Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Leitartikel · NSU-Prozess

Gesetz des Schweigens

Nach der Zeugenaussage der Hauptangeklagten im Münchner NSU-Terrorverfahren hat man den Eindruck, es gebe nicht nur zehn Opfer der Mörderbande, sondern elf. Das elfte heißt Beate Zschäpe. Ihre Geschichte von der kleinen, abhängigen Frau, die den beiden Terroristen verfallen war und nichts geplant oder mitgemacht hat, ist so rührselig wie falsch. Wer den Prozess regelmäßig verfolgt hat, dem ist aufgrund der zahlreichen Aussagen zur Genüge klar, dass im NSU Beate Zschäpe die Hosen anhatte. Sie kümmerte sich ums Geld, um Wohnungen, soziale Kontakte und um Urlaub - mithin um die Infrastruktur des Trios in der Illegalität, die das Morden erst möglich machte.

11.12.2015
  • Patrick Guyton

Die erbärmlich larmoyante Aussage von Zschäpe wird diesen Prozess nicht wesentlich verändern. Sie wird ihn verzögern, wenn das Gericht sich auf das von ihr geforderte Spiel einlässt, dass Fragen zur Aussage schriftlich abgegeben und die Antworten dann wiederum von den Verteidigern vorgelesen werden. Dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl war noch an keiner Regung abzulesen, wie sehr ihn diese dreisten Zschäpe-Vorgaben erzürnen. Die Gründe dafür sind durchschaubar: Würde die Angeklagte selbst offen antworten und in einen Dialog treten, dann hätte sie sich wohl in ganz kurzer Zeit um Kopf und Kragen geredet. Sie würde sich rasch in Widersprüche verwickeln, würde von Dingen erzählen, über die sie besser schweigen sollte.

Wenn noch die Aussage des Mitangeklagten Ralf Wohlleben hinzukommt, könnte dies den Prozess um einige Monate verlängern. Aber es ist die Pflicht eines Gerichts, Beweismitteln nachzugehen. Dazu zählen auch weitere Zeugenaussagen und -befragungen.

Zu erkennen ist aber bereits, dass die Zschäpe-Einlassung und wohl auch schriftliche Antworten auf Richterfragen - Fragen der Nebenkläger und der Bundesanwälte sollen bezeichnenderweise nicht beantwortet werden - nicht viel nutzen. Zschäpe hält sich weiterhin an das in der Neonazi-Szene geltende "Gesetz des Schweigens", sie hat keine anderen Gesinnungsgenossen belastet oder verraten.

Der Beginn des NSU-Verfahrens mit dem Ärger um die Vergabe der Presseplätze war holprig. Für den weiteren Gang befürchtete man Schlimmes. Doch es ist nicht so gekommen, Richter Götzl hält alles in der Hand und gut zusammen. Anfangs mutete das fast wie ein Ding der Unmöglichkeit an. Denn die Aufstellung und die verschiedensten Beziehungen im Gerichtssaal sind, gelinde gesagt, kompliziert: Es gibt die fünf Angeklagten mit ihren Verteidigern, die völlig unterschiedliche Interessen haben. Manche Anwälte stammen selbst aus der rechtsradikalen Szene, andere nicht. Ihnen gegenüber sitzen die Staatsanwälte, die alles akribisch verfolgen. Und die Opfer und deren Angehörige haben 70 Rechtsvertreter - jeder darf reden, Anträge stellen, das Verfahren beeinflussen. Angesichts dessen ist Götzl in zweieinhalb Jahren und nach 249 Verhandlungstagen schon recht weit gekommen.

Das Verfahren war mit hohen, zu hohen Erwartungen überfrachtet worden. Warum die Ermittler dem NSU viele Jahre nicht auf die Spur kamen, bleibt offen. Ebenso die Frage, wie sehr V-Leute des Verfassungsschutzes die Nazi-Szene erst gepäppelt haben. Und: Wer alles hat den NSU unterstützt? Wo sind die vielen Helfer, die es gegeben haben muss? Das wären wünschenswerte Erkenntnisse gewesen. Das Gericht allerdings hat vor allem die Aufgabe, die individuelle Schuld jedes einzelnen Angeklagten zu ermitteln und darüber zu urteilen.

Verfahren war mit hohen Erwartungen überfrachtet

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

11.12.2015, 08:30 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular