Kultur online

Aber jetzt los!

Ein Trip nach Stuttgart: Was die geschlossenen Staatstheater und die Museen im Internet alles bieten. Eric Gauthier bringt Bewegung rein.

29.04.2020

Von JÜRGEN KANOLD

Auch Gauthier Dance im Theaterhaus muss pausieren. Eric Gauthier freilich erschlafft nicht auf der Couch, das Foto täuscht: Aktiv ist er mit seinem Youtube-Channel „Wohnzimmerballett“ und in den Video-Clips „Erics Tanztee“. Foto: Joos Media

Stuttgart. Klaus Rodewald „braucht den Applaus immer noch“. Naturgemäß, er ist Schauspieler. Und so rauscht der Beifall. Der Vorhang ist aber eine Tischdecke, und der Mime verbeugt sich in seiner Küche. Und verursacht nicht der in einer Pfanne auf dem Herd brutzelnde Speck das tosende Geräusch? Egal, Rodewald hat es verdient. Und er bedankt sich: „Danke, Stuttgart, wunderbar!“ Lustig ist das, aber eigentlich auch nicht.

Denn die Stuttgarter Staatstheater sind wegen der Corona-Pandemie seit Mitte März geschlossen, und daran, dass sie am 4. Mai wieder aufmachen, will niemand glauben. Präsent ist das Drei-Sparten-Haus aber allemal. „Virtuell statt live“ lautet das Motto im Schauspiel. Zu sehen sind zahlreiche Videos: „Botschaften des Ensembles“, darunter Rodewalds Bekenntnis. Und es wird gelesen: Matthias Leja zum Beispiel sitzt vor einem Bücherregel und hat sich Geschichten aus dem „Dekameron“ des Boccaccio vorgenommen: Mit dem „schwarzen Tod“ fing er am 24. März um 15.40 Uhr an. Es sind insgesamt 24 Folgen, die der Schauspieler jeweils mit einer Statusmeldung ansagt: Er misst seine Körpertemperatur. 34,5 Grad sind es zum Auftakt: „Also so weit alles in Ordnung.“ Entsprechend kühl und sachlich liest er vor (zu finden unter schauspiel-stuttgart-de).

Ein Kulturtrip nach Stuttgart. Nein, man muss nicht losfahren. Es ist ein verkehrsmäßig feinstaubneutrales Programm. Alles spielt sich im Internet ab. Das Stuttgarter Ballett etwa bietet Videos-on-Demand an und zeigt als nächste Produktion einen John-Cranko-Klassiker: „Onegin“ (vom 1. Mai, 18 Uhr, an bis 3. Mai, 22 Uhr über die Webseite stuttgarter-ballett).

Die Staatsoper wiederum hat die Parole „Oper trotz Corona“ ausgerufen. Derzeit läuft als kostenloser Stream „Satyagraha“ von Philip Glass – die legendäre deutsche Erstaufführung von 1983, die Achim Freyer in Stuttgart inszenierte. Zweidreiviertel Stunden Minimal-Music-Oper aus der Frühzeit der Video-Live-Mitschnitte. Also, man muss das mögen. Aber die Staatsoper bietet noch viel mehr, sie hat ein regelrechtes Film- und Tonstudio auf der Bühne des Opernhauses eingerichtet. Und zu erleben sind schon zahlreiche Beiträge. Rachel Wilson etwa singt, begleitet von einer Lautenistin, berückend die Arie „Transit aetas“ aus Vivaldis „Judith triumphans“ – diese Oper hätte am 22. März Premiere haben sollen… (Youtube-Filme auf staatsoper-stuttgart-de).

Man könnte aber auch die Museen besuchen – also nicht an den Kunstwerken vorbeieilen und Selfie-Trophäen schießen, sondern die Sammlung der Staatsgalerie gründlich digital studieren. Das Kunstmuseum erklärt wiederum nicht nur einzelne Gemälde und Skulpturen, sondern bietet im Rundgang auch die Raumansichten. Interessant: „Museumsstorys“, etwa ein Video mit der Kuratorin Anne Vieth zur geplanten Ausstellung „Wände/Walls“.

Das Landesmuseum Württemberg sammelt unterdessen: „Corona-Alltag – Dein Objekt für Übermorgen“ heißt das Projekt, entstanden in Kooperation mit der Kommunikationsagentur Bruce B. Was würde in 15 Jahren in einer Ausstellung unsere heutige Situation besonders anschaulich vermitteln? Jeder kann schon mal Objekte einreichen, Bilder oder Videos hochladen (lmw-corona-alltag.de).

Das Besondere: Die virtuelle Ausstellung hat bereits begonnen, gezeigt werden die „Objekte des Tages“. Am 27. April etwa ist eine Postkarte von Christina Abt dazugekommen: „Es macht einfach Spaß, handschriftliche Grüße zu verfassen und erfreut große wie kleine Empfänger.“ Klingt banal, aber Kuratorin Angelika Merk gibt dazu auf Video einen Kommentar ab: wie sich die Kommunikation in der Corona-Krise verändert, was Physical Distancing bedeutet, dass ältere Medien gerade eine Renaissance erlebten. Und die Kulturgeschichte der Postkarte darf auch nicht fehlen.

Wer jetzt vor dem Bildschirm erschlafft, sollte bei Eric Gauthier vorbeischauen. Auch das Theaterhaus ist geschlossen, keine Vorstellungen von Gauthier Dance, aber der Kanadier lädt zu seinem Youtube-Channel „Wohnzimmerballett“ ein und hält einen tollen Online-Tanzkurs: „Erics Tanztee“ (bewegt.de). Also bitte aufstehen: rechts-links-rechts, nach vorne, nach hinten. Discofox steht in Folge eins auf dem Programm, ein bisschen „Saturday Night Fever“ für daheim.

Auf seiner Homepage lädt das Schauspiel Stuttgart sein Publikum übrigens zu Abstimmungen ein. „Was bewirkt die freigewordene Zeit bei Ihnen?“ 27 Prozent fühlten sich eher gelähmt, 73 Prozent klickten „Sie führt mich eher in eine neue Auseinandersetzung mit der Welt“ an. Aktuell heißt die Frage: „Wie werden Sie sich verhalten, wenn Kulturbetriebe wieder öffnen dürfen?“ Zunächst nirgends hingehen? Seltener Veranstaltungen besuchen?

Nein, sie ist ja schön und gut, die Netz-Offensive. Aber wir kreuzen auf jeden Fall die Antwort „Ich freue mich schon auf die wieder geöffneten Kulturbetriebe und werde genauso oft oder häufiger kulturelle Veranstaltungen besuchen“ an.

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Erstellt:
29. April 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
29. April 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. April 2020, 06:00 Uhr

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