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Abschied vom Freiheitsentzug
Fixierung am Krankenbett: Der „Werdenfelser Weg“ hilft, diesen Freiheitsentzug zu verhindern. Foto: © epd-bild / Werner Krüper
Pflege

Abschied vom Freiheitsentzug

Zwei Experten aus Bayern haben ein Verfahren entwickelt, um auf die Fixierung im Krankenbett zu verzichten. Heute entscheidet das Bundesverfassungsgericht über solche Zwangsmaßnahmen.

24.07.2018
  • MARTIN HOFMANN

Ulm. Ein Jurist und ein Sozialpädagoge haben am Fuß der Zugspitze eine Lawine losgetreten, die nicht mehr aufzuhalten ist. Sie entfaltet keine zerstörerische Wirkung, sondern verändert den Umgang mit Patienten und Pflegebedürftigen nachhaltig. Das Ziel des 2007 gestarteten Projekts: freiheitsentziehende Maßnahmen wie Festgurten im Bett in Kliniken und Pflegeheimen so weit wie möglich zu vermeiden. Inzwischen hat sich das Konzept der zwei Garmisch-Partenkirchner so verbreitet, dass es „unumkehrbar“ ist, freuen sich Sebastian Kirsch, Betreuungsrichter am dortigen Amtsgericht, und Josef Wassermann, Leiter der Betreuungsstelle des Landratsamts. Vor allem Alten- und Krankenpfleger folgen dem „Werdenfelser Weg“ – benannt nach der oberbayerischen Alpenregion.

Was passiert? Bevor ein Gericht eine beantragte Zwangsmaßnahme genehmigt, prüft ein ohnehin zu bestellender Verfahrenspfleger – soweit möglich – mit Betroffenen, Pflegekräften, Ärzten, Heim- oder Klinikverwaltung, ob es eine Alternative zur Fixierung im Bett oder Rollstuhl gibt. Bei nicht Einwilligungsfähigen entscheiden Angehörige oder Betreuer mit.

Zum Freiheitsentzug zählen auch das Hochziehen der Bettgitter, das Abschließen von Räumen, das Ruhigstellen mit Medikamenten. Die extra geschulten Verfahrenspfleger stellen den Beteiligten die große Vielfalt an Möglichkeiten vor, Zwang zu vermeiden. Sie klären dann, wie diese personell, organisatorisch oder durch Anschaffungen zu verwirklichen sind.

„Ganz oft findet sich eine Lösung“, sagt Kirsch. „Es entwickelt sich eine neue Pflegekultur. Im Zentrum steht der Patient oder Bedürftige.“ Häufig müsse den Heimen und Kliniken zunächst die Angst genommen werden, bei Verzicht auf Zwang müssten sie für mögliche gesundheitliche Schäden ihrer Betreuten haften. „Selbst die Rechtsprechung sieht dies bei weitem nicht so“, erklärt Kirsch.

Stürze aus dem Bett oder beim nächtlichen Toilettengang müssen nicht zu Knochenbrüchen führen. Hüftprotektoren, rutschfeste Unterlagen, Niedrigflurbetten, Schutzmatten oder ein Nachtlicht reichen oft aus. Wiederkehrende Unruhezustände und Bewegungsdrang bauen sich gewiss nicht durch Fixierungsgurte ab. Durch Sensormatratzen, Ortungssysteme – Babyphone – behalten Pflegekräfte den Überblick, wer sich wo befindet.

Heute setzen Richter in mehr als 200 der 688 Amtsgerichtsbezirke dieses Vorgehen um. Zunehmend warten aber auch Pflegekräfte nicht auf den Verfahrenspfleger. Das Emblem mit zwei geschwungenen Ws hängt dann im Eingangsbereich des Heims. Die Statistik belegt das Umdenken. Die richterlichen Genehmigungen von Freiheit entziehenden und beeinträchtigenden Maßnahmen gehen zurück. 2016 genehmigten die Amtsgerichte mehr als 51 000 solcher Anträge, zu Beginn des Jahrzehnts erreichte diese Zahl einen Spitzenwert von 98 000. Im Gerichtsbezirk Garmisch reduzierten sich die Genehmigungen um mehr als 70 Prozent.

Am Ziel sehen sich Kirsch und Wassermann aber erst, wenn alle Gerichtsbezirke mitziehen. Durchgesetzt haben sie die neue Pflegekultur dann noch nicht. Ein Grauschleier liege über dauerhaftem Ruhigstellen durch Medikamente, obwohl dies seit 25 Jahren zum Freiheitsentzug zählt. „Dazu finden Sie keine 20 Gerichtsentscheidungen“, erklärt Kirsch. „Es wird so getan, als gebe es diese Vorschrift nicht.“

Zurzeit wendet sich das Expertenduo Behinderteneinrichtungen zu. „Dort gibt es Menschen, die fast ein Leben lang nachts fixiert im Bett liegen oder ein Gitter vor der Tür haben“, sagt Kirsch. Daraus ergeben sich ganz neue Probleme. Die Menschen bräuchten Zeit, sich daran zu gewöhnen, nicht mehr festgegurtet zu sein.

Keine gesetzliche Handhabe gibt es, ein Umdenken in der häuslichen Pflege zu bewirken. Studien schätzen, dass im privaten Bereich elf Prozent der Pflegebedürftigen mit freiheitsentziehenden Maßnahmen konfrontiert sind. Das sind 220 000 Menschen. Da geht es oft nicht um Machtmissbrauch. Kirsch nennt ein Alltagsbeispiel: Eine 80-Jährige pflegt ihren zehn Jahre älteren Mann und legt ihm nachts einen Bauchgurt an. Sie hat Angst, dass er auf der schmalen Treppe zur Toilette im Erdgeschoss stürzt. „Diese Fixierung muss nicht sein“, fügt er hinzu und hofft, dass vor allem Fachkräfte ambulanter Pflegedienste den Angehörigen bei ihren Hausbesuchen bessere Lösungen nahebringen.

Das Schlüsselerlebnis, um sich auf den „Werdenfelser Weg“ zu machen, war für den promovierten Juristen Kirsch ein Vortrag der Wiener Rechtsmedizinerin Prof. Andrea Berzlanovich. Sie arbeitete damals an der Universität München. Die Ärztin konfrontierte ihre Zuhörer mit den Folgen freiheitsentziehender Maßnahmen: Neben Verlust von Freiheit und Autonomie gehen soziale Bezüge verloren, leiden Betroffene unter Stress und Angstzuständen, büßen geistige Fähigkeiten ein. Verletzungen, Muskelschwund, Krämpfe, Aufliegegeschwüre, Beinvenenthrombosen stellen sich ein. Fixierte erkranken öfter an lebensbedrohlichen Lungenentzündungen und sind deutlich anfälliger für die gefürchteten Krankenhauserreger. Die Rechtsmediziner der Uni München untersuchten damals 39 Verstorbene (Zeitraum 1996 bis 2010), die zuvor fixiert waren. Bei 34 Menschen war die Zwangsmaßnahme für den Tod „verantwortlich“; in vier Fällen eine „relevante Komponente für das krankheitsbedingte Ableben“. Ein Toter hatte Selbstmord begangen. Kirsch blickt zurück: „Ich war wahrscheinlich der einzige Richter unter den Zuhörern. Mir ist ganz anders geworden.“

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24.07.2018, 06:00 Uhr
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