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Kommentar

Absurde Debatte

30.08.2016
  • ELISABETH ZOLL

Wieder geht es um ein Stück Stoff – und wieder stehen im Zentrum des Streits Frauen. Was dürfen sie tragen? Was ist schicklich oder angemessen? Die Öffentlichkeit hat ein neues Reizthema gefunden: den Burkini, eine Badekleidung, die den Körper ganz bedeckt, mit Ausnahme von Händen, Füßen und – Gesicht. Die Diskussion schwappt von Frankreich ausgehend in andere europäische Länder. Zu einer Neuauflage der Burka-Debatte, bei der hierzulande über die Zulässigkeit des Gesichtsschleiers gestritten wurde, taugt der Streit über den Burkini nicht. Im Schwimmanzug ist das Gegenüber klar zu erkennen.

Nur wenige Frauen in Deutschland tragen einen Burkini. In Thermen oder Schwimmbädern, in denen er zu sehen ist, war das bisher fast nirgendwo ein Problem, nimmt man die bayerische Gemeinde Neustraubling davon aus, die meinte den Ganzkörperbadeanzug als unangemessene Schwimmkleidung verbieten zu müssen. Doch was heißt schon unangemessen? Ist ein Burkini anstößiger als ein String Tanga? Und wer entscheidet darüber, was Frauen tragen dürfen und was nicht?

Die öffentliche Debatte bestimmen meist Männer. In Frankreich auch jene, die sich um das höchste Staatsamt bewerben. Besonders anmaßend argumentieren sie mit dem vermeintlichen „Schutz der Frauen“ vor einem Symbol der Unterdrückung. Das ist nichts als eine Phrase. Wo solche Sprüche nicht der persönlichen Profilierung dienen, kaschieren sie Islamfeindschaft, die in der Burkini-Debatte ein weiteres Ventil gefunden hat. Muslimische Frauen sollen wegen dieser Badekleidung ausgrenzt werden.

Die Radikalisierung der Öffentlichkeit treibt auch in Deutschland immer schneller wüstere Blüten. Und sie nimmt gerne Frauen ins Visier. Vielleicht kocht das bisher untergeordnete Problem auch deshalb hoch, weil der Nutzen – Aufmerksamkeit, Profilschärfung, Aktivierung der eigenen Wählerschaft – so groß, die politischen Kosten aber gering sind. Die Aufhetzung trifft ja „nur“ Frauen, die dazu noch einer Minderheit angehören.

Der in Frankreich ins Feld geführte Aspekt Schutz der öffentlichen Sicherheit jedenfalls ist an den Haaren herbeigezogen. Von Frauen in Schwimmanzügen geht keine Gefährdung aus. Wie denn auch? Sie sind als Gegenüber klar zu erkennen, riskante Instrumente wie Messer lassen sich in einem Schwimmanzug nicht verstecken. Gefährlich ist allenfalls das Agieren von Islamfeinden, deren Aggression so groß ist, dass sie wehrlose Strandbesucherinnen beleidigen und attackieren. Vor ihnen muss ein Rechtsstaat Wehrlose schützen. Anderenfalls würden Opfer für das Tun jener verantwortlich gemacht werden, die eine offene Gesellschaft nur für Gleichgesinnte akzeptieren, und die zu Straftaten aus Intoleranz fähig sind.

Wird unsere offene und selbstbewusste Gesellschaft durch verhüllte Beine und Arme herausgefordert? Ist der Neopren-Tauchanzug eine Gefahr für unser Selbstverständnis, das langärmelige T-Shirt, mit dem sich Sonnenempfindliche vor Hautkrebs schützen, eine öffentliche Zumutung? Die Debatte ist absurd. Sie ist ein Zeichen für die Verunsicherung der Gesellschaft – und Ausdruck dafür, wie weit die antiislamische Paranoia bereits um sich gegriffen hat.

Es kann nur eines geben: Die Frauen entscheiden selbst, was sie tragen wollen und was nicht. Ein Burkini ermöglicht muslimischen Frauen, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Besser ist es in unserer Gesellschaft, miteinander zu leben in aller Freiheit und Unterschiedlichkeit, als Sittenpolizisten oder Islamfeinde definieren zu lassen, wo die Grenzen unserer Freiheit sind.

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30.08.2016, 06:00 Uhr
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