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Kultur

23 000 Nachtschwärmer in der Stadt unterwegs

86 Einrichtungen, Denkmäler und Off-Spaces öffnen ihre Türen in der „Langen Nacht der Museen“. Ein Rundgang durch Hafen, Bunker und Galerien.

25.03.2019

Von NADJA OTTERBACH

Punch Agathe begrüßt die Besucher der Langen Nacht der Museen am Hafen. Per Joystick steuert die überdimensionale Dame aus dem Atelier von Stefanie Oberhoff Computerspiele, die auf eine gegenüberliegende Fassade projiziert werden. Foto: Ferdinando Iannone

Es riecht nach Hering und Lachs, und Punch Agathe schläft. Die 16 Meter große Dame mit dem gelben Kleid und den rot lackierten Fingernägeln regt sich nicht. Noch nicht. Punkt 19 Uhr, zum Beginn der Langen Nacht der Museen, hört man sie schnarchen. Trompetenklänge folgen und dann wird sie zum Leben erweckt, bewegt ihre Beine und richtet sich langsam auf. Die Hand auf einem Joystick, mit dem sie Computerspiele steuert, die auf die gegenüberliegende Fassade einer Lagerhalle projiziert werden.

Willkommen am Stuttgarter Hafen. Die Sonne geht langsam unter vor der imposanten Industriekulisse, und die Menschen strömen in Scharen herbei. Nicht nur, um Punch Agathe, die Riesenmarionette aus dem Atelier von Stefanie Oberhoff, in Aktion zu erleben. Sie wollen einen Platz ergattern auf einem der Schiffe, sich 20 Minuten durch den Hafen schippern lassen und unterwegs auf die Kompagnons der Puppe treffen.

Besucher stehen Spalier

Der Hafen gehört zu den Magneten dieses Abends. Die Museumsnacht, ausgerichtet vom Stuttgartmagazin „Lift“, feiert in diesem Jahr ihren 20. Geburtstag und bietet mit 86 teilnehmenden Kultureinrichtungen, Galerien und Off-Spaces wieder ein volles Programm. Bis 2 Uhr früh steuern die Shuttle-Busse die Stationen an. 23 000 Besucher machen mit bei der nächtlichen Tour.

Bei frühlingshaften Temperaturen sitzen die Besucher im Hafen auf Bierbänken, den Blick auf den Neckar gerichtet, oder sie betrachten die bunten Bilder, die das Atelier am Westkai in einem Langcontainer platziert hat.

Punch Agathe schläft wieder, und die Museumsnacht nimmt richtig Fahrt auf. Buchstäblich. Im Ehrenhof des Neuen Schlosses, vor dem sich lange Schlangen bilden, steigen Besucher im Zehn-Sekunden-Takt ins „Rollende Museum“ ein. Der Württembergische Automobilclub lässt Oldtimer vorfahren. Rainer Klink, Chef des Tübinger Boxenstop Museums, kommentiert sie schwäbisch-launig. „Hier kommt wieder unser Bulli, da steppt der Bär!“ Oder: „Wer ist masochistisch veranlagt? In den Fiat Cinquecento müssen vier rein!“ Die Zuschauer stehen Spalier und essen Maultaschen, bevor sie weiterziehen durch die Nacht. Besonders beliebt sind Stationen, die sonst nicht öffentlich zugänglich sind, der Pragfriedhof etwa oder der Bunker unter dem Marktplatz. Längere Wartezeiten müssen Besucher auch für das Museum am Löwentor, das Kunstmuseum, das Weinbaumuseum oder das Porsche-Museum in Kauf nehmen. Durch das Hotel Silber, einstige Zentrale der Gestapo und eins von neun Neuzugängen bei der Museumsnacht, dürfen nicht mehr als 25 Besucher gleichzeitig spazieren. Dementsprechend voll ist das Foyer.

Ein perfekter Ausklang

Ebenfalls Premiere feiert in dieser Nacht das Stadtpalais. Vor dem Gebäude erschafft Jeroo, ein international bekannter Graffiti-Künstler aus Stuttgart, gerade ein neues Werk. Live im Scheinwerferlicht. Drinnen in der Sonderausstellung „Off-concrete“ zeigt der preisgekrönte Künstler einige seiner Atelierarbeiten. Sie sind von der Natur inspiriert und verbinden die Kraft von Graffiti mit der Ästhetik des Jugendstils. Eine Familie schwärmt von der Leuchtkraft der Farben, der Exaktheit der Linien und fragt sich, ob „der das ohne Hilfsmittel geschafft hat“. Noch bevor die drei weitergehen zur Sonderausstellung über Manfred Rommel, ist da plötzlich Musik. Im Foyer des Stadtmuseums singen 17 Männer „Happy“ von Pharrell Williams. Die Chöre des Musikwerk Stuttgart animieren die Besucher stündlich zum Mitsingen.

Der Stuttgarter Lasse Langner bevorzugt die kleineren Galerien, die man schnell übersieht. Die Ateliers im Westen zum Beispiel, von denen in dieser Nacht so viele ihre Türen öffnen, dass es schwerfällt, sich zu entscheiden. Also erst mal in den Bunker unter dem Diakonissenplatz, in dem Studierende der Akademie der Bildenden Künste eine „performative Premiere“ präsentieren, eine Mischung aus Lesung, Videoinstallationen und Schauspiel.

Im Galerienhaus, dessen Räume sich Marko Schacher, Angelika und Markus Hartmann sowie Jürgen Palmer teilen, sind muntere Gespräche im Gange. Etwa über Kerstin Forster, die 140 Kilometer weit an der Isar entlang wanderte und alle sieben Kilometer ein Bild der Flusslandschaft malte. Ihre Bilder wirken entspannend im nächtlichen Trubel. Und sind der perfekte Ausklang einer Tour durch Stuttgart, die am Wasser begonnen hat und somit am Wasser endet.

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Erstellt:
25. März 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. März 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. März 2019, 06:00 Uhr

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