Nachruf

Abschied vom TV-Multitalent Alfred Biolek

Als Talk- und Kochshowmaster war er eine Marke mit drei Buchstaben: Bio. Am Ende seines Lebens konnte Alfred Biolek zufrieden feststellen, dass Deutschland ein bisschen so geworden sei wie er.

24.07.2021

Von dpa

Einsatz vor 30 Jahren: Moderator Alfred Biolek balanciert auf der Bühne bei einem Auftritt in der ARD-Show „Mensch Meier“. Foto: Horst Galuschka via www.imago-images.de

Das Belgische Viertel ist ein Genießer-Viertel von Köln, und dort konnte man Alfred Biolek in seinen letzten Jahren immer mal wieder begegnen. Er ging langsam und schob einen Rollator vor sich her. Am Schluss machte er nur noch winzige Schritte, gestützt von seinem Adoptivsohn Scott Biolek-Ritchie. Schmal und schwankend war er geworden, und doch zweifelte man keinen Augenblick daran, dass er es war. Das Professorengesicht mit der runden Brille war eben unverkennbar.

Nun ist Alfred Biolek, der große TV-Entertainer, mit 87 Jahren in Köln gestorben. Er schlief am Freitag friedlich ein, erfuhr die dpa von Biolek-Ritchie.

Biolek hat zwei Formate des deutschen Fernsehens mitbegründet: die Talkshow und die Kochshow. Und er hat über dieses Medium die Gesellschaft beeinflusst. Am Ende seines Lebens konnte er mit Genugtuung feststellen, dass die Deutschen ein wenig so geworden waren wie er: dem guten Essen zugetan, offen für alle möglichen kulturellen Einflüsse aus dem Ausland und im Allgemeinen tolerant gegenüber Minderheiten.

Alfred Biolek. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

„Von den großen Ländern Frankreich, England, Italien, Spanien hat sich Deutschland am weitesten geöffnet und verkrustete Strukturen aufgebrochen“, sagte er. Zuletzt macht er allerdings eine Einschränkung: Dass die Rechten wieder aktiv würden, das finde er schlimm, sagte er. Vielleicht könnten die Menschen eben doch nicht aus der Geschichte lernen.

Der Anwaltssohn Biolek ist 1934 in Freistadt (heute in Tschechien) geboren worden. Er verlebte eine behütete Kindheit in einem großbürgerlichen katholischen Elternhaus. Nach dem Krieg floh die Familie in den Westen, wie sein Vater studierte Biolek Jura und promovierte zum Doktor jur. Zeitlebens hatte er etwas von einem zerstreuten Professor: Die runde Brille, die Kärtchen, mit denen er vor der Kamera hantierte, die vielen „Ähs“, die abgebrochenen Sätze.

Bioleks Karriere wäre heute undenkbar. Als Justiziar begann er 1963 beim ZDF, wechselte aber bald darauf ins Redaktionelle. Bei seinem ersten Auftritt vor der Kamera gab er „Tipps für Autofahrer“.

Alfred Biolek im Wohnwagen am Set von Bio's Bahnhof in Frechen. Foto: United Archives / ZIK Images via www.imago-images.de

1970 kam er zum WDR nach Köln und entwickelte dort mit Rudi Carrell die Samstagabendshow „Am laufenden Band“, die erfolgreichste Sendung der 1970er Jahre. Parallel sammelte er im „Kölner Treff“ Moderationserfahrung und bekam 1978 seine Sendung „Bio‘s Bahnhof“. Danach war er im Fernsehen 30 Jahre ständig präsent. Allein seine Talkshow „Boulevard Bio“ lief zwölf Jahre lang. Seine Ära endete erst 2007 mit der letzten Folge der Kochsendung „Alfredissimo“.

„Bio“ war ein enormer Kenner der Kulturszene nicht nur in Deutschland, sondern zum Beispiel auch in den USA, in England und den Niederlanden. Er war es, der Monty Python und Herman van Veen nach Deutschland holte, der zum ersten Mal Sting im Ersten auftreten ließ. In seiner Wohnung in Köln empfing er Weltstars wie Tina Turner.

Sein schönstes Kompliment bekam er von Sammy Davis jr. in „Bio‘s Bahnhof“: „Ich bin seit 53 Jahren im Showbusiness, und ich muss sagen, dies ist die originellste und am besten zusammengestellte Fernsehshow, in der ich jemals auftreten durfte.“

Mit seiner Homosexualität hat sich Biolek lange schwer getan. Erst mit etwa 30 Jahren gestand er sich selbst ein, dass er schwul war, gab dann alle seine Anzüge in die Altkleidersammlung und trug eine Zeit lang nur noch Jeans, Pullover und Lederjacke. Öffentlich sprach er nie darüber.

Pioniere der deutschen Talkshows: Rudi Carrell (li.) und Alfred Biolek im WDR-Talk 1984. Foto: imago stock & people

Sein Outing übernahm der Filmemacher Rosa von Praunheim; er verkündete 1991 in einer RTL-Sendung, Biolek sei „stockschwul“. Der empfand das zunächst als „unfair“, doch später war er froh darüber: „Ich habe da einen Schlag bekommen, der sehr wehgetan hat, aber irgendwo hat dieser Schlag eine Verspanntheit gelöst, die danach weg war.“

Lange war Biolek ein fester Bestandteil der Berliner Gesellschaft. Wenn er eines seiner rauschenden Feste gab, kamen alle: der Regierende Bürgermeister, der Ex-Kanzler, der Bundespräsident. Doch dann veränderte sich sein Leben: 2010 stürzte er auf der Treppe, zog sich Kopfverletzungen zu und fiel ins Koma. Danach war sein Gedächtnis weg. Erst beim Lesen seiner Autobiografie kehrte die Erinnerung zurück.

Anschließend zog er nach Köln zurück und verschwand aus der Öffentlichkeit. Angst vor dem Tod hatte der Katholik nicht. Einmal sagte er der dpa: „Ich habe das Gefühl, ich werde den Tod genauso entspannt erleben wie alle Dinge in meinem Leben.“

Ideengeber, Förderer und äußerst kreativ

Tom Buhrow, der ARD-Vorsitzende, sagte, mit Alfred Biolek „verlieren wir ein Allroundtalent des deutschen Fernsehens“. Er sei ein begnadeter Talkmaster, Ideengeber, Entdecker und Förderer gewesen und äußerst kreativ.

Jan Böhmermann („ZDF Magazin Royale“) twitterte „Auf Wiedersehen, Bio!“ und versah den Text mit einem dicken roten Herzen. Erst vor wenigen Tagen hatte er gesagt: „Ich schaue mir alte Biolek-Folgen bei Youtube an. Die sind fantastisch.“

Christine Strobl, die ARD-Programmdirektorin, schrieb: „Gespräche mit Leichtigkeit und Witz zu führen und dabei seinen Gästen nie zu nahe zu treten, war seine große Gabe. Wir werden ihn sehr vermissen.“

Rosa von Praunheim veröffentlichte ein schwarz-weißes Foto von Biolek auf Facebook und schrieb – garniert mit drei roten Rosen – dazu: „Im Gedenken an Alfred Biolek. Hochachtungsvoll, Rosa.“ - dpa

Zum Artikel

Erstellt:
24. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Juli 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App