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Sechs Jahre Haft für Alessios Stiefvater

33-Jähriger wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt

Für den Tod des dreijährigen Alessio muss der Stiefvater mehr als sechs Jahre ins Gefängnis. Eine härtere Strafe blieb ihm erspart - er habe die Folgen seiner Schläge nicht absehen können, sagt das Gericht.

15.10.2015
  • WOLF RÜSKAMP

Freiburg Manche Besucher kamen gestern mit dem fertigen Urteil in den Saal des Freiburger Landgerichts: "Keine Gnade für Kindermörder" stand gedruckt auf ihren T-Shirts. Entsprechend machte sich ihr Unmut in Buhrufen laut, als das Gericht sein Urteil verkündete: Etwas mehr als sechs Jahre Haft für den Stiefvater des dreijährigen Alessio - nicht wegen Mordes, sondern wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Für manche offenbar eine zu milde Strafe angesichts dieses Falls, der viele Emotionen ausgelöst hat.

Es sei einerseits eine Tragödie mit schicksalhaften Zügen, was sich in dem Bauernhaus in Lenzkirch am 16. Januar zugetragen hat, sagte die Vorsitzende Richterin Eva Kleine-Cosack. Andererseits sei ein Verbrechen geschehen, für das es einen klaren Verantwortlichen gebe. Selbst der Angeklagte, Lebensgefährte von Alessios Mutter, hatte nicht an seiner Schuld herumgedeutelt: Mit drei Faustschlägen in den Bauch, die unter anderem die Leber des Kleinkinds schwer verletzt hatten, hat er unzweifelhaft den Tod des Dreijährigen herbeigeführt.

Fraglich war dagegen, ob er dies mit der Absicht, den Kleinen umzubringen, getan hat - oder ob er gar nicht einschätzen konnte, was er da getan hatte, nachdem Alessio nach Überzeugung des Gerichts die Treppe hinuntergestürzt war und sich einen Hüftknochen gebrochen hatte. Anfangs hatte die Staatsanwaltschaft darin Totschlag gesehen, und daran hielt die Anwältin der Nebenklägerin, der Mutter des Kindes, bis zum Schluss fest.

Doch das Gericht folgte dem Schwenk, den der Staatsanwalt schon in seinem Plädoyer vollzogen hatte: Es war, sagte Eva Kleine-Cosack, Körperverletzung mit Todesfolge, wenngleich mit Brutalität ausgeführt. Doch es gab für sie auch mildernde Umstände, angefangen von dem Geständnis und der echten Reue des Angeklagten bis hin zu dessen völliger Überforderung und seelischen Verfassung - eine "Anpassungsstörung" hatte dies der Gutachter im Prozess genannt. Der 33 Jahre alte Landwirt war am Nachmittag dieses Tages allein mit den Kindern, hatte in seinem Hof am Wochenende 140 Tiere allein zu versorgen, kurz zuvor war ihm zudem die psychische Erkrankung seiner Lebensgefährtin klar geworden.

All dies habe sich in Angst und Wut, aber auch in Furcht vor neuen Vorwürfen des Jugendamtes entladen, als Alessio nackt und leise wimmernd am Fuß der Treppe lag. Er schlug zu - und habe in seiner "großen emotionalen Anspannung" völlig verkannt, was er dem Kind angetan hatte. Deshalb sei ihm ein Tötungsvorsatz nicht nachzuweisen, heißt es in der Urteilsbegründung.

War Alessio ein Opfer jahrelanger massiver Misshandlungen? Diese Frage konnte vor Gericht nicht letztlich geklärt werden. Schließlich war er wegen Verletzungen 2013 und 2014 jeweils in der Universitätskinderklinik Freiburg. Bei Unfällen auf dem Hof habe sich das Kind mehrfach verletzt, behaupteten die Mutter und ihr Lebensgefährte. Die Kinderklinik hatte im August 2014 Anzeige wegen Misshandlung erstattet. Der Verdacht hatte sich rasch auf den Stiefvater konzentriert. Doch dann stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein. Auch dem Landgericht gelang es mangels Augenzeugen jedoch nicht, den Verantwortlichen für die damaligen Verletzungen ausfindig zu machen.

Der Fall Alessio ist mit dem gestrigen Urteil nicht abgeschlossen. Gegen die Kindsmutter wird weiter ermittelt - wegen Verletzung ihrer Fürsorgepflicht. Und das Jugendamt des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald muss sich wohl noch wegen seiner Entscheidung im Oktober 2014 verantworten, Alessio trotz Warnungen von Kinderklinik und Staatsanwaltschaft in die Familie zurückkehren zu lassen.

33-Jähriger wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt
Der Angeklagte auf dem Weg in den Freiburger Gerichtssaal: Nicht alle Fragen im Fall Alessio konnten im Verfahren letztlich geklärt werden. Foto: dpa

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15.10.2015, 12:00 Uhr
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