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Trauer

Abschied von einem Querdenker

Der Philosoph und Jurist vom linken Herz-Jesu-Flügel der CDU dachte stets auch über die Grenzen seiner Partei hinaus. Heiner Geißler ist im Alter von 87 Jahren gestorben.

13.09.2017
  • GUNTHER HARTWIG

Berlin. Vor ein paar Monaten ist in Bonn ein Buch erschienen über „Intellektuelle in den Volksparteien der Bundesrepublik Deutschland“. Der Autor nimmt dabei jeweils zwei herausragende Vertreter dieser inzwischen äußerst seltenen Spezies unter die Lupe, die beiden Christdemokraten Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler sowie die beiden Sozialdemokraten Erhard Eppler und Peter Glotz. Wer will, kann noch die Liberalen Ralf Dahrendorf und Karl-Hermann Flach dieser Gilde zurechnen, aber mit diesen sechs Namen schließt sich der Kreis prägender Vordenker in der Bonner Republik fast auch schon.

Es ist mehr als eine kurze Erwähnung wert, dass bis auf den Schwaben Eppler alle anderen Politiker zugleich Generalsekretäre ihrer Parteien waren, was heute vor allem deshalb erstaunlich erscheint, als man mit den amtierenden Nachfolgern Peter Tauber (CDU), Hubertus Heil (SPD) oder Nicola Beer (FDP) nicht jene Qualitäten verbindet, die den berühmten Vorgängern zu eigen waren: analytischen Verstand, rhetorische Brillanz, scharfes Profil, starkes Selbstbewusstsein. Geißler und Co. waren Kopfarbeiter und Organisatoren, Querdenker und Antreiber in Personalunion, keine reinen Apparatschiks.

Heiner Geißler, der 1977 bei seiner Berufung ins CDU-Hauptquartier am Rhein von jenem strukturellen Modernisierungsschub profitierte, den zuvor der umtriebige Professor Biedenkopf der leicht verstaubten Partei verordnet hatte, war ein Glücksfall für den Vorsitzenden Helmut Kohl. Der provinzielle Pfälzer („Birne“) galt damals in den Augen vieler Bonner Beobachter nicht gerade als Ausbund an intellektuellem Glanz, was Geißler später so beschrieb: „Kohl war nicht klüger als andere Politiker, aber er war allen anderen überlegen im Willen zur Macht.“

Geißler besetzte im Team des „Schwarzen Riesen“ also beherzt die Rolle des geistigen Schrittmachers, der die CDU vom traditionellen Kanzlerwahlverein in eine zeitgemäße Programmpartei zu transformieren gedachte. Der Philosoph und Jurist vom linken Herz-Jesu-Flügel der Union dachte stets auch über die Grenzen seiner Partei hinaus. So erfand er die „Neue Soziale Frage“ und mutete den Konservativen in den eigenen Reihen einiges zu, als er schon 1988 von der „multikulturellen Gesellschaft“ sprach.

Das war jene Phase, in der Geißlers Verhältnis zu seinem Mentor Kohl bereits erkennbar gelitten hatte. Zwar wusste der Kanzler, was er an dem einflussreichen Parteimanager hatte, schließlich zog Geißler, ein Meister der Provokation, mit seinen oft polemischen Attacken auf politische Gegner viele Pfeile auf sich. Die Genossen brachte er mit Parolen wie „Freiheit statt Sozialismus“ so sehr auf die Palme, dass SPD-Chef Willy Brandt den CDU-Abgeordneten 1985 sogar als „schlimmsten Hetzer seit Goebbels“ beschimpfte. Er konterte viel später: „Wenn ich in der Nähe von Goebbels bin, ist der Playboy das Mitteilungsblatt des Vatikans.“

Den schlagendsten Beweis dafür, dass sich Geißler längst von seinem Parteichef emanzipiert hatte, lieferte er im Schatten der CDU-Parteispendenaffäre in Rheinland-Pfalz. Kohl hatte vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Mainz eine Falschaussage gemacht, was sein Generalsekretär in einem TV-Talk flapsig mit einem „Blackout“ des Regierungschefs erklärte. Kohl schäumte und nahm nachhaltig übel. Der „Spiegel“ notierte: „Der Minenhund des Kanzlers war auf seinen Herrn losgegangen.“

Der Zwist zwischen den beiden Alphatieren trieb seinem Höhepunkt entgegen. Auf dem CDU-Parteitag 1989 in Bremen wollte Geißler den nach seinem Urteil erschlafften Kohl durch den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth ersetzen – der Umsturz schlug fehl. Dass Kohl seinen ehemaligen Getreuen, dem er jetzt „Undank“ vorwarf, kurzerhand schasste, kommentierte Geißler hernach so: „Das war sein gutes Recht, aber wahrscheinlich ein großer Fehler.“

Natürlich ließ Heiner Geißler, der passionierte Bergsteiger und Gleitschirmflieger, das Ketzern gerade auch nach seinem Rausschmiss durch Kohl nicht. Den Langzeit-Vorsitzenden und dessen „Führerkult“ bezeichnete er als „Erzübel“ der CDU, beißende Kritik übte er am Turbokapitalismus und der neoliberalen FDP. Geißler schloss sich den Globalisierungsgegnern von „Attack“ an und verurteilte den Kurs seiner Partei zur „Homo-Ehe“ als „reaktionär“.

Besorgt über die Zuwächse der AfD „gerade in den sozialen Problemzonen unserer Großstädte“ warnte er: „Die CDU muss aufpassen, dass sich das nicht weiterentwickelt.“ Zugleich war er ein gefragter Schlichter in Tarifauseinandersetzungen und beim Großkonflikt um das Bahnprojekt „Stuttgart 21“, das der damals bereits 80-Jährige auf den rechten Weg unter die Erde führte.

Mit Helmut Kohl dagegen, der schon im Juni starb, hat er keinen Frieden mehr geschlossen – oder genauer: Kohl nicht mit ihm. Vergebliche Versuche Norbert Blüms, die beiden Kampfhähne zu versöhnen, hat es gegeben. Geißler war dazu bereit: „Ja“, so antwortete er auf die Frage, ob er unterdessen allen seinen Feinden verziehen habe, „allen. Auch Helmut Kohl.“

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13.09.2017, 06:00 Uhr
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