Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
234 Kilo Klang für Bach
Wichtig für Christoph Rademanns historische Aufführungspraxis: die Silbermann-Truhenorgel. Foto: Holger Schneider
Eine Silbermann-Truhenorgel für den neuen „Stuttgart Sound“

234 Kilo Klang für Bach

Silbermann-Truhenorgel: Die Internationale Bachakademie stellt vor Beginn des Musikfestes Stuttgart das Herz ihres Zukunftssounds vor.

27.08.2016
  • VERENA GROSSKREUTZ

Stuttgart. Strahlend lachen die golden verschnörkelten Schnitzereien dem Publikum entgegen: Die Silbermann-Truhenorgel aus der Bach-Zeit oder besser: ihr Nachbau ist ein sehr edles Instrument. Rechts und links ist das kleine Kasteninstrument mit jeweils zwei Messinggriffen versehen für den Transport, elegant wirkt ihr creme-anthrazitener und hellgrauer Barock-Anstrich. Das Instrument bringt satte 234 Kilo auf die Waage. Ein leichter Duft nach frisch verarbeitetem Holz und Leim liegt in der Luft des Saales in der Internationalen Bachakademie (IBA).

Stolz präsentiert das Haus pünktlich vor Beginn seines großen Sommerfestivals, des Musikfests Stuttgart, eine kleine Sensation. Schließlich war Gottfried Silbermann der bedeutendste mitteldeutsche Orgelbauer des Barock, und das Original – eine völlig zerfallene Instrumentenruine – ist erst 2013 in der Kirche des sächsischen Seerhausen entdeckt worden. Die Identifizierung und die Datierung auf das Jahr 1722 wurden allerdings zum „Krimi“. Nicht nur wegen Kriegsplünderungen 1917 seien der Orgel fast sämtliche Tasten und Pfeifen abhandengekommen: bis auf eine c-Zinnpfeife und eine h-Taste.

So stürzte sich der Dresdner Orgelbaumeister Kristian Wegscheider im Auftrag der IBA in die Recherche und fand Geschwister „der für diese Zeit sehr fein gearbeiteten Pfeife“ in Silbermann-Orgeln anderer Kirchen Sachsens. Weil der Orgelbau damals keine Zunft war, durften die Werkstätten ihre Instrumente nicht signieren, weswegen sie zu einem anderen Mittel griffen: zur individuellen Verzierung der Tasten-Stirnkante. Auch diese half Wegscheider bei der Zuordnung durch Vergleiche.

„Natürlich“, unterstreicht Rademann, „mussten Wegscheider und seine elf Mitarbeiter die Orgel beim Nachbau den heutigen Bedürfnissen der Alte-Musik-Praxis anpassen.“ Um etwa das Spiel in unterschiedlichen Stimmhöhen möglich zu machen, ist die Klaviatur um einen Ton verschiebbar.

Die neue Silbermann-Orgel, deren Kosten von knapp 100 000 Euro private Mäzene übernahmen, wird als originalgetreues Exponat barocker Klangvorstellungen das Herz des neuen „Stuttgarter Bach“-Sounds werden, den Rademann anstrebt: „Im Prinzip die Verschmelzung des originalen Bach-Stils mit den Realitäten in Stuttgart. Ich muss ja hier die Räume füllen mit Klang. Deswegen besetze ich hier Bach ein bisschen größer. Ich will einen durchschlagskräftigen Klang.“

Erstmals stellt sich beim Musikfest das neu gegründete hauseigene Originalklangorchester vor, das auch auf Musiker ausländischer Spitzenensembles zurückgreifen wird und eine „Brücke schlagen will zwischen führenden Leuten der Alte-Musik-Szene und Musikern des alten Bach-Collegiums“, so Rademann, der seit 2013 künstlerischer Leiter der IBA ist. Es gehe ihm „um historisch-stilistische Wahrhaftigkeit“, hat er immer wieder unterstrichen. Und nun ist der entscheidende Schritt getan. Äußerlich sichtbar in der Umbenennung der Ensembles, die vom IBA-Gründer und ehemaligen musikalischen Leiter Helmuth Rilling in den 1950er-Jahren als Gächinger Kantorei (Chor) und Bach-Collegium (Orchester) gegründet wurden und Rillings Ruhm vermehrt hatten. Sie werden künftig unter dem gemeinsamen Namen Gaechinger Cantorey firmieren – eine historisierende Buchstabenänderung, die Rademann als „Verneigung vorm Vorgänger“ versteht, aber auch als Zeichen, dass es nun weitergehe im Sinne einer „noch mehr historisch informierten Aufführungspraxis“. „Ich kann den Sinn der Bachakademie nur so verstehen, dass sie versucht, so adäquat wie möglich an die Bach-Musik heranzukommen“, sagt er. „Das hat Helmuth Rilling zu seiner Zeit gemacht. Wir gehen jetzt einen Schritt weiter. Und das muss sein.“

Das sieht er als seine Verantwortung an. „Ähnlich wie der Restaurator ein altes Bild wiederherstellt“, sagt er, „müssen wir die Klangfarben der alten Zeit mit dem entsprechenden Instrumentarium wiederbeleben“. Die Silbermann-Orgel wird dabei zukünftig als „klingendes Exponat“ eine große Rolle spielen: Sie wird im Orchester deutlicher hörbar sein, als dies bei Orgelpositiven sonst üblich ist, die in der unteren Oktave oft „mulmig und verwaschen“ klängen, erklärt Rademann.

Wie das neue Ensemble klingen wird, darauf ist Rademann selbst gespannt. Die Proben haben noch nicht begonnen: „Man weiß, dass man ein ganz tolles Orchester hat, aber man weiß noch nicht, wie es klingt.“ Die Mehrheit der Orchester-Musiker trete beim Musikfest zum ersten Mal an, sagte Rademann. „Im Chor hab ich die Vorleistung ja schon erbracht und bin mit einer stabilen Formation am Start. Jetzt bin ich sehr gespannt, wie sich Chor und Orchester aneinander anpassen werden.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

27.08.2016, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular