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Gott ist gegen hohe Mieten

200 Demonstranten forderten eine sozialere Wohnungspolitik

„Keine Rendite mit der Miete“ skandierten am Freitag etwa 200 Leute, die durch die Tübinger Altstadt zogen. Wie sich die Wohnungsfrage lösen ließe, wurde nach der Demo ein für allemal entschieden – durch ein „Gottesurteil“.

23.10.2015

Von Philipp Koebnik

Tübingen. „Gerade heute habe ich mir ein Zimmer angeschaut, für das die Vermieter 850 Euro warm haben wollten“, berichtete ein 21-jähriger Ethnologie-Student, der dringend eine Unterkunft sucht. So wie er protestierten am Freitag ungefähr 200 Leute gegen Wohnungsmangel und hohe Mieten in Tübingen. Dazu aufgerufen hatte das Tübinger Bündnis gegen Wohnungsnot (Die Linke, Falken, Interventionistische Linke Tübingen, SDAJ, das selbstverwaltete Studentenwohnheim Wilhelma und Bewohner von Häusern des Tübinger Mietshäuser-Syndikats).

Die Rednerinnen und Redner forderten unter anderem mehr sozialen Wohnungsbau und Mietobergrenzen. Laut dem Mietspiegelindex von 2014 ist Wohnraum nur in drei Städten Deutschlands teurer als in Tübingen. Daran erinnerte Paul Rodermund, der zu Beginn der Demo vor dem Clubhaus einen Redenbeitrag für das Bündnis hielt. „Immobilien sind seit der Finanzkrise für Kapitalanleger besonders interessant geworden.“ Je attraktiver die Lage, desto höher seien die Renditen – und folglich die Mieten. „Ein menschliches Grundbedürfnis wird zum Spekulationsobjekt gemacht“, kritisierte Rodermund.

Die Demo führte über die Wilhelmstraße, durch die Altstadt zum Marktplatz. Dabei riefen die Leute Parolen wie „Rauf mit den Löhnen, runter mit der Miete“, „Keine Rendite mit der Miete“ oder auch „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“.

Auf dem Marktplatz angekommen, ergriff Gaby Wülfers vom Arbeitslosen-Treff das Wort. In Beratungsgesprächen seien die hohen Mieten immer wieder ein wichtiges Thema. Nicht selten müssten Betroffene in einen Vorort umziehen, weil das Jobcenter die alte Wohnung als unangemessen teuer beurteilt. Andere versuchten, in Tübingen zu bleiben, und zwackten dafür Geld vom Hartz 4-Regelsatz ab – und haben somit noch weniger Geld zum Leben. Wie die Hartz-Gesetze, so sei auch der enge Wohnungsmarkt in Tübingen „Ausdruck der Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft“.

„Der freie Wohnungsmarkt hat nicht zu mehr, sondern zu weniger bezahlbarem Wohnraum geführt“, sagte Bernhard Strasdeit, Kreisrat der Partei Die Linke. Er forderte eine „Wiederbelebung des öffentlichen Wohneigentums“. Auf dem Holzmarkt sprach Vincent Rose für die Falken. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum sei nur ein Beispiel für einen grundlegenden Widerspruch in dieser Gesellschaft: „Wohnungen sind eben nicht einfach dafür da, dass in ihnen gewohnt wird – sie sind vor allem und zuallererst ein Mittel für den Gewinn ihrer Eigentümer.“ Im Kapitalismus seien nicht die Bedürfnisse der Menschen maßgeblich, sondern allein eine zahlungskräftige Nachfrage.

„Neben Geringverdienern und Migranten sind vor allem Jugendliche von der Wohnungsnot betroffen“, sagte Luisa von der SDAJ bei der Abschlusskundgebung auf der Neckarbrücke. Auszubildende und Studierende könnten sich oft kaum eine eigene Wohnung oder auch nur ein WG-Zimmer in Tübingen leisten. Das werde sich nicht ändern, „solange unser Wohnraum der kapitalistischen Verwertungslogik unterliegt“. Das Privateigentum an Grund und Boden müsse infrage gestellt werden. „Nicht wir liegen unseren Eltern auf der Tasche, sondern der Kapitalismus und seine Profiteure uns allen.“

Die Interventionistische Linke (IL) ließ die Frage, wie mit Wohnraum umzugehen sei, von „höchster Instanz“ entscheiden: durch ein „Gottesurteil“. Im Jahr 1514 hatten die Fürsten – zum Nachteil der unteren Schichten – neue Gewichte ausgegeben, mit denen die Waren abgewogen wurden. Daraufhin sollen zornige Bürger und Bauern die Gewichte bei Großheppach in die Rems geworfen haben. Wenn die neuen Gewichte gerecht seien, so sollten sie oben schwimmen bleiben. In Anlehnung an das historische Vorbild warf Marc Amann von der IL einen großen Schlüsselbund in den Neckar: Wenn Wohnraum keine Ware sein darf, solle der Schlüsselbund untergehen. So geschah es dann auch – unter großem Jubel der Demonstranten.

Im Anschluss an die Demo bauten Dutzende Leute Zelte auf der Neckarinsel auf. Mit dem „Wohn-Out“ wollten sie weiter protestieren – und im Freien übernachten.

Demo gegen Wohnungsnot

Demo gegen Wohnungsnot

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Erstellt:
23. Oktober 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Oktober 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2015, 12:00 Uhr

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