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Phänomen

28 Kaninchen auf einen Schlag

In den letzten Jahren hat das krankhafte Sammeln von Tieren zugenommen. In den Auffangstellen in der Region vergeht kein Tag, ohne dass ein Vierbeiner dort abgegeben wird.

22.07.2019

Von NADJA OTTERBACH

Bei Marion Wünn im Tierheim in Stuttgart leben zurzeit 600 Schützlinge, davon 400 Kleintiere. Foto: Ferdinando Iannone

Ursula Gericke bringt so schnell nichts aus der Fassung. Sie bleibt auch dann ruhig, wenn die Behörden mit 14 beschlagnahmten Chihuahuas, die von ihren Haltern in einer Wohnung zurückgelassen wurden, vor der Tür stehen. Seit 1990 leitet Gericke das Ludwigsburger Franz-von-Assisi-Tierheim. Möchte man mit der 58-Jährigen sprechen, braucht man Geduld. Ständig klingelt ihr Handy, das Gebell im Hintergrund reißt nicht ab. 110 Hunde versorgt Gericke mit ihren acht festangestellten Tierpflegern und weiteren Mitarbeitern aktuell, dazu kommen 80 Katzen, 60 Kleintiere, zahlreiche Jungvögel, 100 Tauben, Schweine, Esel und immer mehr Exoten wie Schlangen und Wasserschildkröten.

Animal Hoarding – die Sucht, Tiere zu sammeln, ohne sie angemessen zu versorgen – ist kein neues Phänomen für die Chefin am Kugelberg. „In den letzten Jahren gab es immer mehr solcher Fälle“, erzählt sie. Allein letzten Monat seien 28 Zwergkaninchen auf einen Schlag bei ihr gelandet.

Im wesentlich kleineren Tierheim in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) warten nur selten mehr als sechs Hunde gleichzeitig auf ein Zuhause. Derzeit sind es 20, und Schuld daran sind nicht etwa die nahenden Sommerferien, sondern ein weiterer Fall von Animal Hoarding. Alois Hammel, Vorsitzender des örtlichen Tierschutzvereins, sagt, dass er kaum glauben konnte, was die Behörden ihm erzählten: 33 vernachlässigte Pudel waren aus einer Wohnung befreit worden. Das Tierheim nahm 14 Hunde auf, die nun von Leiterin Dagmar Deuschle versorgt werden. Sie ist die einzige Festangestellte, entsprechend wichtig ist das ehrenamtliche Engagement. Neben Hunden leben im Heim 25 Katzen und etliche Wasserschildkröten.

„Es gibt keinen Hochmonat“

Apropos Urlaub: Zwar werden nach wie vor Tiere ausgesetzt, bevor ihre Halter auf Reisen gehen – die Tierrechtsorganisation Peta spricht von 65 000 Tieren deutschlandweit –, doch werden die Tierheime in den Sommermonaten nicht mehr überschwemmt, wie es vor 15 Jahren noch der Fall war. „Es gibt keinen Hochmonat, heutzutage wird das ganze Jahr über gereist“, hat Marion Wünn, Chefin des Tierheims in Stuttgart-Botnang, festgestellt. Dementsprechend sei das ganze Jahr über viel los. „Es vergeht kein Tag, ohne dass ein neues Tier kommt und ein anderes geht.“

Aktuell beherbergt das Tierheim in der Landeshauptstadt knapp 600 Schützlinge, davon 400 Kleintiere. Die Zahlen seien in den vergangenen zehn Jahren konstant geblieben, so Wünn. Die Fälle aber seien krasser geworden, Misshandlungen hätten zugenommen, bedauert sie.

Eine Erfahrung teilt die 58-Jährige mit ihrer Ludwigsburger Kollegin: Ein Tier wird heute schneller entsorgt, wenn es krank wird und Geld kostet. Wünn spricht von einer Verrohung der Gesellschaft, doch sagt sie auch: „Hinter jedem Tier steht ein menschliches Schicksal. Das darf man nicht vergessen.“ Ursula Gericke berichtet von immer mehr Haltern, die ihr krankes Tier gegen ein gesundes umtauschen wollen. Früher seien die Leute eher bereit gewesen, mit ihren Tieren zu arbeiten, sie bis zum Schluss zu umsorgen. Heute würden Tiere unüberlegt angeschafft, häufig übers Internet. Festgestellt hat Gericke aber auch, dass viele die immer weiter steigenden Tierarztkosten nicht mehr bezahlen könnten.

Diese Erfahrung wird vermutlich auch das neue Kreistierheim Böblingen machen, das im März dieses Jahres eröffnet wurde und für 26 Kommunen zuständig ist. Das nur wenige Meter entfernte Tierschutzheim besteht weiter, übernimmt aber nur noch besonders pflegeintensive Notfälle, wie Wolf Eisenmann berichtet. Noch sind die Hunde- und Katzenhäuser mit 20 beziehungsweise 40 Tieren recht leer. Kapazitäten hat das Kreistierheim für mehr als doppelt so viele Bewohner. Eisenmann geht davon aus, dass die Zahlen rasch steigen werden. In der Einrichtung soll künftig die Prävention eine große Rolle spielen. Damit so vielen Tieren wie möglich der Aufenthalt im Heim erspart bleibt.

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Erstellt:
22. Juli 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Juli 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2019, 06:00 Uhr

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