Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Den Trainer auszahlen wollen

Zehn Minuten für Hertha BSC: Michael Wohlfahrt

Er war eine Rakete auf Linksaußen mit einem enorm harten Schuss: Michael Wohlfahrt wurde beim SV 03 Tübingen zum Jugendnationalspieler ehe er zum Bundesligisten Hertha BSC Berlin ging. Im TAGBLATT erinnert er sich an Trainer Dettmar Cramer, dessen Rücktritt und ein Geheimtreffen im Hotelzimmer.

17.11.2012

Von Michael Sturm

Beim TSV Hirschau, im Ort wo ich aufgewachsen bin, habe ich bis zur B-Jugend gespielt, bin dann im zweiten Jahr B-Jugend zum SV 03 Tübingen gewechselt. Wir haben damals eine recht erfolgreiche A-Jugend gehabt, sind in die Verbandsliga aufgestiegen, wurden dort Meister vor dem SSV Ulm. Eine Zeitlang hat man gesagt, wir heißen SV 0:11, weil wir leider Gottes gegen den VfB Stuttgart damals 0:11 im Endspiel um die württembergische Meisterschaft verloren haben. Aber wir haben damals viele Verletzte gehabt. Es war auch schwierig, weil beim VfB der Hansi Müller und die alle gespielt haben. In dieser Zeit bin ich zum Jugend-Nationalspieler geworden. Ich war damals bei einem Lehrgang. Da hat der Verbandstrainer Harry Hemmo gesagt: „So gut wie der Linksaußen vom VfB, der Tochtermann, bist du auch! Soll ich dich zur Nationalmannschaft melden?“ Da habe ich nichts dagegen gehabt.

Ja gut, dann habe ich innerhalb kurzer Zeit eine Einladung vom DFB bekommen und in Saarbrücken ein Freundschaftsspiel gegen einen Zweitligisten bestritten. Das war ganz gut. Da ist der Dettmar Cramer, der damals bei Hertha BSC zugesagt hatte, schon vor der Tür gestanden und hat zu mir gesagt: „Auch wenn du den Sprung nicht schaffst in die Jugend-Nationalmannschaft, ich will, dass du nach Berlin kommst!“

Der Dettmar Cramer war damals Fifa- und Weltauswahl-Trainer und hat dann in der Bundesliga bei Hertha BSC 1974/75 angefangen. Das war ein ganz toller Mensch! Er wollte die Mannschaft ganz neu aufbauen, weil Hertha ja wenige Jahre vorher in dem Skandal mit drin war, wo doch diese Spiele verschoben worden sind. Da haben sie die Sache ganz neu anfangen wollen. Und er hat mich nach Berlin geholt. Das war keine einfache Entscheidung, weil ich der einzige Spieler aus einer Amateurmannschaft war, alle anderen aus der Jugendnationalelf sind schon bei Bundesligamannschaften gewesen. Ich hatte aus der halben Bundesliga Angebote: VfB Stuttgart, Bayern München, Borussia Mönchengladbach. Ich war beim Weisweiler damals, mit Netzer und Berti Vogts, beim Probetraining. War natürlich eine tolle Sache! Letztendlich hat es sich dann für Berlin entschieden, weil ich dadurch nicht zur Bundeswehr musste.

Dettmar Cramer war ein toller Trainer, zu ihm hatte ich gleich ein tolles Verhältnis. Wir waren in der Vorbereitung in Herzogenaurach, aber nach vier Wochen hat er ja schon wieder den Löffel geschmissen und aufgehört, noch bevor die Saison angefangen hat. Das war damals ganz arg traurig für die ganze Mannschaft. Er hat sich mit dem Vorstand nicht verstanden. Das habe ich noch nie erlebt: Wir haben uns – die ganze Mannschaft – einmal nachts um zwölf in einem Hotelzimmer getroffen und gesagt: Den Trainer, den sie neu verpflichtet haben, den Georg Kessler, den wollen wir auszahlen! Jeder hätte auf einen Teil seines Gehalts verzichtet. Wir wollten den Dettmar Cramer wieder.

In dem ersten Jahr habe ich kein Spiel gemacht, mit 18. Da sind wir deutscher Vizemeister geworden, gleich auf Anhieb. Wir hatten gute Spieler: Der Erich Beer war ja Nationalspieler, der Uwe Kliemann, der Hanne Weiner, der dann bei Bayern München gespielt hat. Lorenz Horr war dabei und „Luffe“ Wolter, der ja auch Nationaltorwart war. Eine tolle Mannschaft, ein tolles Verhältnis innerhalb: Wenn man immer sagt, im Profifußball ist die Kameradschaft nicht so wichtig – bei uns war das eine tolle Sache! Wir hatten damals auch nur einen Kader von 18 Leuten. Nicht so wie heute, wo sie manchmal 30 oder so haben.

Als ich dann im zweiten Jahr auf dem Sprung war, habe ich das erste Spiel gemacht gegen Kickers Offenbach, zwei Uefa-Cup-Spiele gegen Helsinki. Da habe ich gehofft, ich schaff? das und komm? in die Mannschaft rein. Aber dann hatte ich gesundheitlich… Migräne. Man hat damals nicht genau gewusst, was das ist, hat die ganzen Untersuchungen gemacht. Dann hat?s geheißen: Der kann keinen Hochleistungsport mehr betreiben. Es hat dann sogar noch einen Vergleich gegeben, weil ich einen Drei-Jahres-Vertrag hatte. Aber der wurde dann aufgelöst. Das war nach anderthalb Jahren, im Januar, Februar herum.

Ich hatte dann gleich wieder Angebote aus der zweiten Liga. Aber meine Eltern haben zum Glück darauf gepocht, mein Sportstudium in Berlin zu Ende zu machen. Ich habe dann in der Berliner Oberliga beim BFC Preußen Berlin gespielt. Wir sind im ersten Jahr Berliner Meister geworden, wären auch in die zweite Liga aufgestiegen. Aber damals war es ja so: Du hast zu jedem Spiel fliegen müssen, wenn du aus Berlin raus wolltest. Berlin hatte schon drei Profi-Mannschaften, mit Hertha, mit Tennis Borussia und mit Wacker 04. Da hat der Senat gesagt: Das können wir uns nicht leisten, dass noch eine vierte Mannnschaft im Profifußball spielt. Deswegen haben wir damals verzichten müssen. Da habe ich noch zwei Jahre gespielt und mein Studium fertig gemacht. Und dann ist in Württemberg die Oberliga eingeführt worden. Ich hab? dann gesagt: Die, wo mir eine Lehrerstelle besorgen können, zu denen geh? ich! Es wurde Friedrichshafen, da bin ich in einer Privatschule als Sportlehrer untergekommen. Seit 1978 sind wir hier.

Mein Sohn Steffen hat rund 50 Spiele in der zweiten Liga gemacht. Aber ich hab? immerhin zehn Minuten in der ersten Liga gespielt, er ist halt nur so ein halblebiger Zweitligaspieler. Der Flachs kommt immer wieder auf, weil er gesagt hat, er schafft die zehn Minuten in der Bundesliga. Aber er hat dafür ein ganzes Spiel mit Ingolstadt im Berliner Olympiastadion gemacht. Das hab? ich nicht hingebracht, das Spiel gegen Offenbach war auswärts. Er hat noch angerufen: „Papa, ich zahl dir den Flug, ich will, dass du da dabei bist!“ Jetzt ist er 29, die Sache ist wohl geschwätzt. Den Triumph hab? ich noch in der Familie.

Michael Wohlfahrt (oben) machte ein Spiel bei Hertha BSC. Hier dehnt er den rechten Verteidiger Michael Sziedat.

Trainiert derzeit den Landesligisten TSV Berg: der 56-jährige (Karl-) Michael Wohlfahrt.

50 Jahre alt ist die oft als des Deutschen liebstes Kind bezeichnete Fußball-Bundesliga dieses Jahr. In dieser Serie stellt das TAGBLATT in unregelmäßiger Reihenfolge Menschen aus der Region vor, die in Deutschlands höchster Liga mal gespielt haben – oder noch kicken. Egal, ob sie ein paar Sekunden nur eingewechselt wurden oder Stammspieler waren. Sie erzählen, wie sie die Bundesliga erlebt haben, das Umfeld, die Stadien, das Profileben.

Zum Artikel

Erstellt:
17. November 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. November 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. November 2012, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen?
Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Schwitzkasten
Schwitzkasten

Ob die weltweit wohl meistgesehene Tipp-Runde für die Fußball-Landesliga oder die beliebte "Elf der Woche" - für solche Formate gibt es den "Schwitzkasten" der TAGBLATT-Sportredaktion.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+      Google+