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Joseph Blatter: Das Spiel ist aus

17 Jahre lang hat die Fußballwelt nach seiner Pfeife getanzt

Die Anhänger des reinen Fußballs fordern seinen Rücktritt bereits seit Jahren, doch der Fifa-Präsident sträubte sich bis zum Schluss. Für den Weltverband bietet sich die Chance des geregelten Neubeginns.

09.10.2015
  • ARMIN GRASMUCK

Am letzten Tag verliert selbst das gut gepolsterte Briefkuvert seine Kraft. Kein Freund, der schnell zur Seite springt. Und wo bleibt der Dank für all die rauschenden Feste in Herrgotts Namen? Der Beifall der Getreuen, die er auf seiner Seite wähnte? Kein Wort. Kein Applaus. Das Spiel ist aus.

Es ist kein Zufall, dass Joseph Blatter mit einer schnöden E-Mail, verschickt über das Sekretariat der Fifa, aus dem Amt gejagt worden ist. "Die Ethikkommission sperrt mehrere Fußball-Offizielle", so lapidar klingt die Nachricht, die den kickenden Kosmos erschüttert, im Wortlaut. Das Strafmaß wirkt milde. Blatter wurde wie auch Michel Platini, der Präsident der Uefa, für 90 Tage vom Dienst suspendiert. Im Klartext heißt es jedoch, dass die zwei wirtschaftlich wie politisch mächtigsten Sportverbände der Welt in den nächsten Wochen und Monaten praktisch führerlos sind. Nach Ende der Frist, so sieht es das Urteil des moralischen Kontrollgremiums der Fifa vor, könnten die beiden Funktionäre in ihre Spitzenämter zurückkehren.

In Wirklichkeit ist Blatter genauso wie sein langjähriger Kumpane Platini erledigt. Aufgrund seiner undurchsichtigen Rolle als Chef des von Korruption durchzogenen Weltverbands steht er bereits seit Mitte September im Visier der Schweizer Justiz. Auf einem außerordentlichen Kongress der Fifa sollte am 26. Februar eigentlich sein Nachfolger gewählt werden. Blatter sträubte sich dagegen, früher abzutreten - dem in der Heimat anhängigen Strafverfahren und den immer lauter werdenden Kritikern rund um den Globus zum Trotz.

Die Fifa fällt, doch der Präsident lebt konsequent in seiner Welt. Blatter, der sich gerne als leidenschaftlicher Retter des interkontinentalen Fußballs inszeniert, erschien gestern gänzlich ungeniert zum Dienst. Die Strafe, die gegen ihn verhängt worden ist, kontert der 78 Jahre alte Walliser mit der ihm eigenen Süffisanz. "Er freut sich auf drei Monate Ferien", ließ er über seinen Berater mitteilen. "Danach wird er sich bei der Fifa zurückmelden. Blatter ist rechtzeitig zurück, um am 26. Februar den Kongress zu führen." Es klingt, als kämpfe der suspendierte Präsident um den strahlenden Abschied, der ihm nach eigenem Empfinden gebührt.

Den Zeitpunkt für die geregelte Übergabe der Geschäfte hat Blatter gnadenlos verpasst. Viel mehr scheint es so, als stürze das Gebilde aus Sport, Macht und Geld, das er in den 17 Jahren seiner Regentschaft über alle Kontinente etabliert hat, zielgenau mit dem Abgang des virtuosen Strippenziehers ein. Die Ermittler aus den Vereinigten Staaten und der Schweiz, die sich seit geraumer Zeit mit dem undurchsichtigen, in vielen Fällen dubiosen Geschäftsgebaren der Fifa-Bosse beschäftigen, liefern praktisch im Monatstakt Auffälligkeiten und Beweise für Korruption, Betrug und Vorteilsnahme verschiedenster Art. Das Netz der Verdächtigen und Überführten erstreckt sich von der feudalen Fifa-Zentrale in Zürich aus über die gesamte Erdkugel mit belegten Schwerpunkten in Afrika, dem Nahen Osten, der Karibik und Südamerika. Entsprechend bunt und anrüchig haben sich die führenden Gremien des Weltverbands unter Blatters Ägide entwickelt. Die Stimme des Deutschen Fußball-Bundes mit seinen fast sieben Millionen Mitgliedern ist in diesem Verbund genauso viel wert wie das Votum mancher Bananenrepublik.

In dieser Zeit, da die Fifa den neuen Präsidenten sucht, stehen nahezu alle potenziellen Kandidaten unter dem Generalverdacht, an unlauteren Geschäften zumindest indirekt beteiligt gewesen zu sein. Uefa-Chef Platini galt als aussichtsreichster Bewerber. Bis heute fand er jedoch keine plausible Antwort auf die brennende Frage, warum er von Blatter im Jahr 2011 Beträge in Millionenhöhe auf sein Konto überwiesen bekam. Das mächtige Exekutivkomitee der Fifa umfasst 25 Mitglieder, die verschiedene Länder und Kontinente vertreten. Wolfgang Niersbach, der Präsident des DFB, gehört dem auserwählten Kreis erst seit einigen Monaten an, sein Ruf ist tadellos. Aus allen Ecken der Erde wird er als perfekter Kandidat gepriesen. Aber Niersbach bekundet kein Interesse, er verweist auf seine Aufgaben beim DFB. Er weiß, dass bei der Fifa andere Regeln gelten.

Eine Hand wäscht die andere. Gibst du mir, geb ich dir. Möge der Bessere gewinnen. Oder derjenige, der es bezahlen kann. Der reine Fußball war in der 111 Jahre währenden Geschichte des Weltverbands in vielen Fällen nur das Mittel zum Zweck. Lange Zeit bestimmten die Europäer, wie die Kugel rollt. Blatter hat das Spielfeld vergrößert. Er holte die Kleinen - und er machte sie stark. In der Nacht vor seiner Wahl, wenige Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft 1998 spielte der Schweizer zum ersten Mal nach seinen Regeln. Er putschte den von den großen europäischen Verbänden protegierten Uefa-Präsidenten Lennart Johansson - mit den Stimmen aus Afrika. Blatters Argumente waren gut verpackt und perfekt platziert: große Umschläge, ausstaffiert mit je 50 000 Dollar in neuen Scheinen. Die wahlberechtigten Afrikaner fanden sie im Hotel, vor der Zimmertür, gleich nach dem Aufstehen und sie redeten offen darüber. Das Versprechen, als Fifa-Präsident eine WM auf ihren Kontinent zu holen, hatte Blatter gratis dazugegeben.

Wie geschickt der Fifa-Präsident in der Folge den Umgang mit den vermeintlich benachteiligten Ländern auf dem Fußballatlas pflegte, wird in diesen Tagen sehr deutlich. Fernsehrechte, für Freunde zum Schleuderpreis. WM-Tickets, aber bitte in die schwarze Kasse. Die WM 2022 in Katar - war sie schon vergeben, bevor die Mächtigen aus der Exekutive die Wahlzettel schrieben? Und Russland? Blatters Generalsekretär, der Franzose Jerome Valcke, saß im Flieger nach Moskau, um den Countdown der für das Jahr 2018 vereinbarten Fußballfestspiele einzuläuten, als er von den verbandseigenen Moralisten suspendiert wurde. "Heute morgen", so klagte sein Landsmann Platini just an dem Tag, an dem die eigene Sperre bekannt wurde, "habe ich die Briefe mit der Unterstützung, die ich für meine Kandidatur als Fifa-Präsident benötige, abgeschickt." Es klingt wie ein schlechter Witz, doch es ist ihm ernst.

17 Jahre lang hat die Fußballwelt nach seiner Pfeife getanzt

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09.10.2015, 12:00 Uhr
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