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Zurück in die Zukunft
Der pittoreske Bau des Gasthauses Schwanen steht sinnbildlich für die Politik in Nehren, alternative Wege der Ortsentwicklung zu suchen. Bürger helfen, den Altbau wieder flott zu machen und über eine Genossenschaft zu verwalten. Für Bürgermeister Egon Betz (Bildmitte) ist der Schwanen auch ein „Infrastruktur-Element“.Bild: Freese
Nehren

Zurück in die Zukunft

Mehr Fachwerk, weniger Verkehr: Das ist die Vision für Nehrens Ortskern von Bürgermeister Egon Betz. Das Dorf soll dorfiger werden – im besten Sinne. Dafür werden auch ungewöhnliche Lösungen probiert.

15.08.2017
  • Eike Freese

Ob all diese Pläne für Nehren wirklich irgendwann aufgehen, weiß Egon Betz nicht, sagt er, und ergänzt geradeheraus: „Ich bin kein Hellseher.“ Doch bei aller Bescheidenheit zeigt sich Betz, seit sechs Jahren im Amt, tief davon überzeugt, dass das Ganze ein Konzept aus einem Guss und eine Strategie ganz eigener Art darstellt: Das Dorf will man hier mit beachtlichem Aufwand bewusst noch dorfiger machen. Und gerade damit fit für die Zukunft.

Dabei folgen die Entscheidungsträger im Gemeinderat im Grunde nur der guten alten Strategie, zu schauen, wo denn das eigentliche Kapital ihres Fleckens liegt. Anders als andere Gemeinden der Region nämlich ist Nehren im Ortskern von Bausünden vergleichsweise verschont geblieben und hat zeitgleich einen großen Teil alter Häuser erhalten können. Inzwischen ist der Zeitgeist soweit fortgeschritten, dass so etwas nicht mehr als rückständig gilt, sondern als schön. Das Verwaltungs-Wort dafür (das indes nie ein Nairemer oder Tourist in den Mund nehmen würde) lautet „Aufenthaltsqualität“. Davon will Nehren mehr – und nimmt dafür richtig Geld in die Hand. Ob sich das auszahlt, könnte sich schon in den kommenden Jahren zeigen, denn Zählbares soll durchaus herauskommen: in den Kassen der örtlichen Einzelhändler etwa.

Es beginnt damit, dass sich Nehren möglichst bald das loswerden will, worauf jahrzehntelang noch jeder Laden-Besitzer in Deutschland seine Oma verwettet hätte: den Durchgangsverkehr. Denn obwohl das Örtchen vom komfortablen B27-Zubringer und der Reutlinger Straße Richtung Mössingen umfahren wird, heizen noch immer zahlreiche Abkürzungs-Fetischisten mitten durchs Dorf. „Der Verkehr hier ist wie Wasser im Wein unseres Ortsbilds“, formulierte das Egon Betz jüngst, als er Nehrenern die aktuellen Bau-Projekte zeigte.

Das Problem: Der zuständige Landkreis sah für eine Verkehrsberuhigung weder die Kriterien Lärm, Emission noch Unfallgefahr über Gebühr erhöht – und deshalb nahm die Gemeinde den Straßenzug einfach in ihre eigene Obhut. „Eigentlich ist Nehren ein wunderschöner Flecken“, sagte Egon Betz, „und dieses ‚eigentlich’ können wir auch bald streichen“ – wenn die Ortsdurchfahrt nämlich rechtlich, baulich und gestalterisch jedem Raser den Spaß vermiese. Ein ähnliches Konzept verfolgt in den kommenden Jahren auch Mössingen: Dort ist es gar eine Tempo-20-Zone, in der Autos durch die in den kommenden Jahren neu zu gestaltende Stadtmitte fahren.

Nun ist es nicht so, dass Verkehrsberuhigung in den Lehrbüchern der Dorfentwicklung als alternativloses Patentrezept gepriesen wird. Stattdessen kommen solche Ideen in Nehren oft tief aus den Reihen Bürgerschaft, vermittelt oft durch den Gemeinderat. Genau wie die Sache mit dem Schwanen, jenem denkmalgeschützten Dorf-Gasthaus, das schonmal als hoffnungsloser Fall gewertet wurde, nun von der Gemeinde saniert wird und künftig von einer Genossenschaft getragen werden soll. Die einstige Bröckelbude glänzt inzwischen wie neu, hat feudale Gastro- und Hotellerie-Erweiterungen bekommen, wird in knapp zwei Monaten eröffnet – und soll einen großen Beitrag zum neuen Dorfgefühl in Nehren leisten. „Wenn wir allein die Nehrener zusammenzählen, die beim Projekt mit angepackt oder Anteile gezeichnet haben, hat der Schwanen einen guten Start sicher“, sagt Betz über das Gasthaus, das er gerne als „Infrastrukturelement“ bezeichnet.

Auch abseits der geretteten Dorfschenke wird daran gefeilt, das schmucke Profil zu schärfen. Mitglied in der „Deutschen Fachwerkstraße“ ist der Ort sowieso. Nehren wird denkmaltechnisch als „rechtskräftige Gesamtanlange“ geführt, was sich in Baden-Württemberg nur knapp 90 Gemeinden ans Revers heften können. 40 Kulturdenkmale und 47 „erhaltenswerte Gebäude und Strukturen“ zählte kürzlich das Landesamt für Denkmalpflege. Rathaus und Rathausplatz sind kürzlich erneuert worden, andere Altbauten wurden von privat saniert. Und erst vor einem Monat beschloss der Gemeinderat, das Vorkaufsrecht für ein altes Haus an Nehrens zentraler Kreuzung auszuüben – um mehr Kontrolle über die Ortsentwicklung zu haben.

Dem puren Kräftespiel des Marktes will man von Seiten der Dorfgemeinschaft also zumindest ein wenig unter die Ärmchen greifen. Auch, weil das in manchem Fall das Betreiber-Risiko anders gestaltet – in Nehren zumindest. Beim Schwanen etwa, sagt Egon Betz, hätte er einem von außen kommenden Pächter „wohl nicht zugestimmt“: zu groß die Gefahr, dass dort entweder eine Pleite oder ein völlig von den Zielen der Dorfgemeinschaft losgelöster Satellit entsteht.

Diese Dinge funktionieren in Nehren unter anderem, weil die Größe des Orts eine unmittelbare Tuchfühlung von Verwaltung und Dorfgemeinschaft zulässt – und es gewachsene Strukturen gibt, die sich ums Wohl der Gemeinde sorgen. Das Interesse am Ort ist groß, die Zahl der Engagierten hoch. Sie funktionieren aber auch, räumt Egon Betz ein, weil derzeit die Kasse stimmt. „Die Krise war, bevor ich kam“, sagt Betz, der seit 2011 Bürgermeister ist: „Aber für alle Gelegenheiten gibt es ein Zeitfenster, das sich irgendwann schließt. In den letzten Jahren kam es bei vielen Projekten vor allem darauf an: die Gunst der Stunde zu nutzen.“

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15.08.2017, 01:00 Uhr
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