Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Aber das Cinema Paradiso geht weiter
Eine Ära ging zu Ende: Am Samstag zeigten Alois Wolpert (links) und Hans Kuhn im Gasthof „Südbahnhof“ ihren letzten Film. Unter den Zuschauern waren viele Stammgäste, welche den beiden Cineasten 25 Jahre treu geblieben sind. Für sie alle geht das Kneipenkino weiter.Bild: Haas
25 Jahre Kneipenkino

Aber das Cinema Paradiso geht weiter

Hans Kuhn und Alois Wolpert haben am Samstag im Pfullinger „Südbahnhof“ den letzten Film gezeigt und ihr Projekt nach 25 Jahren in jüngere Hände gelegt.

12.12.2017
  • Uschi Kurz

Wenn man Hans Kuhn und Alois Wolpert im Gespräch erlebt, jeder ein Glas mit Bergbier vor sich, wie sie sich gegenseitig immer wieder unterbrechen oder gekonnt die Bälle zuspielen, dann spürt man eine große Vertrautheit. Aber eben auch Respekt. Vielleicht liegt es daran, dass sich die beiden nach 25 Jahren gemeinsamer Kneipenkino-Geschichte immer noch siezen.

Die beiden hatten eine strikte Arbeitsteilung. Während Hans Kuhn für die Filmauswahl, die Verhandlungen mit den Filmverleihen und die Werbung zuständig war, kümmerte sich Alois Wolpert um die Technik. Und er ist der Chronist im Team. Deshalb weiß der 85-Jährige auch noch ganz genau wie alles vor 25 Jahren angefangen hat. Damals waren sie bei der Landesbildstelle (heute Landesmedienzentrum) in Stuttgart beschäftigt. Wolpert als Leiter der Technik-Abteilung, Kuhn in der Medienabteilung. Irgendwann, erinnert sich Wolpert, habe ihn der Kollege auf dem Weg zum Essen gefragt, ob er nicht Lust habe, mit ihm ein Kneipenkino aufzuziehen – und natürlich habe er erst einmal abgelehnt.

Aber, mischt sich Kuhn ein, er habe einfach nicht locker gelassen. Worauf Wolpert ergänzt: „Ja, der Herr Kuhn war eine richtige Nervensäge.“ Offensichtlich mit Erfolg, denn schließlich meinte Wolpert, man könnte es ja zumindest einmal probieren. „Das“, meint Kuhn, „war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“.

Die Idee ein Kneipenkino zu machen, hatte Kuhn schon Jahre zuvor in Buenos Aires, wo er als Dozent am deutsch-argentinischen Lehrerseminar lehrte. Als junger Mensch, meint der 82-Jährige und grinst verschmitzt, sei er ein Freund des Kinos, der Kneipen und auch des Rauchens gewesen. „Aber das darf man ja heute nicht mehr sagen.“ Gemeinsam mit Studenten und einer Kollegin startete er im Seminar in Buenos Aires sein erstes Kinoprojekt. Gezeigt wurden ausschließlich deutsche Spiel- und Dokumentarfilme, die bekamen sie aus dem Archiv des Goethe-Institutes. Finanziert wurde das Ganze mit dem Verkauf von Getränken und belegten Broten.

Als Kuhn wieder in Deutschland war und bei der Landesbildstelle arbeitete, wollte er seine Kino-Ambitionen in einem richtigen Restaurant umsetzen. Die Kontakte über die Landesbildstelle hatte er ja und als er Wolpert als Mitstreiter gewinnen konnte, fehlte nur noch die Kneipe zum Kino. Die fand Kuhn im Würtinger Landhotel „Hirsch“, mit dessen damaliger Wirtin er weitläufig verwandt war: „Dann habe ich mir mein eigenes Kino erschaffen.“ Dass es im „Hirsch“ Bergbier gab, kam den beiden Stuttgarter Cineasten sehr entgegen. Die Premiere im Dezember 1992 mit dem Heimatfilm „Herbstmilch“ war noch recht schlecht besucht. Wolpert: „Wir mussten einige Besucher zwangsverpflichten.“ Aber mit der dritten Vorstellung sei der Durchbruch gelungen.

Von da an strömten die Zuschauer. 16 Jahre lang führten Kuhn und Wolpert im Winterhalbjahr alle 4 bis 6 Wochen im „Hirsch“ Filme vor. Auch im Sommer waren sie nicht untätig: Sie organisierten Open-Air-Veranstaltungen, nicht nur in Würtingen, sondern unter anderem auf der Burg Lichtenstein und in Karlsruhe. Das größte Open-Air mit 2000 Besuchern auf einem Kasernenhof, das wohl romantischste auf der Halbinsel Höri am Bodensee. Dort, erinnern sich die beiden, ging zum Filmende wie bestellt am Schweizer Ufer ein großes Feuerwerk los: „Wenn der Polarstern über der Leinwand steht, ist das schon ein ganz besonderes Erlebnis.“

Dann starb in Würtingen die Wirtin und die Kinomacher brauchten eine neue Spielstätte. Nachdem sie kurz zwei Kneipen in Indelhausen und Mehrstetten (beide hießen ebenfalls „Hirsch“) gleichzeitig bespielt hatten, bekamen sie den Tipp mit dem Gasthof „Südbahnhof“ in Pfullingen. Kuhn fuhr hin und war sogleich nicht nur von dem wunderschönen Saal begeistert: „Es gab Bergbier, das war ein gutes Omen.“

Tatsächlich war die Wirtin Mandy Faiß sogleich vom Kneipenkino angetan: „Die beiden hatten Charme. Den haben sie immer noch.“ Und als ihr Mann Thomas ebenfalls zustimmte, konnte es losgehen. Am Samstag, 15. November 2008 hieß es im Gasthof „Südbahnhof“ erstmals: „Film ab!“. Im rappelvollen Saal flimmerte Isabelle Mergaults Komödie „Sie sind ein schöner Mann“ über die Leinwand. Das Kneipenkino hat sich in Pfullingen rasch etabliert: In knapp 10 Jahren sind bei 60 Veranstaltungen rund 6500 Besucherinnen und Besucher gekommen, darunter viele Stammgäste aus nah und fern.

Das Repertoire reichte von Filmklassikern wie Orson Welles „Citizen Kane“ oder Martin Scorseses „Taxi Driver“ bis hin zu romantischen Komödien wie „Chocolat“ mit Juliette Binoche. Bei den „Comedian Harmonists“ war der Besucherandrang in Würtingen trotz Schneetreibens so groß, dass Gäste abgewiesen werden mussten. Und jetzt geht die Ära Kuhn/Wolpert zu Ende. Aber damit das Kneipenkino weitergeht, haben die beiden Cineasten rechtzeitig Nachfolger gesucht (siehe: Infobox).

„Der liebe Gott hat sich mit uns beiden schon was gedacht“, meint Kuhn am Ende des Gesprächs. Und Wolpert ergänzt trocken: „Fragt sich nur was.“ Wie die beiden im „Südbahnhof“ so nebeneinander vor ihrem Bergbier sitzen, könnte man sie sich gut selbst als Protagonisten in einem Film vorstellen.

Am Samstag haben sich Kuhn und Wolpert mit dem Kultfilm „Cinema Paradiso“ verabschiedet und noch einmal richtig volles Haus gehabt. Bei der Progammauswahl waren sich die beiden ausnahmsweise einmal total einig. Die italienische Hommage von Guiseppe Tornatore an das Kino, sagt Kuhn, habe einfach richtig gut gepasst: „Wir sind doch alle Cinema Paradiso.“

„Cinema Paradiso“, dieser Film lief auch, als der Südwestfunk 1993 in Würtingen einen Film über das Kneipenkino und seine beiden engagierten Kinomacher drehte, der kam dann in der Abendschau. Am Samstag zeigten ihn die beiden als Vorfilm zu ihrer Abschiedsvorstellung. „Jetzt hat sich der Kreis geschlossen“, meinte Kuhn hinterher zufrieden. Er habe sich immer gewünscht, irgendwann einmal ins Kneipenkino zu kommen, hinzusitzen, zu essen und zu trinken und ganz einfach den Film zu genießen. Am 24. Februar ist es so weit.

Die Nachfolger starten mit „Eins, Zwei, Drei“

25 Jahr Kneipenkino - insgesamt haben Hans Kuhn und Alois Wolpert in den vergangenen 25 Jahren in verschiedenen Gaststätten, aber auch open-air 230 Filmvorführungen mit über 26 000 Besuchern organisiert. Das Kneipenkino in Würtingen wurde 2005 vom Land Baden-Württemberg mit einem Spezialpreis als Würdigung für „ein besonderes kulturelles Engagement“ ausgezeichnet und in der Wochenzeitung „Die Zeit“ kam damals sogar eine Reportage über die Cineasten. Als Nachfolger für ihr Kneipenkino im Gasthof „Südbahnhof“ konnten Kuhn und Wolpert den Medienpädagogen Adrian Wegener und Jörg Eckstein vom Kinomobil Stuttgart gewinnen. Beide bringen eine ähnliche Begeisterung für besondere Filme abseits des Kommerz mit wie ihre Vorgänger. Den Anfang machen sie am 24. Februar mit der amerikanischen Komödie von Billy Wilder „Eins, Zwei, Drei“. Der Film beginnt um 20 Uhr, der Eintritt ist wie bisher kostenlos.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

12.12.2017, 01:00 Uhr
Aber das Cinema Paradiso geht weiter





Wir bitten Sie, sachlich zu diskutieren und respektvoll miteinander umzugehen. Bitte kommentieren Sie mit Klarnamen und verzichten Sie auf externe Links. Wir behalten uns vor, Kommentare zu löschen und Nutzer zu sperren. Genauere Regeln fürs Kommentieren finden Sie in unserer Netiquette .

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

 
Aus der Filmregion
Neueste Artikel
Zuschauer-Stimmen
Ein beeindruckender Film, der die Frage nach Schuld und Sühne stellt: inwiefern kann erlittenes Unrecht gegen anderes Unrecht aufgerechnet werden? Man fragt sich als Zuschauer fast ständig, was ist real und was ist (möglicherweise?) absurd: sowohl beim agieren von Martin als auch beim Verhalten des Arzt-Ehepaares im Kontakt miteinander und mit seinen Kindern. Interessant die distanzierte Kameraführung, erinnert mich irgendwie an Michael Haneke.
Elli Emann über The Killing of a Sacred Deer
Aus der Filmwelt
Neueste Artikel
Neue Trailer
Neueste
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram

Kino Suche im Bereich
nach Begriff

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular