Fahrschulen

Zu wenig Nachwuchs,zu wenig Verdienst

Von HENNING KRAUDZUN

Digitalisierung und die rapide sinkende Zahl von Fahranfängern machen der Branche zu schaffen. Die Kosten für den Führerschein steigen weiter.

Zu wenig Nachwuchs,
zu wenig Verdienst

Ungewisse Zukunft für Fahrschulen: überaltertes Personal und rückläufige Schülerzahlen. Foto: dpa

Für die Politik galten Fahrschulen bislang als schwieriges Terrain. Die Branchenverbände bekämpfen sich mit harten Bandagen, was eine Reform des Fahrlehrerberufs über viele Jahre fast unmöglich machte. Auch die wirtschaftliche Situation der Anbieter driftet immer weiter auseinander. Während kleine Unternehmen vor schwierigen Zeiten stehen, bewerten große Fahrschulen mit mehreren Zweigestellen und solche, die im Süden Deutschlands angesiedelt sind, ihre Lage positiv.

Dies spiegelt sich in einer aktuellen Studie von Moving, der Europäischen Vereinigung der Fahrausbilder, wider. Darin wird prognostiziert, dass bis 2030 jede zehnte Fahrschule schließt und es künftig bundesweit nur noch 10 000 Anbieter gibt. Schon jetzt sind die Fahrlehrer im Durchschnitt 53 Jahre alt. Nachwuchs ist angesichts geringer Verdienstmöglichkeiten kaum in Sicht. Der Studie zufolge verdient ein Fahrlehrer aktuell im Schnitt 2450 EUR, 700 EUR weniger als der Durchschnitt aller Berufsgruppen.

„Daher ist der Fahrlehrermangel unser größtes Problem“, sagt Jörg-Michael Satz, Präsident von Moving, der SÜDWEST PRESSE. Zwar seien insgesamt 44 000 Fahrlehrer registriert, „aber nur noch auf dem Papier“, betont Satz. Ein Viertel besitze noch die Ausbildungsberechtigung, arbeite aber längst in einem anderen Job. Auch die Gesetzesnovelle, die zum 1. Januar 2018 in Kraft tritt und mit der die Qualität der Fahrlehrerausbildung verbessert werden soll, könne diesen Trend nicht stoppen. „Die Branche muss attraktiver werden“, fordert Satz. „Gefragt sind gute Pädagogen, die auch die hohe Technikaffinität der heutigen Fahrschüler erfüllen können.“ Ein Beispiel: Über 50 Prozent der Jugendlichen würden gerne auch ein Elektroauto für ihre Ausbildung nutzen, aber nur 3 Prozent der Fahrschulen verfügen über einen „Stromer“.

Große Unterschiede gibt es auch bei den Führerscheinkosten. So wird für die Ausbildung im Süden Deutschlands im Schnitt 2055 EUR verlangt, in Ostdeutschland sind es 350 EUR weniger. Erhebliche Abweichungen gibt es auch zwischen den Fahrschulen in einer Region: Die großen Zweigstellen-Anbieter verlangen für eine Fahrstunde mit 40 EUR fast 4 EUR mehr als kleine Betriebe mit ein oder zwei Fahrlehrern. Insgesamt seien die Preise seit Anfang 2016 um 6 Prozent gestiegen, berichtet Satz. „Und sie werden weiter steigen.“

Die Fahrschulbranche steht vor einem Wandel, glaubt Gero Storjohann (CDU), Straßenverkehrsexperte der Unionsfraktion im Bundestag. „Es gibt unglaublich viele Geschäftsmodelle“, sagt er. So müssten auch ältere Autofahrer auf die Digitalisierung vorbereitet werden – hier seien Experten notwendig, die Innovationen erklären – auf freiwilliger Basis. Zudem werde an Verkehrskonzepten gearbeitet, in denen das Auto nicht mehr die absolute Hauptrolle spiele. „In dieser Legislaturperiode wird es wegweisende Entscheidungen geben.“ Den Fahrschulunternehmern rät Storjohann, die Gehälter deutlich anzuheben, um eine realistische Chance zu haben, neue Mitarbeiter zu gewinnen. „Die derzeit gute Auslastung bietet die Rahmenbedingungen“, meint er. Auch durch die in der Gesetzesnovelle festgeschriebene Kooperationsmöglichkeit könnten Fahrschulen dem Wettbewerbsdruck entgegenwirken.

„Manche behaupten, dass bald die letzten Führerscheine ausgegeben werden – das ist natürlich Quatsch“, sagt Karlheinz Steinmüller, wissenschaftlicher Direktor von „Z-punkt“, einer Beratungsagentur für Zukunftsfragen. Vielmehr müssten durch den Siegeszug des automatisierten Fahrens und den damit verbundenen rechtlichen Fragen neue Unterrichtsinhalte vermittelt werden. „Fahrlehrer können diese Entwicklung für sich nutzen. Aber sie bewegen sich zu wenig“, meint Steinmüller. „Auch wenn es künftig eine Google-Fahrschule geben sollte, existieren noch genügend Nischen.“

Freilich ist noch völlig offen, wann Brüssel eine neue Führerschein-Richtlinie vorlegen wird. Dem Bund seien die Hände gebunden, obwohl man Druck mache, heißt es im Berliner Verkehrsministerium. Immerhin will die EU-Kommission Anfang 2018 einen Bericht zu diesem Thema vorlegen.


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10.10.2017 - 06:00 Uhr