Tübingen/Stuttgart

Zugverkehr: Abellio will Hilfe vom Land

Die Niederlande drohen mit der Insolvenz des Bahnunternehmens, das auch die Strecke Stuttgart–Tübingen bedient. Was bedeutet das für Zugfahrer und Landesregierung?

25.06.2021

Von Theodor Westermann

Abellio-Zug am Tübinger Hauptbahnhof. Bild: Hans-Jörg Schweizer

Tübingen/Stuttgart. Beim Nahverkehrsunternehmen Abellio, das in Baden-Württemberg und anderen Bundesländern mehrere Bahnlinien im Regionalverkehr betreibt, läuft es nicht mehr rund. Dem Unternehmen, das zum niederländischen Staatskonzern Nederlandse Spoorwegen gehört, laufen die Kosten davon. Der niederländische Finanzminister hat einen Brandbrief an die Ministerpräsidenten der betroffenen Bundesländer geschrieben und erwartet finanzielle Hilfen.

„Nederlandse Spoorwegen informierte mich, dass sich das Unternehmen bei Ausbleiben einer zeitnahen Lösung gezwungen sieht, sein weiteres Engagement in den einzelnen Regionen zu überdenken“, schrieb der niederländische Finanzminister Wopke Hoekstra. Die Antwort des Verkehrsministers Winfried Hermann (Grüne) ist deutlich: „Als Verkehrsminister (. . .) muss ich ein solches Agieren mit ultimativen Forderungen und uneinlösbaren Fristsetzungen entschieden zurückweisen. Rechtlich und tatsächlich sind Korrekturen der Verträge im Nachhinein, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt möglich.“

Hermann betont aber ausdrücklich Gesprächsbereitschaft. Beide Schreiben liegen unserer Zeitung vor.

Abellio hat 2016 den Zuschlag für zwei Stuttgarter Netze bekommen, die vorher von der DB-Regio betrieben worden waren. Die DB-Tochter verlor die Netze wegen eines Formfehlers, nicht weil Abellio ein Dumpingangebot gemacht hätte.

Das Unternehmen hat sein Netz in den vergangenen Jahren aufgebaut. Es betreibt inzwischen Züge von Stuttgart aus nach Tübingen, Mannheim, Osterburken, Mühlacker, Pforzheim, Bretten, Karlsruhe, Bruchsal und Heidelberg. In Pforzheim baute Abellio einen größeren Bahnbetriebshof.

Ein Zug vom Typ Talent 2 des Herstellers Bombardier. Mit solchen Zügen bedient Abellio das Stuttgarter Netz. Foto: Abellio

In den vergangenen Jahren hat es allerdings gravierende Probleme gegeben. Über Jahre konnte der Zughersteller Bombardier bestellte Züge nicht liefern. Abellio musste Ersatzzüge mieten. Das kostete einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag; in einem Rechtsstreit konnte Abellio aber erreichen, dass Bombardier 90 Prozent dieser Kosten ersetzen musste. Zudem führen zahlreiche Baustellen auf den Strecken zu Verspätungen und damit zu Strafzahlungen laut Verkehrsvertrag.

Die aktuellen Probleme hängen vor allem mit Personalkosten zusammen. Generell müssen Verkehrsgesellschaften um ihr Personal kämpfen. Vor allem Lokführer können sich die Angebote aussuchen.

Die Gewerkschaften haben in der Vergangenheit zwar Tarifverträge verhandelt, die weniger auf Lohnsteigerungen, sondern auf Freizeitausgleich setzten. Das verursacht aber zusätzlichem Personalbedarf. Die Verkehrsverträge sehen dafür keinen Kostenausgleich vor. Dieses Problem trifft auch andere Verkehrsgesellschaften.

Nun steht die Drohung aus den Niederlanden mit der Insolvenz im Raum. Was wäre die Folge? Konkret geht es um ein mögliches Schutzschirmverfahren, eine Insolvenz in Eigenregie.

Gespräche über Schutzschirm

Abellios finanzielle Situation in Nordrhein-Westfalen und in den östlichen Bundesländern soll aber dramatischer sein. In Baden-Württemberg soll es um ein einstelliges Millionendefizit gehen, auch hier werden Gespräche über ein Schutzschirmverfahren geführt.

Tritt der Insolvenzfall ein, werden die Züge von Abellio nicht von einem Tag auf den anderen stillstehen. Die Bahnkunden müssen nicht befürchten, dass der Verkehr dann sofort eingestellt wird. Da gibt es Vorkehrungen und Zusicherungen, dass der Betrieb für einen längeren Übergangszeitraum gesichert ist, bestätigt Edgar Neumann, der Sprecher des Landesverkehrsministeriums.

Hinzu kommt, dass die Fahrzeuge dem Land gehören. Sie werden von der Schienenfahrzeugfinanzierungsgesellschaft erworben und an die Verkehrsunternehmen vermietet. Diese können allerdings bei der Bestellung den Lieferanten aussuchen.

Jährlich 7,3 Millionen Zugkilometer

2016 wurde in einem Vergabeverfahren des Landes entschieden, dass die privaten Bahn-Kon­kurrenten Abellio und die britischstämmige Go-Ahead das Stuttgarter Netz von 2019 an übernehmen. Es umfasst ein Viertel der landesweit zu vergebenden Nahverkehrsstrecken.

Abellio Deutschland ist in Baden-Württemberg, NRW, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen unterwegs. Den Fahrbetrieb im Südwesten beziffert Abellio mit jährlich 7,3 Millionen Zugkilometern auf einem Liniennetz von 615 Kilometern. - dpa

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Erstellt:
25. Juni 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Juni 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2021, 06:00 Uhr

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