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3000 Brasilianer bereichern die Region Stuttgart mit ihrer Tanz- und Musikkultur
Jidu Pasqualini und seine Frau Julia (vorne links) legen im Schlosspark eine heiße Sohle aufs Parkett. Foto: Ferdinando Iannone
Die Heimat spüren beim Forró

3000 Brasilianer bereichern die Region Stuttgart mit ihrer Tanz- und Musikkultur

Olympische Spiele: Alles schaut nach Rio. Doch auch in der Region Stuttgart macht sich südamerikanische Lebensart bemerkbar. 3000 Brasilianer leben hier.

16.08.2016
  • RAIMUND WEIBLE

Stuttgart. Weiche, rhythmische Musik dringt aus den Lautsprechern des Biergartens im Stuttgarter Schlosspark. Die Klänge übertönen den Lärm des Förderbands, das den Abraum aus der Tunnelbohrung für den geplanten Tiefbahnhof abtransportiert. Auf der Plattform vor der Pergola tanzen gut zehn Paare in enger Haltung und mit geschmeidigen Bewegungen. Mittendrin: Jidu Pasqualini und seine Frau Julia. Ihr Tanz wirkt besonders elegant. Und professionell.

Jede Woche am Donnerstag treffen sich die Tänzer im Biergarten nahe des Hauptbahnhofs, um ganz ungezwungen ihrem Hobby nachzugehen. Ihr Hobby ist Forró, der in Brasilien sehr populäre Tanz. Die Tänzer im Biergarten stammen in der Mehrheit aus Brasilien, aber es sind auch Deutsche darunter, die an Forró Gefallen gefunden – und den Tanz bei Jidu Pasqualini gelernt haben.

Forró-Lehrer Pasqualini und sein Bruder Jian sind belebende Elemente der brasilianischen Community in Stuttgart und Umgebung. Nicht nur, dass sie Kurse abhalten. Einmal im Jahr veranstalten sie ein Forró-Festival mit gut 500 Besuchern in der Volkshochschule am Rotebühlplatz in der Stadtmitte. Die Pasqualini-Brüder bringen ihren Beitrag zur Internationalität Stuttgarts, stärken den Ruf der Schwabenmetropole als weltoffene Kommune.

Stuttgart ist die Stadt, in der nach Köln die meisten Brasilianer leben. Hier haben sich etwa 1000 von den insgesamt 5500 brasilianischen Staatsangehörigen niedergelassen, die in Baden-Württemberg leben, weiß der brasilianische Honorarkonsul Michael Horn. Doch die brasilianische Community der Landeshauptstadt ist weit größer, weil zahlreiche Menschen aus Brasilien die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, mit deutschen Ehepartnern verbunden sind und mit ihren Familien hier bleiben. Etwa 3000 Personen zählen zu dieser Community, die engen Kontakt hält.

Auch Cristina Marques, die 1987 nach Stuttgart kam, ist Teil der brasilianischen Gemeinschaft. Zuvor hatte sie in Sao Paulo als Musiklehrerin in einer Waldorfschule gearbeitet. In Stuttgart setzte sie ihre Ausbildung in Waldorfpädagogik fort – und blieb in Schwaben hängen. Die mit einem Deutsch-Brasilianer verheiratete Jazz-Sängerin gibt Musikunterricht in der Kräherwaldschule und ist sehr gefragt als Chorleiterin. 2006 gründete sie den brasilianischen Chor „Encanto“, der Bossa Nova, Samba und Folklore in seinem Programm hat. Mit diesem Klangkörper tritt Cristina Marques in ganz Deutschland auf.

Die Mitglieder ihre Chores kommen nicht nur aus Stuttgart. Einige reisen zu den Proben in der Waldorfschule Uhlandshöhe aus Balingen, Ulm, Reutlingen, Tübingen und Böblingen an. Ganz besonders großen Spaß bereitet Marques die Arbeit mit dem Männerchor von Kleinheppach im Remstal. Der Umgang mit diesen Sängern habe ihre Integration gefördert, scherzt Marques. Schließlich schwingt Marques den Dirigentenstab in zwei Werkschören der Firma Kärcher in Winnenden.

Gerade die engen wirtschaftlichen Verbindungen von Firmen wie Kärcher, Lapp oder Bosch mit Brasilien haben laut Horn begünstigt, dass viele Brasilianer in die Region Stuttgart kamen. Horn ist im Brotberuf stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Baden-Württembergischen Bank, die in Sao Paulo eine große Repräsentanz unterhält. So kam auch der Banker zu der Würde des Honorarkonsuls. „Wir freuen uns über die Aufmerksamkeit, die Brasilien durch die Olympischen Spiele genießt“, sagt Horn. Von seinem Vorstandsbüro zum Konsulat braucht er nur wenige Schritte zurückzulegen: Das Diplomaten-Büro ist im Bankgebäude am Hauptbahnhof untergebracht.

Ein anderer, der wie Jidu Pasqualini die brasilianische Gemeinde in Stuttgart zusammenhält, ist Iuri Ribeiro. Der 31-jährige Mann aus der kleinen Stadt Taobaté bei Sao Paulo wohnt in Ostfildern und studiert International Management an der Hochschule Nürtingen. Nach drei Jahren in Deutschland gründete er 2014 die Facebook-Gruppe „Brasileiros na Alemanha“ mit inzwischen 21 000 Angehörigen in ganz Deutschland.

Als Iuri Ribeiro damit anfing, wollte er seinen Landsleuten Erfahrungen weitergeben, die er bei seinem Start ins Migrantenleben gemacht hatte. Inzwischen geben sich die Mitglieder der Facebook-Familie gegenseitig Ratschläge, wenn es um Dinge geht wie Krankenversicherung, Arbeitsvertrag oder auch nur darum, wo brasilianische Lebensmittel zu kaufen sind. Ribeiros Erfahrung ist, dass sich Brasilianer in Deutschland sehr gut integrieren. Er selbst hatte keine Ahnung von der deutschen Sprache, als er 2011 nach Stuttgart kam. Er besuchte Kurse an der Volkshochschule und spricht die Sprache inzwischen perfekt.

Die Sehnsucht nach der Heimat bleibt, auch bei Jidu Pasqualini. Forró-Tanzen lindert den Schmerz. Allerdings versichert der 38-Jährige, der Schauspiel, Pädagogik und Theaterpädagogik studiert hat, dass er sich sehr wohl fühle in Schwaben. Wenn er zu Besuch in Brasilien sei, vermisse er viele Sachen, die er an Deutschland mag – beispielsweise die Pünktlichkeit von Bussen und Bahnen.

Beim Tanzen im Biergarten wirkt Jidu Pasqualini völlig entspannt und locker, obwohl die Figuren, die er mit seiner Frau Julia aufs Parkett zaubert, sehr diffizil wirken. In seiner Liga führt der Mann nicht mehr, sondern versucht zu spüren, was die Frau will. Pasqualini: „Das ist die zweite Stufe.“

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16.08.2016, 06:00 Uhr
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