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Das melancholische Mädchen

Das melancholische Mädchen

Ein Mädchen sucht in der Großstadt ihren Platz zwischen Yoga-Studios, Kunstgalerien und den Betten fremder Männer.

Das melancholische Mädchen
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Deutschland 2019

Regie: Susanne Heinrich
Mit: Marie Rathscheck, Nicolai Borger, Yann Grouhel

80 Min. - ab 12 Jahren

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17.07.2019

Von Madeleine Wegner

Sie hält die Zigarette in der Hand wie ein schlagkräftiges Argument. Dann sagt sie, die Zigarette erhoben wie ein Zeigefinger: „Im Film muss immer etwas passieren. Melancholischen Mädchen passiert nichts. Sie laufen herum, sie reden, sie haben Sex. Aber das Eigentliche, die Katastrophe ist immer schon passiert. Und jetzt existiert nur noch ein Zustand. Es gibt keine Höhepunkte, keine Entwicklung, keine Katharsis.“

Damit drosselt das namenlose melancholische Großstadt-Mädchen die Erwartung an die kommenden 80 Minuten. Man könne nichts lernen von solchen Mädchen, sagt sie, „außer über die

Zeit und den Ort, die sich in ihnen spiegeln“.

Es folgen 15 Tableaus, die sich in pastellfarbenen, so minimalistisch wie künstlich wirkenden Kulissen abspielen und Titel tragen wie „Feminismus zu verkaufen“, „Die Sehnsucht nach Religion an entzauberten Orten“ oder „Die Gewalt der Liebesmärchen“. Das melancholische Mädchen hält ihr Versprechen: In den Szenen spiegeln sich Ort und Zeit – die Großstadt im kapitalistischen, selbstoptimierenden Hipster-Jetzt. Da wippen Mütter im Baby-Yoga auf rosaroten Hüpfbällen, da stehen Menschen dekorativ vor Kunstwerken herum und am Ende der Partynacht verliert sich die Gruppe im kollektiven Rausch.

Dennoch ist „Das melancholische Mädchen“ mehr als eine Aneinanderreihung zynisch betrachteter Großstadt-Episoden. Das namenlose Mädchen (Marie Rathscheck) hat was zu sagen, viel zu sagen, in ihrem seltsam enthobenen Tonfall, der die Worte ebenso sanft wie skrupellos erklingen lässt. Das Mädchen ist auf der Suche und landet in der Badewanne mit einem coolen Typen, im Bett eines noch cooleren Musikers oder am Küchentisch eines nackten, wohlgenährten Arbeiters.

Susanne Heinrich war mit ihrem Debütfilm auf diversen Festivals erfolgreich und erhielt unter anderem den Max Ophüls Preis. Vorbilder habe es für ihren Film nicht gegeben, sagte sie im Interview: „Deswegen musste ich ihn machen.“

Heinrich übt mit ihrem Film eine feministische Kapitalismuskritik, wie sie selbst sagt. Sie arbeitet genüsslich mit Verweisen: von den verschiedenen Frisuren großer Hollywood-Diven bis hin zum Karikieren des „männlichen Blicks“, wenn sich die Männer selbst in weiblich wirkenden Posen räkeln. Dabei ist das Mädchen ein Archetyp, eine aktuelle Stellvertreterin. Heinrich weist mit ihrem Episodenfilm der persönlichen lähmenden Traurigkeit eine politische Dimension zu und stellt diese etwa in den Kontext neoliberaler Arbeits- und Geschlechterverhältnisse. Eine erfrischende und bisweilen humorvolle Kritik pathologischer Strukturen.

Erfrischend irritierend. Weit entfernt vom klassischen Erzählkino schmettert es in rosaroten Tönen knallharte Kritik.

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Erstellt:
17. Juli 2019, 11:20 Uhr
Aktualisiert:
17. Juli 2019, 11:20 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2019, 11:20 Uhr

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