Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Werk ohne Autor

Werk ohne Autor

Einem jungen Künstler gelingt die Flucht aus der DDR. Doch sein neues Leben ist vom Trauma aus Nazi- und SED-Zeit geprägt.

Werk ohne Autor
Videoplayer konnte nicht geladen werden.

Deutschland 2018

Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Mit: Tom Schilling, Paula Beer, Sebastian Koch

189 Min. - ab 12 Jahren

Tagblatt-Wertung

Leser-Wertung

rating rating rating rating rating
Film bewerten
rating rating rating rating rating
02.10.2018

Von Peter Ertle

Ambitionierte drei Stunden lang ist dieser Film. Und manchmal kriegt er einen – man ist ergriffen. Die Konstellation eines Künstlers, dessen geliebte Tante im Euthanasieprogramm der Nazis ermordet wurde, während seine spätere Frau die Tochter eines Nazi-Euthanasiearztes war – was im Werk dieses Künstlers auch eine Rolle spielt, und zwar noch bevor er diesen Zusammenhang kannte – schreit auch nach einer Verfilmung. Die Kunst als intuitiv-existentielles Wahrheitssensorium vor dem Hintergrund von NS-Diktatur, DDR und BRD: Florian von Donnersmarck („Das Leben der Anderen“) folgt dem Motiv bereitwillig.

Alles, was wahr ist

Ist „Werk ohne Autor“ – unter anderem mit Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Ben Becker, Jörg Schüttauf – also der ganz große deutsche Film? Es ist vor allem ein Film, der zwei entscheidende Fehler hat. Der erste liegt in einer Bedenkenlosigkeit und mutwillig-frohen Vereindeutigung. Daraus kann Kitsch werden. Oder großes, populäres Kino. Florian von Donnersmarck liegt oft nur knapp dazwischen. Wenn in einer schnell geschnittenen Collage Wehrmachtssoldaten im russischen Schnee erschossen werden, Kampfverbände Dresden bombardieren und Tante Elisabeth in die Gaskammer geschickt wird: Zeigt das prismatisch-genial, was Krieg ist? Oder ist es der Mix aus unempfindlicher Empfindsamkeit à la Hollywood und einer alles ausbuchstabierenden Volkshochschulpädagogik?

„Alles, was wahr ist, ist schön“, ein Satz des Künstlers Kurt Barnert wird zum Credo des Films. Der Regisseur traut ihm wohl selbst nicht, sagt er doch über seinen Film: „Ich wollte ein eigenständiges Kunstwerk schaffen, und das musste interessanter und spannender sein als die Wahrheit.“ Er hat ja recht. Es ist nicht alles schön, was wahr ist. Die Bombardierung Dresdens war nicht schön, auch wenn die Flieger im Film schön leuchten. Die Gaskammern waren nicht schön. Im Film sind es Hochglanzbilder.

Ja, Tante Elisabeth und Barnerts Frau sind schön, beziehungsweise die Schauspielerinnen, deshalb darf die Tante nackt Klavier spielen und Barnerts Frau nackt die Treppe herabsteigen. Schließlich gibt es ja dieses bekannte Bild von Gerhard Richter. Falls der Satz „Alles, was wahr ist, ist schön“ auf ihn zurückgehen sollte, dann sicher in einem ästhetisch differenzierteren Sinn.

Genau – der zweite, handwerklich grobe Schnitzer: Der Regisseur hätte sich entscheiden müssen, entweder einen Film über Gerhard Richter zu machen, der sich dann daran messen lassen muss. Oder einen Film, in der eine Richter-ähnliche Figur vorkommt – und damit alle Freiheiten zu haben. Leider wählt er genau den Mittelweg: Es ist zu sehr, zu vielen Details nach, zu wiedererkennbar Gerhard Richter. Der Filmemacher dementiert das aber, weicht auch ab – und missbraucht den Künstler so für das, was er erzählen möchte.

Werk mit Autor

Die autobiographischen Zusammenhänge seiner Kunst hat Richter längst erzählt, der Kunstgeschichte sind sie bekannt, aber der zurückhaltende Künstler hat sie nie zum alles entscheidenden Schlüssel gemacht. Sein Werk kulminiert auch keineswegs wie im Film, in den berühmten Unschärfe-Bildern, deren Foto-Grundlage teils Richters Familiengeschichte entstammt. Von Donnersmarcks Vorgehen wäre schon bei einem toten Künstler fragwürdig. Wie erst bei einem Lebenden.

Und er deutet ja gleich die gesamte moderne Kunst mit. In einer Schlüsselszene bittet Barnerts Tante nach einem Besuch der Ausstellung „Entartete Kunst“, Busfahrer im Busbahnhof um ein Hupkonzert. Während gehupt wird, fährt die Kamera in Rundfahrt um die ekstatisch ihre Arme ausbreitende Protagonistin. Michael Ballhaus hat solche Kamerafahrten in Fassbinderfilmen berühmt gemacht, von Donnersmack glaubt, bedenkenlos das formale Ausrufezeichen inhaltlich einlösen zu können.

Und, kann er? Das wäre es, was die modernen Künstler ausdrücken wollen, sagt Elisabeth anschließend. Wirklich? Hupende Busse? Auch im allegorischen Kernbild ist „Werk ohne Autor“ verunglückt. Aber die Botschaft, dass ein Künstler nicht von seinem Leben absehen kann und auch dort hinmuss, wo es wehtut, wir hören sie alle gern. Und drei Stunden pralles Kino ohne Langeweile – ist auch was.

Zu sehr an Gerhard Richter angelehnt, obwohl es um ihn angeblich nicht geht. Großes Kino mit Schwächen.

Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck und Darsteller Sebastian Koch werden am 18.10. um 19 Uhr im Tübinger Kino Museum anwesend sein.

Zum Artikel

Erstellt:
2. Oktober 2018, 01:41 Uhr
Aktualisiert:
2. Oktober 2018, 01:41 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Oktober 2018, 01:41 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen?
Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+      Google+