Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sleaford Mods

„Kreativ sein ist harte Arbeit“

Jason Williamson steht für die unwahrscheinlichste Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahre. Als Texter, Sänger und Performer ist er mit seinem Nottinghamer Brit-Punk-Duo wieder auf Tour.

13.06.2019

Von CLAUDIA REICHERTER

So sehen sie im Alltag wie auch auf der Bühne aus: Jason Williamson (links) und Andrew Fearn von Sleaford Mods. Foto: Simon Parfrement

Nottingham/Mannheim. Wer als Schulabbrecher Jahre in einer Hühnerfabrik und mit nachgeholtem Abschluss als Sachbearbeiter im Sozialamt der Stadt mit dem niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen Englands zugebracht hat, dem läuft schon mal die Galle über. Jason Williamson empfand die Fabrik als „irgendwas aus Dante“. Das Amt kam ihm vor wie von Kafka ersonnen. So schrieb er nach Feierabend lange Essays, Monologe über das, was er erlebte und sah – zwischen Maloche und Kiosk, Kippen und Bier.

Vor zwölf Jahren begann der heute 48-Jährige, seinen Ärger in Pubs in Nottingham und den umliegenden Midlands auf Musik des heutigen Bandfotografen Simon Parfrement rauszubrüllen. Auch wenn zunächst nicht allzuviele zuhörten – der umgangssprachliche Punk-Rap schrie selbst dem notorischen Pöbler aus dem Herzen. Ältere hörten darin nach Sex Pistols und Jello Biafra mal wieder, Jüngere zum ersten Mal die eigene Stimme. Für Williamson war es ein Weg, „Leute zu verhauen, ohne sie körperlich zu treffen“.

So entstanden Sleaford Mods, die erst noch That's Shit, Try Harder (Das ist scheiße, streng dich mehr an) hießen. Seit 2007 veröffentlichen Williamson, Parfrement und der zunächst noch hauptamtliche Busfahrer sowie Mini-Labelbetreiber Steve Underwood als Manager mindestens alle zwei Jahre ein Album. 2012 stieß DJ Andrew Fearn dazu. Seitdem bastelt der offen schwule 47-Jährige als Partner des verheirateten zweifachen Vaters Williamson minimalistische Beats unter die wütenden, geistreichen Tiraden: elektronisch, kantig, monoton, elektrisierend.

Mit „Austerity Dogs“ begann im Jahr darauf die unwahrscheinlichste Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahrzehnte – auch wenn die Aufnahmen noch in Fearns' heute gegen ein Hausboot eingetauschter Bude entstanden, und es zu den Auftritten in Underwoods VW Polo ging. Zwei ältere Männer in einer Band ohne Instrumente, die Pippi-Langstrumpf-mäßig alles anders machen – so wie sie es wollen.

Sie tragen Falten, Bauch und zu Auftritten dasselbe wie im Alltag: Jason Williamson Kurzmantel über T-Shirt und Hochwasserhosen zum Bjarne-Mädel-Pony; Andrew Fearn Basecap zum Blouson und Dreitagebart. Bloß entfernt mit der Teddy-Boy-Jugendbewegung der 60er Jahre verwandt und stets nur so weit schräg, dass es nicht schon wieder als schick durchgehen könnte. Von Popstar-Glamour sind die beiden so weit entfernt wie Stella Artois von Veuve Clicquot – und landen mit „Key Markets“ 2015 doch in den Pop-Charts. Obgleich sich Williamson und Fearns beharrlich weigern, das Fluchen in ihren Songs zugunsten von Radio-Tauglichkeit zu unterlassen. Musik-Kritiker erfinden für das Duo analog zum Brit-Pop der 90er den Begriff „Brit-Punk“. Ein Auftritt in der Jools Holland Show und der Vertrag mit dem Indie-Riesen Rough Trade folgen. Die Berliner Arte-Redakteurin Christine Franz begleitet Sleaford Mods in dieser Zeit des Um- und Durchbruchs für ihre schöne Doku „Bunch of Kunst“.

Und heute? Sind sie von Rough Trade wieder weg: „Eton Alive“ erschien auf dem eigenen Label Extreme Eating, klingt melodischer, reifer, auch desillusionierter als die zehn Alben davor. Diesen März stieg es als erste Mods-Platte in die Top Ten auf.

Von „I've got drugs to take and a mind to break“ über „Smash the fucking windows!“ hin zu „It's hard work being kind“: Jason Williamson hat mittlerweile Songlyrik und Kurzgeschichten in drei Büchern veröffentlicht und – obwohl ihm für eine Schauspiel-Karriere einst die Disziplin fehlte – in ein paar Spielfilmen mitgespielt. Statt wütend zu bellen, singt er nun gelegentlich. Die Texte klingen weniger ungehobelt, hauen aber weiter wortgewaltig und treffsicher rein. In „O.B.C.T.“, was für die Edelmarke Oliver Bonas und „Chelsea Tractor“ genannte Karossen steht, sogar ganz selbstkritisch. Fearns' Sounds sind vielfältiger, doch zappelt er live noch immer Stan-Laurel-mäßig mit der Hand in der Hosentasche vor dem auf Bierkisten platzierten, mit Band- und Kiffer-Stickern zugeklebten Laptop herum.

Wichtiger als der Ritterschlag von Iggy Pop („definitely the world's greatest rock'n'roll band“) scheint Jason Williamson die Bewunderung der jungen Australierin Amy Taylor von Amyl & The Sniffers, die er super findet. Über Bands, die mit Sleaford Mods verglichen werden, lästerte er zuletzt gern ab. Im Telefoninterview zeigt er sich aber milde gestimmt.

Das Leben ist zu kurz für Groll

„Life's too fuckin' short for grudges, innit?“, sagt der 48-Jährige. Das Leben ist zu kurz für Groll. Idles sind ihm zu kommerziell, er mag sie einfach nicht. Wenn er damit jemanden verletzt habe, tue ihm das leid. Lias Saoudis Kritik, seine Wut sei nach all dem Erfolg nicht mehr authentisch, entlockt ihm ein lustvoll polterndes Lachen: „Das hat er gesagt, bevor er unsere neue Platte hörte. Er wollte damit seine Band Fat White Family promoten. Aber das ging nach hinten los. Ich bin wie sein Dad und sag' immer: Zeig nicht mit dem Finger auf die Erzeuger!“

Ihm gehe es heute besser, betont der im Gespräch so zugängliche, herzliche, ernsthafte und zugleich humorvolle Mann. Doch reich sei er nicht. Und: „Geld ist nicht die Lösung. Die Leute vergessen: Es hat 42 Jahre gedauert, bis ich es soweit gebracht habe. Und warum hab' ich's geschafft? Nicht wegen der Regierung! Weil ich bin, der ich bin.“ Hühnerfabrik-Maloche inklusive. „Das verlässt dich nicht mehr, Geld kann es nicht kurieren, es geht tiefer.“

Sein Rezept, auch für die Zukunft: Ehrlich zu sich sein, nicht zu viel darüber nachdenken, was ausgefallen und punkig ist. „Andrew und ich wissen, wir müssen weiter an uns feilen. Kreativ sein und Touren sind harte Arbeit.“

Stephen Malkmus & The Jicks spielen beim?.?.?. Foto: PR

.?.?.? Maifeld Derby ebenso wie die Newcomer Amyl & The Sniffers aus Australien. Foto: unbekannt

Zum Artikel

Erstellt:
13. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
13. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2019, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Aus diesem Ressort
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+