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Schlechte Stimmung

Fußball: Reutlinger Fans kritisieren Sicherheitskonzept

In Deutschland protestieren Fußballfans mit der Aktion „12:12“ gegen das morgen zu verabschiedende Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und des Deutschen Fußballbunds (DFB). Auch die Ultras des SSV Reutlingen von der „Szene E“ kritisieren das Papier heftig. Und sprechen von einem „völlig schrägen Bild“ des Fußballs.

11.12.2012

Von Tobias Zug

Wenn sie bei Auswärtsfahrten aus ihrem Bus steigen, stehen meist schon eine oder mehrere Polizeieinheiten bereit, die sie erwarten. Sogenannte szenekundige Kripo-Beamte begleiten und beobachten sie auf Schritt und Tritt. Ob in Bonlanden oder in Mannheim. Sie, das sind etwa 70 meist jugendliche Menschen aus Reutlingen und Umgebung, die der „Szene E“ angehören. Ihre Szene sind die Fußballplätze der Oberliga. Denn sie sind Fans, sogenannte Ultras, des dort spielenden SSV Reutlingen, bei dessen Fußballspielen sie jedes Wochenende auf den Tribünen oder Stehtraversen stehen, singen, johlen, Fahnen schwenken.

Und auch sonst mal „Hocketsen“ für ihren SSV organisieren, Spendenaktionen für den stets klammen Verein starten. „Die sind echt vorbildlich“, sagt Andreas Rill, „wenn wir die nicht hätten, würde Reutlingen viel fehlen.“ Der 33-Jährige spielt seit der F-Jugend fast ununterbrochen beim SSV. Doch die „positiv verrückten“ (Rill) Reutlinger Ultras sind sauer. Nicht auf ihren Verein. Nicht auf die Spieler. Sie sind wütend auf die DFL und den DFB, die morgen, am 12. Dezember, über das auf Druck der Innenminister erarbeitete 37-seitige umstrittene Sicherheitskonzept entscheiden.

In einem Nebenzimmer ihres „Szene E“-Klubraums auf einem Reutlinger Fabrikgelände sitzen die Reutlinger Fabian Maier (29 Jahre alt), Thomas Riehle (22) und der Oberndorfer Severin Kittel (25). Ein Kickertisch in den SSV-Vereinsfarben Schwarz-Rot-Weiß steht da, ein Kupferstich der Stadt Reutlingen ziert eine Wandseite, Fahnen und Bilder die andere. Fabian Maier ist Sprecher der „Szene E“. Die Jungs suchen jetzt das, was die meisten Ultras so mögen wie der Stürmer das Abseits: die Medien, die Presse. „Viele haben schlechte Erfahrungen mit den Medien gemacht“, erläutert Maier, „die wenigsten Pressevertreter machen sich auch die Mühe, an die Leute heranzutreten, die es wissen müssen, sondern schreiben einfach über die. Und deshalb entsteht so eine jetzige Situation, wie wir sie jetzt haben!“ Dass ARD-Talkmoderatorin Sandra Maischberger die Ultras indirekt als „Taliban der Fans“ bezeichnet, Comedian Oliver Pocher neue Sanktionsmöglichkeiten in den Stadien fordert, Polizei-Gewerkschaftsvorsitzender (DPolG) Rainer Wendt (Maier: „Ein Populist vor dem Herrn!“) von zunehmender Gewalt in und um den Stadien spricht – und Maßnahmen fordert wie die auch im Sicherheitskonzept stehenden sogenannten „Nacktzelte“, in denen sich gezielt Fans zur Untersuchung vollständig entkleiden müssen. Auch sieht das Konzept vor, manche Fans in „Sippenhaft“ nehmen zu dürfen bei einem Fehlverhalten anderer.

Sorge um Zustände

wie in England

Weil der Württembergische Fußballverband (WFV) sich in Sicherheitsfragen an den Richtlinien des DFB orientiert, fürchten die Reutlinger Ultras, dass diese Konzepte auch bei ihnen greifen werden. „Wir würden wohl Zustände wie in England bekommen“, sagt Fabian Maier, „die Karte kostet 60 bis 70 Euro im Schnitt, du darfst nicht schreien, nicht rauchen, kein Bier trinken. Wenn du ,Arschloch? schreist, kannst aus dem Stadion fliegen. Du hast keine organisierte Stimmung mehr.“ Auch fehlt ihnen der Grund, warum überhaupt ein solches Konzept erstellt wurde – und zudem viele der Bundesligavereine nicht mal die Fans dazu befragten. „Wir fühlen uns absolut sicher im Stadion“, sagt Maier, „in Deutschland gibt es keinen Grund, sich unsicher zu fühlen. Zumindest ist es nicht gefährlicher als abends über den vollen Weihnachtsmarkt zu laufen, in die Disko oder Kneipe zu gehen. Wo eine große Menschenmenge ist, kann immer was passieren! Aber verbietet man das Oktoberfest, wo es viel mehr Gewalttaten gibt?“ Maier: „Es wird ein völlig schräges Bild gemalt vom Fußball, dass es gefährlich sei, in ein Stadion zu gehen. Und das ist de facto nicht so!“

Selbst die Statistik der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) des Landesamtes für Zentrale Polizeiliche Dienste in Duisburg für die Saison 2011/12 widerspricht dieser These nicht unbedingt: Diese berichtet zwar von 1142 mehr Verletzten als in der Vorsaison – doch darin sind die Verursacher jener Verletzten nicht genannt. Auch ein Wespenstich könnte demnach dazu zählen. Bei 1,3 Millionen mehr Besuchern relativiert sich diese Zahl auch: Der Anteil der Verletzten beträgt demnach 0,0051 Prozent – die Gefahr im Straßenverkehr ist deutlich größer.

Nun wird in Fußballstadien auch kein Klosterleben zelebriert. Und die „Szene E“-Fans sind nicht alle angehende Friedensnobelpreisträger. Das verhehlen Maier, Kittel und Riehle auch nicht. Vor allem zur „Szene E“-Gründungszeit 2005 gab?s gewalttätige Mitglieder, die den Fanklub spalteten, von denen er sich mittlerweile abgewendet hat. Ein „Szene E“-Mitglied hat ein dreijähriges Stadionverbot bekommen, nachdem er in einem undurchsichtigen Tumult von einem Polizisten Pfefferspray ins Gesicht gesprüht bekommen und diesen dann angegangen hatte. Er sagt heute, er bereue die Tat. Aber ebenso sind sie keine wild umherziehenden Krawallbrüder. „Wenn sie respektvoll behandelt wurden, hat es nie irgendwelche Vorfälle geben“, sagt SSV-Kicker Andreas Rill. Und Fabian Maier fragt: „Ein 16-Jähriger, der Bock auf Gewalt hat – glauben Sie, der fährt mit uns nach Bonlanden oder Balingen?“ Wenn ja: Die Sicherheitsbeamten schauen bei ihnen genau hin. Bald vielleicht noch genauer.

Singen und klatschen jedes Wochenende für den SSV Reutlingen: die Ultras der „Szene E“. Archivbild: Ulmer

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) will morgen 16 Anträge verabschieden, mit denen die Sicherheitsvorschriften in den Stadien einheitlich geregelt werden sollen. Aus Protest, auch weil viele bei dem Konzept nicht mitsprechen durften, schwiegen zuletzt in fast allen Bundesligastadien die Fans zwölf Minuten und zwölf Sekunden oder sind erst gar nicht in ihren Blöcken erschienen. Auch die Reutlinger „Szene E“ unterstützt diese Aktionen. Zwei ihrer Mitglieder, Thomas Riehle und Severin Kittel, waren bei einem der bundesweiten Treffen von Fanprojekten, Fanbeauftragen und Ultras in Berlin, um über das Sicherheitskonzept, das sie alle ablehnen, zu diskutieren.

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Erstellt:
11. Dezember 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Dezember 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2012, 12:00 Uhr

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