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Bauen wie vor 1200 Jahren

Zu Besuch in der wachsenden Klosterstadt „Campus Galli“ bei Meßkirch

Ohne Maschinen soll in Meßkirch eine Klosterstadt aus karolingischer Zeit entstehen. Das ist gar nicht so einfach – auch wegen heutiger Bauvorschriften.

19.08.2016
  • LSW

Messkirch. Die Holzkirche soll von außen in diesem Sommer fertig werden, das erste Steingebäude in fünf Jahren. Wer mit frühmittelalterlichen Methoden eine Klosterstadt bauen will, braucht Geduld. Statt mit 40 Jahren Bauzeit am „Campus Galli“ rechnen manche Experten inzwischen eher mit 80 Jahren. Doch gut drei Jahre nach Eröffnung können Besucher in einem Waldstück bei Meßkirch (Kreis Sigmaringen) schon an 20 Stationen rund ein Dutzend Werkstätten besichtigen und Steinmetzen, Töpfern, Drechslern, Wollfrauen und Zimmermännern bei der Arbeit zuschauen. Auch die Zahl der Besucher steigt allmählich an.

Etwa 45 Häuser und eine Kathedrale für 2000 Menschen sollen auf dem 25 Hektar großen Areal errichtet werden – nach einem Sankt Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert und allein mit Muskelkraft. „Es ist fast alles aufwendiger als gedacht“, sagt Archäologe und Geschäftsführer Hannes Napierala. Bisher stehen nur Holzhütten, das erste Steingebäude könnte nach seiner Einschätzung in fünf Jahren gebaut sein.

Neben dem Verzicht auf Maschinen macht den rund 30 Handwerkern und Verwaltungskräften – darunter bis zu 15 Ehrenamtliche pro Tag – auch die Gegenwart zu schaffen. „Wir versuchen, mit mittelalterlichen Mitteln moderne Vorschriften zu erfüllen – im Baurecht, im Arbeits- und Brandschutz, im Veterinärrecht“, sagt Napierala.

Hinzu kommt der Mangel an Erfahrung mit 1200 Jahre alten Methoden, vieles müssen die Handwerker erst recherchieren und ausprobieren. Kritiker werfen dem Projekt denn auch mangelnde Authentizität vor. „Natürlich müssen wir Kompromisse zugunsten heutiger Sicherheitsstandards und Besucherinteresse machen“, räumt Napierala ein. „Aber dies versuchen wir nach Kräften im Gespräch mit Besuchern transparent zu machen. So ist etwa die Statik der Holzkirche historisch gesehen überdimensioniert. Doch wir müssen uns an die heutigen Vorschriften halten.“

Am zentralen Platz der Baustelle herrscht konzentrierte Geschäftigkeit: Zimmermänner in Leinenkluft setzen die Dachsparren der Stabkirche auf – ein Vorläufer der geplanten Kathedrale. Darauf kommen Latten aus Fichtenstämmen, die dann mit Holzschindeln eingedeckt werden. Bis zu 18 000 werden für das Kirchendach benötigt, schätzt Schindelmacher Jürgen Mädler, der die dünnen Holzplättchen seit drei Jahren aus Baumstämmen spaltet. „Rund 10 000 sind bereits auf dem Dach.“ An den Wänden des etwa zwölf mal sechs Meter großen Baus sollen demnächst die Gefache, der Raum zwischen den Holzbalken, geschlossen, der Boden aus Schotter, Lehm und Kalkestrich aufgebaut werden.

Im August soll der Guss einer 40 Kilogramm schweren Bronzeglocke wiederholt werden, nachdem beim ersten Mal 2015 wegen eines Lecks in der Tonform flüssiges Metall verloren ging. Nach Angaben von Kunstgießer Bastian Asmus war es der erste Versuch, eine Glocke nach einem Verfahren aus dem 12. Jahrhundert zu gießen.

Neben dem Gehege der Schweine steckt Raphael Schramm einen Grundriss ab: „Wir müssen einen neuen Stall bauen, in dem wir die Schweine besser impfen können, das war in der alten Hütte kaum möglich“, erklärt der gelernte Tierpfleger. Seit 2015 kümmert er sich um rund 25 Ochsen, Schafe, Ziegen, Hühner und Schweine. Die Arbeit ohne Maschinen berge jeden Tag neue Überraschungen, betont Schramm: „Am meisten Zeit brauchen die Transportwege, weil man überall hin laufen muss. Ich lege hier bestimmt zehn Kilometer am Tag zurück.“

Die Baustelle, die noch bis November geöffnet ist, soll vor allem ein Touristen-Magnet sein, doch die Besucherzahlen blieben bisher unter den Erwartungen: Nach 36 500 Schaulustigen im Jahr 2014 kamen 2015 rund 48 000, in diesem Jahr hoffen die Betreiber auf immerhin 60 000 Gäste.

Seit dem Jahr 2013 wurde das ambitionierte Projekt nach Angaben von Meßkirchs Bürgermeister Arne Zwick von der Europäischen Union, Stadt und Kreis mit rund zwei Million Euro subventioniert. Napierala ist aber optimistisch: „Ich habe die Hoffnung, dass wir bis 2018 keinen Zuschuss mehr brauchen.“ Auch Zwick ist überzeugt von der ungewöhnlichen Baustelle im Wald bei Meßkirch: „Obwohl wir es uns am Anfang ein bisschen schneller vorgestellt haben, bin ich trotzdem sehr zufrieden mit dem Projekt. Die Unterstützung in der Bevölkerung ist breit, und Handel, Gastronomie und Hotels merken alle deutlichen Zuwachs.“

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19.08.2016, 06:00 Uhr
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