Kriminalität

Zugriff in Ofterdingen:Der Mann mit dem Hund

Von Von unseren Redaktionen

Der mutmaßliche Supermarkt-Erpresser vom Bodensee legte ein Geständnis ab und sitzt in Untersuchungshaft. Nachbarn beschreiben ihn als Einzelgänger.

Zugriff in Ofterdingen:
Der Mann mit dem Hund

In diesem Haus in Ofterdingen wohnte der 53-Jährige, den die Polizei am Freitag festnahm. Am Samstag gestand er, der europaweit gesuchte Supermarkt-Erpresser zu sein. Damit endete zum zweiten Mal dieses Jahr eine Fahndung in einem landesweit beachteten Kriminalfall im Landkreis Tübingen: Im April war auf der Morgenstelle der Mann verhaftet worden, der einen Bombenanschlag auf Spieler von Borussia Dortmund verübt haben soll.Bild: Franke

Am Freitagnachmittag rasten mehrere zivile Polizeiautos mit Blaulicht durch die Ofterdinger Schillerstraße. Ihr Ziel war ein Mehrfamilienhaus: Dort vermuteten die Beamten den Mann, nach dem bereits mehrere Tage europaweit mit großem Aufwand gefahndet worden war – den Supermarkterpresser vom Bodensee.

In einem Schreiben hatte ein Unbekannter mehreren Handelsketten damit gedroht, Lebensmittel zu vergiften und in Geschäften zu deponieren, sollte ihm nicht ein zweistelliger Millionenbetrag ausgezahlt werden. Um zu zeigen, dass er es ernst meinte, deponierte er mehrere Gläschen mit Babynahrung in einem Lebensmittelmarkt in Friedrichshafen, die er mit dem Frostschutzmittel Ethylenglycol versetzt hatte. Nach Auskunft der Behörden ist es auch in kleineren Dosen potenziell tödlich.

Polizei und Staatsanwaltschaft entschieden sich, die Öffentlichkeit bei der Suche nach dem Erpresser um Hilfe zu bitten. Sie veröffentlichten Bilder einer Überwachungskamera des betroffenen Marktes, auf denen der Verdächtige gut zu sehen war. Über 200 Hinweise gingen ein – die entscheidenden führten ins Steinlachtal.

Nachdem die Kripobeamten sich sicher waren, dass der in Ofterdingen wohnende 53-Jährige mit hoher Wahrscheinlichkeit der Gesuchte zu sein schien, flogen Spezialeinsatzkräfte des Landeskriminalamtes mit einem Helikopter ein. Sie überwältigten den Mann, als er gerade mit seinem Hund spazieren war. Er leistete keinen Widerstand – und fragte auch nicht nach dem Grund für seine Festnahme. Gegenüber der Polizei schwieg er zunächst, legte dann aber vor dem Haftrichter überraschend doch ein Geständnis ab.

In der Wohnung fand sich Gift

Die Wohnung des Mannes in Ofterdingen wurde gründlich durchsucht. Auch am Samstagmorgen waren noch Polizeibeamte vor Ort. Bei einer Pressekonferenz gaben Polizei und Staatsanwaltschaft am Samstagnachmittag weitere Einzelheiten bekannt. Die Beweislast scheint erdrückend: So habe man bei dem Mann eine Flasche mit jenem Frostschutzmittel gefunden, das zum Vergiften der Babynahrung benutzt wurde. Auch die fehlende Menge an Flüssigkeit erscheint den Ermittlern passend.

Darüber hinaus vermutet die Polizei, dass der Mann versucht hat, Beweise verschwinden zu lassen. So fand sie in einem Altkleider-Container unweit seines Wohnhauses auffällige Schuhe, die auch auf dem Überwachungsvideo zu sehen sind. Außerdem, so vermutet die Sonderkommission, soll dem Mann auch ein Laptop gehören, der ebenfalls in dem Altkleidercontainer gefunden wurde.

Nachbarn sind völlig überrascht

Im Gespräch mit Nachbarn kristallisiert sich das Bild eines eher ruhigen Mannes heraus, der im Ort nicht besonders fest verwurzelt war. Jene, die bereit waren, gegenüber dem TAGBLATT über ihn zu reden, kennen ihn meist nur vom Sehen. Nach Angaben der Polizei lebte er bis 2005 in Bayern, danach wohl zunächst in der Bodenseeregion.

Mit dem Rad und seinem Hund sei er oft unterwegs gewesen, berichten Leute aus dem Ort. „Man hat Grüßgott gesagt“, beschreibt eine ältere Frau das Verhältnis. Zugetraut hätte sie ihm eine solche Tat niemals – und auch mehrere andere versichern, sie könnten nichts Negatives über ihn berichten. „Ich bin echt platt, mir sind die Haare zu Berge gestanden“, beschreibt eine Ofterdingerin ihre Fassungslosigkeit. Eine rüpelhafte Radfahr-Episode ist das einzig Schlechte, was einer anderen Frau zu dem Mann einfällt.

Schnell die Jacke verschenkt

Gelebt habe er seines Wissens nach von Hartz IV, sagt ein Nachbar. Gelegentlich hätten sie gemeinsam etwas unternommen, seien etwa spazieren gegangen. „Ich hätte niemals gedacht, dass er sowas machen würde. Auch meine Kinder haben gesagt, so etwas hätten sie ihm nie zugetraut.“ So fiel der Nachbar aus allen Wolken, als am Freitag die Polizei anrückte: „Die haben alles auseinandergenommen.“ Mitgenommen hätten die Beamten auch die Jacke, die der mutmaßliche Lebensmittel-Vergifter auf dem Fahndungsfoto trug. Jedenfalls ist der Nachbar sich sicher, dass es sich um genau jene Jacke handelt: Denn diese Jacke hatte der Verdächtige ihm vor Kurzem geschenkt. „Diese Schuhe, diese Jacke, diese Brille – die kennen wir hundertprozentig.“

Nach Medienberichten hielt sich der Mann neben seinem Hund auch noch zwei Hasen. Im Internet bot er offenbar freiberuflich Hilfe bei der Hundeerziehung an – und versprach, den Besitzern in nur fünf Stunden zum Traumhund zu verhelfen.

Polizei spricht von Exzentriker

Der Konstanzer Vizepolizeipräsident Uwe Stürmer nannte den 53-Jährigen einen „exzentrischen Einzelgänger“, der vorbestraft und bereits früher psychisch auffällig geworden sei. Die Ermittler gehen nicht davon aus, dass der Mann Mittäter hatte. Von dem 53-Jährigen sei eine hohe Gefahr ausgegangen: „Aus unserer Sicht hatte der Täter das überhaupt nicht im Griff, ob so ein Glas abverkauft worden wäre oder nicht“, sagte Stürmer. Obwohl der Mann angab, keine weiteren vergifteten Lebensmittel in Umlauf gebracht zu haben, rät die Polizei, beschädigte Packungen abzugeben.

Mittlerweile sitzt der 53-Jährige in Untersuchungshaft. Die Ravensburger Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchte schwere räuberische Erpressung vor. Darauf stehen 5 bis 15 Jahre Haft. Wegen der Skrupellosigkeit käme aber auch ein versuchtes Tötungsdelikt in Betracht – und damit eine lebenslange Haftstrafe. gs/ik/job


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02.10.2017 - 01:00 Uhr