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Mit dem Gold kommt der Tod

160 Kinder sterben an Bleivergiftung

Es traf die Kinder im Norden Nigerias. Eine mysteriöse Erkrankung hat sie erfasst. Ärzte vermuteten Malaria. Doch es war Blei. Ihre Eltern hatten es zusammen mit Goldklümpchen in die Hütten gebracht.

12.08.2010

Von JOHN GAMBRELL,APN

Die Region Zamfara im Norden von Nigeria trauert um 160 Kinder. Zunächst wurden sie krank, konnten nicht mehr alleine stehen, nicht mehr hören, nicht mehr sehen. Dann starben sie. Die Ärzte vermuteten Malaria. Aber erst nach 160 Todesopfern und hunderten Erkrankten enthüllten Bluttests den wahren Auslöser: Blei, das die Dorfbewohner auf der Suche nach Gold mit in ihre Häuser gebracht hatten.

Die meisten Opfer sind Kinder. Sie haben in kontaminierten Hütten oder auf verseuchten Dorfplätzen gespielt. Die Konzentration in ihrem Blut war teilweise so hoch, dass die Messgeräte ihre Werte nicht mehr anzeigen konnten. Ihr Schicksal war der stark gestiegene Goldpreis, der die Suche nach Gold in der Region nahe der Grenze zum Niger erst attraktiv machte. Die Männer im Staat Zamfara konnten das Gold für mehr als 32 Dollar pro Gramm verkaufen - viel Geld für ein Land, in dem die meisten Menschen weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung haben. "Es gibt kein anderes Geschäft, in dem man so viel Geld verdienen kann", sagt ein 70-jähriger Dorfältester in Yargalma, Haruna Musa.

Die Männer zerschlagen die Erdbrocken mit dem Hammer und zermahlen die kleineren Stücke zu einem Puder, dabei hilft heute eine Maschine. Der Puder wird mit Wasser und Quecksilber vermischt um zu erreichen, dass sich die Goldpartikel zusammenklumpen. In Zamfara enthielt das Erz, das die Väter in die Dörfer mitbrachten, jedoch eine hohe Bleikonzentration. Sie bewahrten die wertvollen Brocken in ihren Hütten auf, sogar neben ihren Schlafmatten. Oft zertrümmern auch die Ehefrauen das Erz, während ihre Kinder daneben spielen. So reicherte sich das Blei in den Wänden an, in den Böden und auf den Dorfplätzen.

Ein internationales Ärzteteam traf Mitte Mai in Zamfara ein, um die Kinder zu behandeln und das Gift aus den Dörfern zu bekommen. "Schlimmer kann es nicht kommen", sagt der Präsident des amerikanischen Blacksmith-Instituts, Richard Fuller. Das Institut führt die Arbeiten zur Dekontaminierung der Dörfer an. Im Dorf Dareta haben die Arbeiten bereits begonnen. Bauern in weißen Schutzanzügen und mit Atemschutzmasken machten sich daran, den Boden einer Hütte abzutragen. Das Eisenerz wird nicht mehr bearbeitet, die Maschinen stehen offen herum, während das Regenwasser die kontaminierte Erde in einen Teich spült. In Yargalma sind die Säuberungstrupps noch nicht eingetroffen. Auf dem Friedhof des Dorfes sind viele frische Kindergräber zu sehen.

Rabiu Mohammed trauert hier um einen Sohn und eine Tochter. In der Nähe gehen andere Väter zwischen den Gräbern auf und ab. Kinder unter fünf Jahren sind besonders empfänglich für eine Bleivergiftung, weil ihre Gehirne noch nicht vollständig entwickelt sind. Blei kann das Gehirn und das Nervensystem schädigen. Weitere Folgen einer Vergiftung sind Bluthochdruck, Nervosität und Gedächtnisverlust. In schweren Fällen kann es zu Anfällen, Koma und Tod kommen.

Wenn in diesen Tagen in der Region ein Kind in ein Krankenhaus gebracht wird, ist Stille das schlechteste aller Zeichen. Denn dann ist die Bleikonzentration so hoch, dass Messgeräte sie nicht mehr anzeigen. Über einen Piepston freut man sich dagegen im Krankenhaus von Bukkuyum, etwa 20 Kilometer von Yargalma entfernt. Dieser bedeutet in vielen Fällen, dass die Behandlung angeschlagen hat und die Bleikonzentration gesunken ist.

In den Industriestaaten wird ein Patient mit einer Bleikonzentration von mehr als zehn Mikrogramm pro Deziliter meist ins Krankenhaus eingewiesen. Die Messgeräte können bis zu 65 Mikrogramm Blei feststellen. In Nordnigeria wären diese Geräte nutzlos. Fast alle Bluttests haben höhere Werte ergeben, als die Geräte anzeigen könnten, sagt die australische Ärztin Jenny Mackenzie, die für die Organisation Ärzte ohne Grenzen arbeitet. Bei mindestens einem Kind seien mehr als 300 Mikrogramm gemessen worden.

Die Kinder werden in Bukkuyum vier Wochen lang mit Medikamenten behandelt. Bei schweren Vergiftungen ist ein zweiter Zyklus nötig. Die meisten Kinder reagieren jedoch schon nach 48 Stunden positiv. Doch können sie Hirnschäden von der Vergiftung zurückbehalten. Noch immer werden nicht alle kranken Kinder erreicht. Mackenzie erklärte, ihre Organisation wolle deshalb eine zweite Station eröffnen.

Die Arbeiten zur Dekontaminierung bedeuten eine weitere Herausforderung. Das Blei ist überall in der Erde. Fuller vom Blacksmith-Institut erklärt, Freiwillige wollten in den Dörfern bis zu fünf Zentimeter Erde abtragen und auch das Quecksilber entsorgen. Allerdings hat inzwischen die Regenzeit begonnen. Immer wieder strömen Bäche die Wege hinab und tragen das Blei mit sich. Die Brunnen in dem Gebiet wurden bereits getestet. Die Ergebnisse liegen noch nicht vor, könnten aber erneut schlechte Nachrichten für die Dörfer bedeuten.

Die Kleinen trifft es zuerst. Eine stark überhöhte Bleikonzentration greift ihren Körper und ihr Gehirn an. Foto: apn

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Erstellt:
12. August 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. August 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. August 2010, 12:00 Uhr

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