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Rambazamba in Gomaringen

86 Narrenzünfte trieben beim Fasnetsumzug den Ort um

Die Gomaringer Käsperle haben 20 Jahre auf dem Buckel und deshalb Grund zum Feiern: Stolze 3600 Hästräger taten sich gestern zum „Jubiläumsumzug“ zusammen und gerieten standesgemäß außer Rand und Band.

20.01.2014

Von Kathrin Löffler

Gomaringen. Geschmäcker sind verschieden: „Oina scheaner wie die andr!“, schmachtete Käsperles-Zunftmeister Dietmar Rau im Angesicht der exorbitanten Hexeninvasion, die gestern Gomaringen heimsuchte. Das Aufgebot der Schönheiten war tatsächlich bemerkenswert: Zinken-Trägerinnen in blauem, gelbem und modisch violettem Gewand, Warzengesichtige mit Flecht-Frisur und solche mit eher zotteliger Haarpolitik fegten durch die Gassen.

Zu tun hatte eine jede: Im Pyramidenbau konkurrierte man um die Zuschauergunst. Die Hechinger Hagenmann-Hexen wälzten sich in elfengleicher Eleganz auf dem Straßenboden. Die Dußlinger Burghexen bewiesen Sinn für Stil und schickten pinke Nebelschwadronen in die Lüfte. Eine Sumpf-Hexe aus Pfäffingen ritt auf dem Dachfirst ihrer fahrenden Bretterbude daher, die Hörner eines skelettierten Büffelschädels fest im Griff. Die runzligen Weiber aus Ofterdingen bauten ihrem Teufel einen Besenthron. Ein besonders tattriges Exemplar stolperte einem historischen Holzrollator hinterher. Und alle hinterließen bleibenden olfaktorischen Eindruck.

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Die Gomaringer Käsperle werden heuer 20 Jahre alt.

Am Sonntag feierten sie das Jubiläum mit einem großen Umzug.

Rund 3600 Hästräger aus der Umgebung waren außer Rand und Band.

Mit dabei: LUKA Lautstark.

Mössinger Steinlach-Hexen bauen eine Pyramide.

So sehen (Hexen-)Opfer aus.

Der Büttel der Gomaringer Käsperle mit seiner närrischen Schelle.

Hier ziehen die Mössinger Krebsfischer vorüber.

Ein Opfer im Stroh.

Diese Hexe aus Fischingen gönnt sich ein Ruhepäuschen.

Auch die Narrenfreunde Pfäffingen zogen durch die Gassen Gomaringens.

Tausende aus Nah und Fern standen beim Umzug Spalier.

Trotz beeindruckender Dominanz der langnasigen Damen gefielen gestern aber noch diverse andere verkleidete Spezies. Allen voran schlenderten die zipfelmützigen Gastgeber: Mit einem dreifachen „Käsperle – sei still!“ trafen sie auf entsprechende Resonanz. Für den Igitt-Faktor sorgten die Aspenwald-Knechte aus Öschelbronn. Ihr Häs mit gelben Steinbruchformationen an Zahnesstelle und Fleischwunden-Dekor auf Stirn und Wangen versprach Splatter-Movie-Potenzial. Die Neckar-Zottel präsentierten ihren Kopfschmuck aus Algen-Behang in, nun ja, kotzgrün. Dynamisch marschierende und souverän winkende Gardemädchen wie jene aus Hirrlingen hatten dagegen eher Seltenheitswert. Die Bisenger Daagdieb machten am meisten Krach und Geschepper und verbuchten den Spitzenplatz im Dezibel-Ranking der Lumpenkapellen. Dietmar Rau und Gemeindeoberhaupt Steffen Heß bildeten auf dem Sprecherwagen ein kongeniales Kommentatorenduo. Ihre Aufgaben erfüllten sie mit Bravour: Sie skandierten die Narrenrufe der jeweiligen Zünfte, verköstigten flanierende Fratzengesichter mit Hochprozentigem, und prosteten sich zwischendurch und regelmäßig selber zu (der Zunft- zum Bürgermeister: „Hau weg!“).

Rathauschef Heß sah seinen ersten Faschingsumzug in dieser Position und befand das Erlebte als „bis jetzt interessant“. Heß selbst hatte eine außerordentlich authentische karibische Rastafari-Montur aus Dreadlocks-Matte, Sonnenbrille und farbenprächtigem Hemd als Wintergewand gewählt. Die auf Unkenntlichkeit zielende Verkleidungsstrategie war nötig, um aus einem anfänglichen Versteckspiel mit Zunftmeister Rau als grinsender Sieger hervorzugehen. Das gelang. Steffen Heß: „Mich hat?s schier verrissen!“.

Und wie gefiel dem Schultes sein Dorf in närrischer Anarchie? „Ich finde es toll, die Straße so bunt und vielseitig zu sehen“, meinte er. Die vielen Umzugsbesucher ließen seiner Meinung nach durchaus auf eine gewissen Gomaringer Grundfasnetsbegeisterung schließen.

Schon morgens hatte er alle Narrenchefs beim Zunftmeisterempfang begrüßt. Die Aidshilfe war auch vertreten: 444,44 Euro spendeten die Käsperle für gute Zwecke. Am Nachmittag wälzte sich die stattliche Schlange der Kostümierten rund drei Stunden lang durch den Ort bis zum finalen Narrendorf bei der Kultur- und Sporthalle. Auch die Zuschauer bemühten sich um angemessene Optik: So sah man Köpfe unter Neonperücken – oder Jungsgrüppchen im dezent zartrosa Playboy-Bunny-Ornat. Kinder gierten nach Bonbon-Beschüssen, aus den Boxen der vorbeiziehenden Wägen dudelten Perlen der Popmusik wie „Griechischer Wein“. Traditionsgemäß mussten aufgrund engagierten Rauchbombeneinsatzes Abstriche in Sachen Durchblick gemacht werden. Nur zwei Mountainbiker in sportlichen Trikots, die ihre Gefährte durchs Publikum schoben, wirkten etwas verstört.

Bei bestem, weil trockenem und fröstelfreiem, Winterwetter verdichteten sich die Massen vor allem in Rathausnähe. Weniger Mutige ließen das Geschehen vom heimischen Balkon aus auf sich wirken – in wohldosiertem Sicherheitsabstand. Denn ein Amüsement in vorderster Front erforderte gewisse Nehmerqualitäten: Zerzaustes Haupthaar nach einem Überraschungsangriff von Hexenhänden schien noch einer der mildesten Folgeschäden. Manche Zünfte schafften im Akkord und seiften Mädchen für Mädchen in Wannen voller Stroh ein. Andere bekamen schwarze Farbe ins Gesicht. Und allzu vorwitzige Gören konsumierten für den Rest des Tages vermutlich nur Kamillentee statt Hochprozentiges: Nach diversen Runden im Drehzuber war ihr Schwindelbedarf sicher gedeckt.

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Erstellt:
20. Januar 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Januar 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2014, 12:00 Uhr

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