Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
 Verfahren gegen pädophilen Prostitutionsring in der Stadt Rotherham offenbart skandalöse Strukturen
Schilderungen der Opfer wurden nicht beachtet. Foto: dpa
Die englische Krankheit

Verfahren gegen pädophilen Prostitutionsring in der Stadt Rotherham offenbart skandalöse Strukturen

Verhandelt wird im britischen Rotherham die sexuelle Versklavung von 14 Mädchen und jungen Frauen. Doch hinter dem Skandal stehen bis zu 1400 Opfer, die von einem Zuhälterring verschleppt wurden.

08.12.2015
  • HENDRIK BEBBER

Rotherham. In Sheffield steht eine Zuhälterbande vor Gericht, die zahlreiche Mädchen und junge Frauen in der nahen mittelenglischen Stadt Rotherham zur Prostitution gezwungen hatte. Der Prozess, in dem es gestern nur um Verfahrensfragen ging, ist Teil einer nicht abreißenden Serie pädophiler Verbrechen, deren Enthüllung die Briten fast jeden Monat erschüttert. Verhandelt wird gegen sechs Männer und zwei Frauen. Die Anklage hat 74 Anklagepunkte aufgelistet. Es geht vorerst um 14 Mädchen und junge Frauen, die von den Beschuldigten zu sexuellen Diensten gezwungen wurden. Die Angeklagten bestreiten das.

Eine Sonderkommission der Polizei, die von Innenministerin Theresa May eingesetzt worden ist, ermittelte jedoch in 7300 Fällen. Demnach wurden zwischen 1997 und 2013 an die 1400 Mädchen und junge Frauen aus sozialschwachen Familien von einer Schlepperbande zu Sexsklaven gemacht.

Die Angst und die Unterdrückung der Opfer war so stark, dass sie sich nur in einigen Fällen bei der Polizei und Jugendämtern meldeten. Doch ihre Schilderungen wurden als Lügen und Fantasien missachtet. Zudem waren die Beschuldigten aus der pakistanischen und bengalischen Bevölkerungsgruppe. Polizei und die Behörden scheuten sich aus falsch verstandener "politischer Korrektheit" vor Nachforschungen. Sie wollten Rechtsradikalen keine Munition dafür liefern, dass "muslimische Männer englische Mädchen schänden".

So wurden gelegentliche Ermittlungen verschleppt oder unterdrückt. Eine Zeitungskampagne riss schließlich 2011 den Schleier des Schweigens von diesem Drama. Die Regierung beauftragte die Soziologin Professor Alexis Jay mit der Untersuchung der Vorwürfe.

Als sie ihren umfangreichen Bericht vorstellte, kämpfte Jay bei der Schilderung der Leiden mit den Tränen. "Elfjährige Mädchen wurden von mehreren Tätern vergewaltigt", sagte die renommierte Wissenschaftlerin. Sie berichtete von Opfern, die mit Benzin überschüttet wurden und denen man drohte, sie das nächste Mal anzuzünden, falls sie sich bei der Polizei melden sollten. Andere mussten sich brutale Vergewaltigungen anschauen und ihre Peiniger kündigten ihnen an, dass ihnen das Gleiche geschähe, falls sie ausplaudern sollten.

Die Bandenmitglieder sprachen in der Regel sozialgefährdete Mädchen auf der Straße an, versprachen ihnen Liebe und Freundschaft und machen sie mit Geschenken, Drogen und Alkohol gefügig. Danach wurden sie gegen Bezahlung an andere Männer weitergereicht. Ein Opfer sagte dem Untersuchungsausschuss, "dass Gruppenvergewaltigung zum Alltag gehört, wenn man in Rotherham aufwächst".

Eine Kampagne der Labourabgeordneten Ann Cryer gegen diese fürchterlichen Praktiken ist 2003 von den Behörden und ihrer eigenen Partei unterdrückt worden, weil man die Beziehung zwischen den Bevölkerungsgruppen nicht vergiften wolle. Professor Jay sprach in ihrem Abschlussbericht "von einem himmelschreienden Versagen der politischen Führung". Mittlerweile sind hohe Beamte der Stadt und der Polizeichef zurückgetreten.

Die neuseeländische Richterin Lowell Goddard hat nun eine landesweite Untersuchung begonnen, die bis in die siebziger Jahre zurückreicht. Sie hat Stadtverwaltungen, Sozialeinrichtungen und die Kirchen vor ihren Ausschuss geladen. Goddard wurde eingesetzt, weil ihre britischen Vorgängerinnen wegen verwandtschaftlichen oder gesellschaftlichen Beziehungen zu Angeschuldigten als befangen galten.

Besonders brisant wird die Untersuchung von pädophilen Vergehen, deren ehemalige britischen Spitzenpolitiker beschuldigt werden. Innenministerin Theresa May spricht davon, dass die bereits ans Licht gekommenen Fälle "nur die Spitze des Eisbergs" sei. Ray McMorrow, der Experte einer Kinderschutzorganisation, fürchtet, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern in Großbritannien sich zu einer "Landplage" entwickelt hat.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

08.12.2015, 08:31 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel
„Das ist die Hölle“ Brückeneinsturz in Genua
Doping, Alkohol, Drogen Der tiefe Fall des Jan Ullrich

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Gästeführer (1): Manfred Bayer Ein Gedicht ist immer dabei
Renate Angstmann-Koch über Gästeführerinnen und -führer Tübingen-Liebhaber und Menschenfreunde
Konzert: Von Wegen Lisbeth Gefährder im Weinberg
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular