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Geburtshelfer einer Demokratie

1948 schufen 33 Männer auf Herrenchiemsee einen Entwurf für das Grundgesetz

Im Alten Schloss auf der Chiemsee-Herreninsel traf sich 1948 der Verfassungskonvent. In zwei Wochen entstand ein Entwurf des deutschen Grundgesetzes.

30.08.2016
  • PATRICK GUYTON

Herrenchiemsee. Spätestens am Hafen von Prien/Stock am Chiemsee wird offenkundig, wie die Tourismus-Planer diese Insel vermarkten: Ein großes Plakat zeigt das Königsschloss von Herrenchiemsee, zeigt Ludwig II., den „Kini“. Dieser ließ sein Schloss von 1878 an im Stile Versailles bauen – völlig überzogen und gigantomanisch, wie der ganze Mann selbst war. Wegen Ludwig II. und dessen Schloss besteigen an diesem Sommertag bei schöner Wärme eine französische Seniorengruppe, Italiener, Amerikaner und eine Familie aus Nordrhein-Westfalen die Fähre namens „Edeltraud“.

15 Minuten dauert die Fahrt, dann geht es durch die prächtigen Park- und Gartenanlagen zu diesem Traum von einem Schloss, dessen Ausbau unvollständig blieb, weil dem verschwendungssüchtigen König das Geld ausgegangen war. Achtlos gehen nahezu alle der vielen Tausend Besucher vorbei am nahe der Anlegestelle gelegenen Alten Schloss, dem ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift. Dabei hat dieser Ort eine weit größere Bedeutung für die Geschichte und die Politik als das Ludwig-Schloss.

Es war im August 1948, als sich hier 33 Vertreter der später westlichen Bundesländer trafen – und zwei Wochen lang hart arbeiteten. Die Schrecken der NS-Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs waren im Bewusstsein, die Gegenwart im sich in dieser Zeit gerade in West und Ost trennenden Deutschland war von Ruinen, Hunger und Chaos geprägt. Die ausschließlich männliche Runde hatte einen großen Auftrag: Sie arbeitete einen Entwurf für das künftige Grundgesetz aus, der wegweisend wurde. Ohne ihn gäbe es die demokratisch-föderalistische Verfassung der späteren Bundesrepublik nicht. Das Alte Schloss auf der kleinen Herreninsel im Chiemsee, die damals so abgeschieden von der Welt war – es ist ein Geburtsort der parlamentarischen Nachkriegs-Demokratie.

Abgesandte von elf damaligen Bundesländern in den Besatzungszonen von USA, Großbritannien und Frankreich trafen sich im östlichen Flügel des Schlosses mit Blick auf den Rosengarten, der wie ein Kreuzgang in dem Bauwerk angelegt ist. Meist waren es die Landes-Justizminister oder Staatssekretäre. Aus dem heutigen Baden-Württemberg gab es drei Vertreter: aus dem nördlichen Württemberg-Baden, aus Baden und aus Württemberg-Hohenzollern. Der Justizminister des letztgenannten Landes war der bekannteste Konvents-Teilnehmer: der SPD-Politiker und Tübinger Staatsrecht-Professors Carlo Schmid, der später als einer der „Väter des Grundgesetzes“ tituliert wurde.

Gastgeber war Anton Pfeiffer (später CSU), der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei. Als Ziel des Verfassungskonvents gab er das Ziel aus, „den Grundstein nicht nur für die materielle, sondern auch für die geistige Wohlfahrt des deutschen Volkes“ zu legen. Am Ende des 13-tägigen Treffens meinte Pfeiffer, er habe noch nie eine Konferenz erlebt, auf der so viel gearbeitet worden sei.

Politisch ging in der damaligen Zeit alles Schlag auf Schlag: Nur einen Monat zuvor hatten die West-Besatzungsmächte von den jeweiligen Ministerpräsidenten verlangt, eine Verfassung auszuarbeiten. Verlangt wurde ein föderalistischer Typ. Bayerns Ministerpräsident Hans Ehard lud dann gleich nach Herrenchiemsee ein. Es kamen allesamt Experten für Verfassungsfragen. 1949 wurde Ehard übrigens erster Vorsitzender der neu gegründeten CSU.

Man traf sich im Zimmer Nummer 7. Das war das ehemalige Speisezimmer Ludwigs II. Es wurde vom König benutzt, wenn er auf der Insel gerade nicht in seinem 700 Meter entfernten XXL-Schloss verweilte. Der Raum ist in dunklem Holz gehalten, heute heißt er Verfassungszimmer. An einer Wand hängt eine große Schwarz-Weiß-Aufnahme, wie die Konventsteilnehmer eben in jenem Raum tagen. Schon am ersten Tag wurde der Konvent in drei Ausschüsse aufgeteilt. Am Ende war ein fast vollständiger Grundgesetz-Entwurf fertig, inklusive eines Tätigkeitsberichts – das waren insgesamt 95 Druckseiten. Das Schriftstück wurde nach Bonn geschickt zum Parlamentarischen Rat, welcher dann das Grundgesetz ausarbeitete.

Heute trifft man im Rosengarten des Schlosses, von wo man einen Blick auf den „Verfassungstrakt“ hat, kaum eine Menschenseele. Drinnen gibt es eine kleine Ausstellung vom Haus der Bayerischen Geschichte zum Verfassungskonvent. Die wenigen Tafeln zeigen, dass sich der Freistaat Bayern offenbar noch nicht der großen historischen Bedeutung dieses Ortes bewusst ist.

Inhaltlich wurde in den Tagen im August 1948 am meisten über das Ausmaß des künftigen Föderalismus gerungen. Bayern zum Beispiel wollte eine Radikal-Variante, die den Ländern weit mehr Macht gegeben hätte als der Bundesrepublik. Andere wünschten sich eher einen starken Zentralstaat. Die sowjetische Besatzungszone, aus der später die DDR hervorging, war von der gesamten Entwicklung bereits abgeschnitten.

In den damaligen August-Tagen setzten Journalisten täglich über, um von den um 17 Uhr beginnenden Pressekonferenzen zu berichten. In der Presse wurde die Tagung mehrheitlich als zu abstrakt und ohne praktischen Nutzen kritisiert – ein Fehlurteil, wenn man die Wirkung des 1949 beschlossenen Grundgesetzes betrachtet.

Heute steht man vor dem Eingang des Alten Schlosses und blickt auf den schillernden See. Ein breiter Weg liegt davor. Eine Pferdekutsche folgt der nächsten, darin sitzen Touristen auf dem Weg zum Ludwig-Schloss.

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30.08.2016, 06:00 Uhr
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