Stuttgarter Ballett

Zwei tragische Gefangene

Von WILHELM TRIEBOLD

Die Cranko-Feierlichkeiten gehen weiter: Mit Marcia Haydée und einem fabelhaften „Onegin“

Zwei tragische Gefangene

Elegant: Alicia Amatriain und Friedemann Vogel in „Onegin“. Foto: Stuttgarter Ballett

Stuttgart. Von Balanchine stammt das mürrische Verdikt: „Wie kann man Onegin tanzen und dafür nicht ins Gefängnis kommen?“ Die Stuttgarter Staatstheater stehen derzeit ganz im Zeichen eines vorübergehend Inhaftierten und nun unter strengen Hausarrest Gestellten. Die „Free-Kirill“-Solidarität mit dem Moskauer Gastregisseur Kirill Serebrennikov beherrscht das Opernhausfoyer, auch an diesem festlichen, triumphalen Ballettabend, der zwei tragische Gefangene ihrer selbst und der russischen Seele wieder auferstehen lässt: das verhinderte Liebespaar aus Puschkins „Onegin“.

Das ist John Crankos psychologisch zwingendstes, überzeugendstes Handlungsballett – trotz „Romeo und Julia“, seinem zweifellos erfolgreichsten Coup. Doch auch „Onegin“ wurde mit dieser Jubiläumsvorstellung, exakt 50 Jahre nach der bis heute gültigen Neufassung, bereits 621 Mal gegeben. Über zwei Jahrzehnte war dabei Marcia Haydée, Crankos Primaballerina assoluta, eine wunderbar barmende Tatjana, vom Titelhelden kaltherzig zurückgestoßen, um zu edlem Verzicht als Ehrensache zu gelangen.

Marcia Haydée ist auch diesmal, zumindest für einige Vorstellungen, wieder dabei. Und zwar mit dem Rollendebüt im zarten Alter von 80 Jahren. Als Tatjanas Amme waltet sie gütig-streng ihres Amtes, mit prononcierten Gesten und vielsagendem Mienenspiel. Als Ballettchefin in Santiago de Chile hat Haydée jetzt gerade weitere sechs Jahre angehängt. Und aus der designierten Leitung des Berliner Staatsballetts soll man sie, heißt es, auch umgarnen.

In Stuttgart feierte Haydée, die Unverwüstliche, jetzt erst einmal ein freudiges Wiedersehen mit dem ihr zu Füßen liegenden (oder besser: stehende Ovationen darbringenden) Stammpublikum. An der Seite von Alterskamerad und Ausstatter Jürgen Rose steht sie gerührt im Schlussapplaus. Und fast scheint dabei unterzugehen, dass man zuvor eine exquisit getanzte Wiederaufnahme in der aktuellen Besetzung gesehen hat. Mit einer würdigen Nachfolgerin Alicia Amatriain, und mit Friedemann Vogel als dem wohl elegantesten, elegischsten Onegin aller Zeiten.

Eine Frage der Ehre

Vogel leuchtet die sinisteren Seiten dieses ungeselligen Charakters aus. Ein Nachtschwarmgeist und Schattengewächs ist er, destruktiv-verdüstert wie jener blasse Twilight-Vampir kurz vorm Morgengrauen. Er tanzt das hinreißend, federnd und fordernd. Und scheinbar anstrengungslos.

Alicia Amitriains gefühlige Tatjana schöpft dagegen aus all den Entehrungen und Entbehrungen neue Kraft und Stärke. Man wird Zeuge eines Reifeprozesses, der in Crankos kluger Chorografie eben auch eine Frage der Ehre ist. Großartig aber auch die weiteren Solisten und das Corps de ballet. Und aus dem Staatsorchestergraben schallt es unter James Tuggles Stabführung tschaikowskymäßig tragisch und dramatisch herauf.

Am Ende: einige Kniefälle der heutigen Tatjana, gerade auch vor der verehrten Vorgängerin, die fröhlich ins Parkett winkt. Und von dort grenzenloser Jubel.

Wilhelm Triebold


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30.10.2017 - 06:00 Uhr