "Ich gehöre nicht zu denen, die einmal getroffene Entscheidungen bereuen." Aber auch: "Ich muss sehen, wann ich eingreifen muss. Natürlich, wenn es ernst wird." Aber da merkt Gysi, dass das nicht geht und sagt über seine Nachfolger: "Ich habe ihnen eine Chance aufgebaut. Nun müssen sie entscheiden, ob sie sie nutzen oder nicht."

Er selbst wird stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Da spart die Fraktion Geld, weil Gysis Auslandsreisen dann vom Bundestag bezahlt werden. Das findet er lustig. Außerdem will Gysi seine Talkshow-Reihe im Deutschen Theater fortführen, plant ein paar Dinge, "über die ich noch nicht sprechen kann" und sagt, er sei "ein Idiot, weil ich eine Autobiografie zugesagt habe." Manchmal beherrscht Gregor Gysi seine Eitelkeit wohl doch nicht.

Abtritt eines kleinen Mannes und großen Rhetorikers: Gregor Gysi übergibt heute das Amt des
War bis heute Oppositionsführer im Bundestag: Gregor Gysi Foto: dpa

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13.10.2015, 12:00 Uhr
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