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Unverständlich und unmenschlich

200 Demonstranten forderten Bleiberecht für fünf syrische Flüchtlinge

Trillerpfeifen, Plakate und entschlossene Parolen: Rund 200 Demonstranten forderten, die drohende Abschiebung von syrischen Asylsuchenden aus Wankheim zu verhindern.

22.03.2015

Von Philipp Koebnik

Wankheim. „Wo bleibt die Menschlichkeit?“ – diese Frage, zu lesen auf einem großen Transparent, stellten am Samstag viele der etwa 200 Demonstrationsteilnehmer. Die Flüchtlingshilfe Härten hatte zur Demo aufgerufen, um die drohende Abschiebung von fünf syrischen Männern zu verhindern. Diese wohnen seit Herbst in der Kerf in Wankheim und sollen nun entsprechend der Dublin-III-Verträge nach Ungarn und Italien zurück (wir berichteten).

Am Rathaus in Wankheim ging es los. „Wir wollen heute deutlich zeigen, dass wir es uns nicht gefallen lassen, dass unsere syrischen Freunde abgeschoben werden sollen“, rief Marc Schauecker vom Unterstützerkreis der Menge zu. Die bunte Demonstration mit Teilnehmern jeden Alters zog durch Wankheim und dann wieder zum Rathaus. Dabei wurden Parolen gerufen wie „Abschiebung stoppen – jetzt sofort!“ oder „Kein Mensch ist illegal – Bleiberecht für alle!“ Trillerpfeifen sorgten für eine ordentliche Demo-Lautstärke.

Bei der Abschlusskundgebung am Rathaus kam Schauecker auf den Umgang mit Flüchtlingen in anderen EU-Staaten zu sprechen. „Erschreckende Berichte“ hat die Organisation Pro Asyl etwa über Ungarn veröffentlicht. Dort werden Asylsuchende mitunter bis zu einem Jahr inhaftiert, zum Teil würden ihnen zwangsweise Beruhigungsmittel verabreicht.

„Hier in Wankheim haben sie endlich den lang ersehnten Frieden gefunden. Sie jetzt abzuschieben, nachdem sie schon gut in Wankheim integriert sind, ist einfach absurd“, sagte Schauecker. „Wir fordern die verantwortlichen Stellen auf, die Abschiebungen zu überprüfen. Alles andere ist unmenschlich und unverantwortlich.“ Es dürfe nicht sein, dass Menschen, die „ein Recht auf Ruhe und Frieden im Leben haben“, hier erneut traumatisiert würden. Laut Artikel 1 des Grundgesetzes ist die Würde des Menschen unantastbar – „gilt dies etwa nicht für Asylsuchende?“, fragte Schauecker mit Blick auf die Verantwortlichen.

„Die Flüchtlinge integrieren sich super, sie sind immer dabei, wenn wir etwas machen“, sagte Sigmund Braun vom Laifhof. Die Begegnungsstätte, die sich in unmittelbarer Nähe zu der Flüchtlingsunterkunft befindet, ist aktiv bei der Flüchtlingshilfe Härten. Gemeinsames Kochen, Singen, Tischkickern oder einfach nur reden – für den Laifhof war es „selbstverständlich“, sich für die Asylsuchenden zu engagieren, sagte Braun. Die drohenden Abschiebungen nannte er „total unverständlich“.

Den Bleibewunsch unterstützt auch der Ortschaftsrat, eine entsprechende Stellungnahme verlas Volker Schubert. Die Solidarität in Wankheim ist offenkundig groß. Gemeinsam mit ein paar Freundinnen engagiert sich beispielsweise Linda Burger, 15, in einer Kindergruppe. „Dort lernen die syrischen Familien spielerisch die deutsche Sprache“, erklärte sie.

Demo-Teilnehmer waren allerdings auch aus anderen Städten angereist. So war es der 19-jährigen Clara aus Rottenburg wichtig, „die Menschen vor Ort darauf aufmerksam zu machen, was hier los ist“. Aus Tübingen gekommen war die 22-jährige Nina. „Deutschland stellt sich gerne als ein Land dar, das Flüchtlinge freundlich aufnimmt. Hier und jetzt zeigt sich, dass dieses Bild nicht stimmt“, meinte die Auszubildende.

Bei einer spontanen Spendensammlung am Ende der Kundgebung kamen 1000 Euro zusammen. Für die Anwaltskosten wird gleichwohl weiteres Geld benötigt. Die Daten des Spendenkontos finden sich auf der Website der Flüchtlingshilfe Härten.

Nicht nur aus Reutlingen kamen am Samstag Demonstranten, die sich solidarisch zeigten mit den syrischen Asylsuchenden in Wankheim. Bild: Koebnik

Die Dublin-Verordnung gilt in der gesamten EU sowie in Norwegen, Island und der Schweiz. Sie legt fest, dass Flüchtlinge einen Asylantrag nur in dem Land stellen können, über das sie ins „Dublin-Gebiet“ eingereist sind. Die Folge sei der „Aufbau einer riesigen Bürokratie, die eine Verschiebung von Asylsuchenden kreuz und quer durch Europa organisiert“, so die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl. Vier der fünf Syrer in Wankheim sind von der Abschiebung nach Ungarn bedroht, der fünfte soll nach Italien „zurückgeführt“ werden. Der Tübinger Anwalt Johann Bach bemüht sich per Eilanträge beim Verwaltungsgericht Sigmaringen zunächst um Aufschub.

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Erstellt:
22. März 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
22. März 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. März 2015, 12:00 Uhr

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