Die Klausenwirtin hört auf

46 Jahre lang war Anita Henne in der Pfrondorfer Waldklause zuhause

Ihre roten Würste im warmen Weckle waren bis über Stuttgart hinaus bekannt, ihre Witze und deftigen Sprüche ebenfalls. Anita Henne wollte eigentlich noch „die 50 Jahre voll machen“. Doch aus gesundheitlichen Gründen hat sie jetzt nach 46 Jahren die Schank-Erlaubnis für die Waldklause Pfrondorf zurückgegeben.

08.05.2015

Von Christiane Hoyer

Pfrondorf. Stammgäste haben in den letzten Monaten immer mal wieder bei der 78-jährigen Wirtin angerufen und wollten wissen, wann sie denn ihre Waldklause wieder aufmacht. Denn seit Dezember 2013 ist die Holzhütte mit der grünen Wiese, den rustikalen Holztischen und Bänken geschlossen, der Spielplatz mit der großen Rutsche ist seit kurzem abgebaut. Hier draußen, an der Kreisstraße 6912 hinter der Sophienpflege Richtung Dettenhausen, hat die Kirchentellinsfurter Gastwirtstochter ihr „Ding gemacht“. Mit dem Leiterwägelchen zog sie 1967 von Kirchentellinsfurt mit ihren drei Kindern fast täglich hoch zur Waldklause. Die Söhne Werner und Wolfgang waren sechs Jahre alt, Tochter Birgit gerade mal zwölf Monate. Ihre beiden Söhne können sich noch gut an den löcherigen Feldweg erinnern, der zur Waldklause führte. Die Hütte übernahm Familie Henne, die später nach Pfrondorf zog, vom Vorgänger, das Areal drumherum pachteten sie von der Stadt Tübingen. Am 17. Juni 1967 öffneten Hennes zum ersten Mal „ihre“ Waldklause. In den ersten Jahren war das Hüttchen meistens nur mittwochs geschlossen. Saison war immer zwischen Ostern und Weihnachten.

Früher, erinnert sich Anita Henne, kamen vor allem die Jäger. Wenn sie früh morgens am Sonntag auf die Jagd gingen, „haben sie erst mal einen Schnaps gebraucht“. Auch Stammtischler hatte „die Henne“, wie sie bald liebevoll von ihren Gästen genannt wurde, reichlich. Da ging es „immer lustig zu“, erinnert sich die Wirtin. So manches Mal wurde die Ziehharmonika ausgepackt und lauthals gesungen, die Holzwände zum Schlaginstrument benützt. Auch die Mitarbeiter von der Daimler-Spätschicht schauten spät abends gerne noch bei Anita Henne vorbei. So wurde es manchmal 4 Uhr, bis die Wirtin heimkam.

Die Waldklause war auch für manch prominenten Besucher ein beliebtes Ausflugsziel. Der Fußballer Guido Buchwald kam in seiner aktiven Zeit öfters vorbei, VfB-Vorstand und Minister Gerhard Mayer-Vorfelder, Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger sagte auf seinen Waldspaziergängen grüß Gott, und mancher Schauspieler vertiefte sich bei Anita Henne in seine neue Rolle. Hier durften die Besucher „auch mal ein dummes Wort“ sagen, ohne dass Anita Henne das krumm nahm. Ihr selbst kamen öfters raue Sprüche über die Lippen. An den Wänden hat sie viele davon aufgehängt. Sie hat sie auf ihren Kurzreisen gesammelt oder bekam sie von Gästen geschenkt. Am Wolfgangsee kaufte sie beispielsweise den auf Holz eingravierten Spruch: „So richtig von Herzen gemein können nur Verwandte sein“.

Auf ihre eigene Familie lässt sie aber nichts kommen. Die Kinder haben alle mit angepackt, auch für die Enkel war die Waldklause erst ihr Natur-Spielzimmer. Dann halfen sie mit. Bastian war Küchenchef im Imbisswagen, den die Hennes 1972 aufstellten. Daniel half drinnen in der Küche mit. Doch die Zeiten, als die Hennes noch 500 Gäste bewirtet haben, sind 20 Jahre her. Früher, so Henne, habe sie „guten Umsatz“ gemacht. Heute könne man davon „nicht mehr leben“.

Ob es einen neuen Pächter für die Waldklause geben wird, ist offen. Denn in der Klause gibt es weder fließendes Wasser noch eine Stromleitung. Wer hier investieren will, „braucht eine sechsstellige Summe“, sagt Ortsvorsteher Siegfried Rapp, zumal auch ein Bebauungsplan nötig sei. Er führt bereits Gespräche mit möglichen Interessenten. Für Anita Henne ist es „schlimm“, dass sie nach mehreren Klinikaufenthalten nicht mehr draußen in ihrer Waldklause sein kann. Die Waldklause, sagt sie, „war meine Heimat“. Mit einem rauen Dankeschön verabschiedet sie sich nun von ihren treuen Kunden und Freunden.

Ein kleines Familienunternehmen stemmte den Betrieb in der urigen Waldlklause (von links): Sohn Wolfgang Henne, Enkel Bastian und Daniel Lindenmann (dazwischen Freundin Stefanie Riess), Anita Henne, Enkelin Nina Nedele und Anita Hennes Tochter Birgit Nedele sowie Sohn Werner Henne (Vater von Bastian und Daniel).Bilder: Metz

Anita Henne, 78.

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Erstellt:
8. Mai 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
8. Mai 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. Mai 2015, 12:00 Uhr

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