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Ferdinand von Schirachs Justiz-Stück "Terror"

570 Schöffen stimmen im Theatersaal ab

Die Theaterbühne als Gerichtssaal - und die Zuschauer übernehmen die Rolle der Schöffen: Ferdinand von Schirachs "Terror" uraufgeführt.

06.10.2015
  • JÜRGEN KANOLD

Frankfurt Terroristen haben ein Flugzeug entführt und nehmen Kurs auf die Münchner Allianz-Arena, wo gerade ein Fußball-Länderspiel läuft. Seit den Anschlägen des 11. September 2001 weiß man, was passieren kann. Aber es beginnt ein Befehls- und Entscheidungsnotstand. Der Bundeswehr-Pilot Lars Koch, der in seinem Eurofighter die Passagiermaschine verfolgt, fühlt sich seinem Gewissen verpflichtet und handelt: Er schießt die Boeing ab und rettet 70 000 Menschenleben. Doch jetzt steht er vor Gericht, angeklagt des Mordes an 164 Menschen, die in dem Flugzeug saßen. Ist Koch kein Held, sondern ein Verbrecher?

Wer darüber zu befinden hat, das sind an diesem Abend in Frankfurt 570 Schöffen - das Publikum des Schauspielhauses. Alle Zuschauer haben am Eingang eine kleine Fernbedienung erhalten, um am Ende, nach den Plädoyers, abzustimmen: die Eins für "schuldig", die Zwei für "unschuldig".

Was in Frankfurt zur Uraufführung kam, war aber keine Gerichtsshow, sondern ein sehr fundiertes Stück des Juristen und Schriftstellers Ferdinand von Schirach, das eine komplexe Rechtslage verhandelt und dem Zuschauer abfordert, Stellung zu beziehen, ihn auch moralisch unter Druck setzt: "Terror" heißt es. Von Schirach hat über dieses Thema viel geschrieben: einen "Spiegel"-Essay, der dann auch dem Sammelband "Die Würde des Menschen ist antastbar" den Titel gab. Er ging auf theatralische Lesereise - und jetzt das Stück. Während in Frankfurt Intendant Oliver Reese inszenierte, zeigte am selben Abend das Deutsche Theater Berlin eine Version Hasko Webers, 14 weitere Bühnen wollen das Stück auf den Spielplan setzen. Ein seltener Hype.

Darf man 164 Menschen opfern, um 70 000 zu retten? Das ist die Kernfrage. In Deutschland wurde 2005 ein Luftsicherheitsgesetz erlassen, das als äußerste Maßnahme den Abschuss ein Flugzeugs erlaubte. 2006 aber erklärte das Bundesverfassungsgericht den Passus für verfassungswidrig, weil er gegen die Garantie der uneingeschränkten Menschenwürde verstoße. Darf Leben mit Leben verrechnet werden? Hängt das von der Zahl der möglichen Opfer ab? Hat der Luftwaffen-Pilot die Menschen zu Objekten gemacht? Hätte der Pilot auch die Boeing abgeschossen, wenn seine eigene Familie zu den Passagieren gehört hätte? Hätte man nicht das Stadion räumen können, um den Notstand zu vermeiden? Fragen über Fragen.

Im Schauspiel Frankfurt ist die Szenerie schlicht: ein Gerichtssaal. Oliver Reese macht auch kaum Theater, und nur Max Mayer, der Verteidiger, spielt welches, wenn er aufgedreht den Alternativen gibt, der zu spät kommt und die zerknitterte Robe aus der Fahrradtasche holt. Ansonsten geht es rein um die Sache, Martin Rentzsch als Richter leitet die Sitzung mit realistischer Souveränität.

Nach eindreiviertel Stunden waren dann die Schöffen gefragt. Die Entscheidung fiel in der Premiere knapp aus: 240 für "unschuldig", 230 für "schuldig". Wäre es ähnlich ausgegangen, wenn als Beispiel nicht die Allianz-Arena gedient hätte, sondern aktuell Frankfurt, wo am Tag der deutschen Einheit Hunderttausende in der Innenstadt und am Mainufer feierten? "Terror" ist ein starkes Debatten-Stück.

570 Schöffen stimmen im Theatersaal ab
Angeklagt: Nico Holonics als Luftwaffen-Pilot. Foto: Birgit Hupfeld

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06.10.2015, 12:00 Uhr
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