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Bahnvorstand Kefer hört auf – Der Streit um Stuttgart 21 geht weiter

Abschied vom Großprojekt

Probleme mit Kosten und Zeitplan von Stuttgart 21 beschäftigen die Projektpartner. Der scheidende Bahnvorstand Kefer wird den Streit nicht vermissen.

02.07.2016

Von ANDREAS BÖHME

Bahnvorstand Volker Kefer verlässt die Baustelle Stuttgart 21. Nicht der Dauerstreit um das Milliardenvorhaben sei schuld, sagt er. Foto: dpa

Stuttgart. Wenn da nicht allweil dieses knitze Lächeln wäre: Man würde Volker Kefer ja unbesehen jede gebrauchte Lokomotive abkaufen. So freundlich der Ingenieur zweifellos ist und so optimistisch er dreinblickt – das Lächeln nährt immer leichte Zweifel. Jetzt aber lacht er lauthals bei der Frage, was ihm fehlen werde, wenn er bald nicht mehr Infrastrukturvorstand der Bahn ist: „Der Lenkungskreis natürlich und die Pressekonferenzen und die kritische Berichterstattung.“

Der Lenkungskreis: Fünfzehnmal hat er sich getroffen. Land, Stadt, Region und Bahn, die Stuttgart 21 mitfinanzieren, tagen im großen Turnus. Fast alle. Der Bund als Eigentümer der Bahn fehlt. Nur manchmal beschließt der Lenkungskreis auch etwas, meistens nicht. Auch am Donnerstagabend. Man trifft sich am Flughafen, dann reisen die Herrschaften weiter nach Berlin. Diesmal erläutert der Bahnvorstand die nach drei Jahren komplett neu erhobenen Kosten- und Terminpläne, die Landesverkehrsminister Winfried Hermann längst kennt: „Ich habe mich sehr darüber geärgert, dass die Partner alles aus der Zeitung lesen mussten.“

So ist das mit bahninternen Papieren: Erst werden sie bei der DB debattiert, dann kriegt sie der Aufsichtsrat, Wochen später der Lenkungskreis. Nichts wird so schnell von so vielen Seiten an Journalisten durchgestochen wie ein Bahnpapier.

Der Kostenrahmen von sechseinhalb Milliarden für den Bahnknoten ist fast ausgeschöpft, liegt aber einschließlich Risiken im 6,5 Milliarden Euro umfassenden Rahmen. „Zehn Milliarden reichen“, sagt Kefer, und als die Medien zusammenzucken, lacht er wieder: „Zehn Milliarden für das Gesamtprojekt bis nach Ulm.“ Zwar gibt es getrennte Rechnungen für den Bahnknoten in der Landeshauptstadt und die Neubaustrecke über die Alb, aber die ist billiger als gedacht. Mit den dort eingesparten Millionen ließe sich so manche Kostensteigerung bei S?21 noch ausgleichen – wenn man eins und eins zusammenzählen würde.

Der Zeitplan indes wird enger. Allein zwei Jahre im Verzug ist die architektonisch höchst ambitionierte Bahnhofshalle. 2021 soll eigentlich Eröffnung sein. Woran liegt's? An extern induzierten Kosten, sagt Kefer, am Arten- wie am verbesserten Brandschutz und an toten Bäumen voller Käfer, die man zum Schutz unterfahren müsse statt sie abzuholzen. Und an geschützten Eidechsen, die teuer umgesiedelt werden müssen. „Naturschutz ist Teil des Projektes“, entgegnet Minister Hermann, kein externes Risiko. Wie aber gemeinsam weitermachen, um Zeit einzuholen? „Mit der Stadt kann man Tag und Nacht darüber reden, wie die Pläne einzuhalten sind“, sagt Stuttgarts OB Fritz Kuhn. „Die Rollen sind einfach: Die Bahn baut S?21. Allein.“

Stuttgart stellt jetzt einen Juristen ein, nur für S?21. Sechs Jahre nach dem Spatenstich. Tausende Telefonate habe man geführt, sagt Kuhn. „Der Eindruck, wir hätten nichts gemacht, soll sich nicht verfestigen.“ Warum beteuern dann alle Projektpartner nach jeder Sitzung, man müsse mehr miteinander reden? Bahningenieure sind keine Kommunikationsprofis. Aber umgekehrt fehlt Politikern oft Verständnis dafür, dass man Großprojekte immer wieder nachrechnen und nachplanen muss. Als Kefer nach der Konferenz beteuert, er verlasse den Bahnvorstand aus Privatgründen und nicht wegen des Dauerstreits um S?21, lächelt er wieder so milde: „Wir haben ein Stück weit zusammengefunden.“ Ein Stück weit? Nach so viel Jahren Planen und Bauen? Jede Wette: Nichts wird Kefer fehlen vom Lenkungskreis. Gar nichts.

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Erstellt:
2. Juli 2016, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Juli 2016, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Juli 2016, 06:00 Uhr

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